Gewalt in Heimen und Kliniken - wie kommt es dazu?

Eine Pflegerin soll medizinische Geräte entfernt und so den Tod von
Patienten im Wachkoma riskiert haben. Wie häufig sind solche
Straftaten und was sind die Hintergründe?

Wiesbaden (dpa/lhe) - Die Festnahme einer Pflegerin wegen des
Verdachts des dreifachen versuchten Mordes diese Woche rückt ein
wichtiges Thema in den Fokus: Gewalt gegen Patienten und Patientinnen
in Pflegeeinrichtungen. Im Fall der 53-Jährigen waren drei
Wachkoma-Patienten eines Seniorenheims im Main-Taunus-Kreis
betroffen. 

Die Deutsche, eine examinierte Pflegerin, soll bei ihnen medizinische
Geräte entfernt haben. Ihr Motiv laut Staatsanwaltschaft: nachts
«nicht durch optische oder akustische Alarmsignale gestört und zu
pflegerischen Handlungen veranlasst zu werden». Damit habe sie den
Tod der Patienten zumindest billigend in Kauf genommen. Die Patienten
wurden in kritischem Zustand gerettet.

Überlastung, mangelndes Wissen oder Absicht

Das Motiv der Frau ist Gegenstand der Ermittlungen. Generell zählen
Experten zu den möglichen Gründen von Gewalt gegen Patientinnen und
Patienten Überlastung von Pflegepersonen, Wissens- oder
Kompetenzdefizite, mangelnde Empathie oder persönliche, soziale oder
gesundheitliche Probleme, wie etwa Suchterkrankungen. Bei Straftaten
kann auch die Absicht eine Rolle spielen, Menschen zu schaden oder zu
erniedrigen.

Gewalt in der Pflege kann in verschiedenen Formen auftreten, daher
gibt es keine umfassende Statistik zur Häufigkeit, wie das Zentrum
für Qualität in der Pflege in Berlin erklärt. Sie kann auf
körperlicher oder psychischer Ebene ausgeübt werden, auch
sexualisierte Gewalt findet statt. Betroffen können auch die
Pflegenden selbst sein. 

Vernachlässigung und finanzielle Ausbeutung

Neben entsprechenden Handlungen zählten auch Vernachlässigung,
finanzielle Ausbeutung und freiheitsentziehende Maßnahmen hinzu,
erklären die Experten des Zentrums. Die Gewalt kann auch unbewusst
geschehen und muss nicht in Schädigungsabsicht erfolgen.

Wenn es um Straftaten geht, sind diese in der polizeilichen
Kriminalstatistik verzeichnet. Die Zahl der Straftaten in
Seniorenheimen und Kliniken, bei denen es in Hessen zu Gewalt
gekommen ist, beziffert das Landeskriminalamt auf 100 im Jahr 2024,
98 im Vorjahr und 93 im Jahr 2022 in Hessen. 

Davon wurden jeweils zwischen 80 und 90 Fälle aufgeklärt. Die
landesweiten Fallzahlen für das Jahr 2025 liegen bisher nicht vor.
Wegen der vielen möglichen Formen von Gewalt halten Experten das
Dunkelfeld - also die Zahl der Taten, die nicht bekanntwerden - für
erheblich.

Erfahrungen mit Projekt zur Gewaltprävention

Zur Prävention werden den Pflege-Einrichtungen die Sensibilisierung
ihres Personals und Schulungen empfohlen. Gute Erfahrungen gibt es
bei einem von der Techniker Krankenkasse (TK) unterstützten Projekt
zum Verankern von Gewaltprävention im Alltag - auch in hessischen
Einrichtungen.

Mit dabei war das Alten- und Pflegeheim Anlagenring in Frankfurt.
Erarbeitet wurde ein Workshop-Konzept, das Mitarbeiter aller
Abteilungen umfasst und bis heute umgesetzt wird. Ohne
Führungspersonen könne dabei vertraulich Erlebtes thematisiert
werden, sagt Projektleiterin Ulli Maria Jefcoat, die in der
Einrichtung auch Vertrauensperson für die Mitarbeiter und
Mitarbeiterinnen ist. In Rollenspielen werden Lösungen erarbeitet.

Thema Gewalt «in jeder Einrichtung» präsent

«Jede Einrichtung hat das Thema Gewalt», sagt Jefcoat. Zu 95 Prozent
gehe es um gewaltvolle Sprache. Auslöser von Gewalt könnten etwa
Stresssituationen oder Überforderung sein. Konflikte gebe es zwischen
Pflegenden, Bewohnern oder Bewohnerinnen sowie Angehörigen. Wichtig
sei, dies zu offen thematisieren und die Pflegenden für die
speziellen Anliegen älterer und eingeschränkter Menschen zu
sensibilisieren.

Die TK setzt das Projekt mit dem Namen PEKo (Partizipative
Entwicklung von Konzepten zur Gewaltprävention in der Pflege) fort,
wie die Leiterin der TK in Hessen, Barbara Voß, sagt. Es habe sich
gezeigt, dass damit die Sensibilität für Gewaltsituationen in der
Pflege nachhaltig verändert werden könne. 

«Die Mitarbeitenden der teilnehmenden Einrichtungen entwickelten
individuelle Konzepte zur Gewaltprävention, wurden achtsamer im
Umgang mit Extremsituationen und entwickelten eine gesunde
Fehlerkultur», sagt Voß. Seit Herbst werden nun Berater und
Beraterinnen geschult, die die Umsetzung in weiteren interessierten
ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen sowie Krankenhäusern
begleiten sollen.

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