Sie war «die Lütte»: Angelika Mann ist tot Von Sophia-Caroline Kosel, dpa

Weil sie 1,49 Meter groß war, wurde sie «die Lütte» (die Kleine)
genannt. Auf der Bühne war Angelika Mann extrem präsent - als
Schauspielerin und Sängerin.

Berlin (dpa) - Wegen ihrer Körpergröße von 1,49 Metern ist sie «die

Lütte» genannt worden: Angelika Mann ist eine der bekanntesten
Künstlerinnen mit DDR-Wurzeln gewesen. Nun ist die Sängerin und
Schauspielerin im Alter von 76 Jahren gestorben, wie ihre Familie der
Deutschen Presse-Agentur bestätigte. Mehr als ein halbes Jahrhundert
stand sie auf der Bühne, auch als Kabarettistin und Moderatorin.

Auf ihrer Internetseite hieß es über sie: «Klein an Gestalt, jedoch
mit kaum zu zügelnder Berliner Schnauze, voluminöser Stimme und
herausragender Bühnenpräsenz unterhält sie ihr Publikum als eine ganz

«Große»». Doch um ein Haar wäre Mann kein DDR-Star geworden - den
n
bei ihrer Geburt am 13. Juni 1949 lebten ihre Eltern im Westen
Berlins.

Dann bekam ihr Vater, ein Arzt, eine Stelle im Berliner Stadtteil
Buch. Die Familie zog in den Osten um. Im Spätsommer 1961 wollte ihre
Mutter zurück in den Westen. Ein Grund: «Wir lebten in ständiger
Angst.» Das schrieb Mann in ihrer Autobiografie «Was treibt mich
nur», die 2013 erschien. Aber: Der Mauerbau kam der lang geplanten
Republikflucht zuvor.

Täglich acht Stunden Klavier geübt

Musik spielte für die Berlinerin schon früh eine wichtige Rolle. Als
Kind übte sie bis zu acht Stunden täglich Klavier, als Teenager hörte

sie Bach und Beatles. Doch nach dem Abschluss der Schule absolvierte
die quirlige Medizinertochter eine Lehre in einer Apotheke. Sie
liebte den Publikumskontakt, wie sie selbst in dem Buch beschrieb. In
der Mittagspause sang die junge Frau ihren Kollegen die neuesten
Schlager vor.

Eines Abends trat Udo Jürgens im Friedrichstadtpalast auf. Mit wei
ßem
Kittel und kaputter Strumpfhose fuhr die künftige Apothekerin in
einer Mittagspause zum Hotel - und wurde von Jürgens mit
hineingenommen. Sie stand damals auch selbst schon regelmäßig auf der
Bühne, am Wochenende in einem der DDR-Tanzsäle. 

In den 1970ern begann ihre Musikkarriere richtig - zunächst an der
Seite des Komponisten Reinhard Lakomy. Ihre unverwechselbare Stimme
ist etwa auf Lakomys millionenfach verkaufter Kinderschallplatte
«Traumzauberbaum» zu hören. Mann sang aber auch mit Manfred Krug und

der Jazz-Sängerin Uschi Brüning, war Frontfrau der Band Obelisk und
moderierte die Sendung «Rockmusik zum Anfassen» im DDR-Fernsehen.

Eine der bekanntesten und beliebtesten Sängerinnen der DDR 

«Die Lütte» wurde eine der bekanntesten und beliebtesten Sängerinne
n
der DDR. Dennoch fühlte sie sich in dem Land zunehmend unwohl. «Die
Situation in der DDR war schon seit langem recht trostlos. ... Seit
Jahren kämpfte man immer um dieselben Dinge: Texte, Musik, Klamotten,
Auftritte, Musikinstrumente», schrieb sie in ihrer Autobiografie. Sie
wurde auch drangsaliert, weil sie die Petition gegen die
Biermann-Ausbürgerung mit unterschrieben hatte. 

Im Mai 1984 stellte die Künstlerin einen Ausreiseantrag. Costa
Cordalis, der gerade auf DDR-Tournee war, gab sie ihren Flügel mit -
ein Jahr später folgte sie selbst samt Ehemann. Im Westen fasste «die
Lütte» bald wieder Fuß. Am Theater des Westens wurde sie als Lucy in

der Dreigroschenoper bejubelt, trat bei Theater-, Kabarett- und
Musical-Produktionen auf.

«Ich bekam von ihr die erste Bodylotion meines Lebens»

1987 durfte sie zusammen mit Caterina Valente auf der Bühne stehen,
einem ihrer großen Idole. «Ich bekam von ihr die erste Bodylotion
meines Lebens geschenkt - ganz feines Zeug von Armani», erzählte Mann
später. 

Nach dem Mauerfall kehrte sie dennoch gerne wieder zurück in den
Osten Deutschlands - und auf viele Bühnen dort. So war sie in der
Comödie Dresden im Theaterstück «Kalender Girls» unter anderem an d
er
Seite von Viktoria Brams, Ursula Karusseit und Uta Schorn zu sehen.
Auch vor der Kamera stand sie. In Rosa von Praunheims Film «Der
Einstein des Sex» spielte sie einen Mann.

Kampf gegen Krebserkrankung

2008 schilderte Mann in der Zeitschrift «SuperIllu», dass sie wegen
eines betrügerischen Steuerberaters in eine tiefe finanzielle und
persönliche Krise geraten sei. Wegen hoher Schulden beim Finanzamt
habe sie Privatinsolvenz anmelden müssen. 

2021 erlitt die Künstlerin mit dem frohen, optimistischen Wesen einen
weiteren Schicksalsschlag: Sie erhielt eine Brustkrebs-Diagnose.
Dennoch stand «die Lütte» weiter auf der Theaterbühne, ließ sich

nichts anmerken und trug Perücke. Im November 2022 schrieb sie auf
ihrer Facebook-Seite, sie habe nun ihre letzte Chemotherapie-Tablette
genommen. «Ich bin dankbar und demütig. Ich liebe das Leben.»

2023 sagte sie der «SuperIllu»: «Ich bin im letzten Teil meines
Lebens angekommen, da muss man sich gar nichts vormachen. ...
Bettwäsche oder Koffer kaufe ich nicht mehr. Ich gebe das Geld lieber
für schöne Erlebnisse, eine Reise, Theaterkarten, einen
Restaurantbesuch aus.»

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