Berlin und Brandenburg pro Krankschreibung per Telefon

Der Kanzler meint, der Krankenstand in Deutschland sei zu hoch. Ein
Grund könnte aus seiner Sicht die telefonische Krankschreibung sein.
In Berlin und Brandenburg gibt es hingegen Zuspruch.

Berlin/Potsdam (dpa/bb) - Sollte die Möglichkeit zu Krankschreibungen
per Telefon enden? In Berlin und Brandenburg hält man das für falsch.
«Die telefonische Krankschreibung abzuschaffen, löst kein Problem.
Sie hat sich in den Praxen bewährt, entlastet die Mitarbeitenden und
hilft den erkrankten Menschen», sagte Berlins Gesundheitssenatorin
Ina Czyborra (SPD) auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Auch
Brandenburgs Gesundheitsministerin Britta Müller (parteilos)
verteidigt die Krankschreibung am Telefon. Nach Kritik von Kanzler
Friedrich Merz (CDU) am hohen Krankenstand wird über strengere Regeln
diskutiert.

«Wir sollten hier nicht von Missbrauch und Misstrauen sprechen,
sondern uns vielmehr Gedanken darüber machen, wie wir besser und
gesünder leben und arbeiten können», sagte Czyborra. Vor allem
zunehmende Belastungen bei der Arbeit führten zu mehr Erkrankungen
der Psyche und des Bewegungsapparats. 

Merz hatte davon gesprochen, dass Beschäftigte im Schnitt auf 14,5
Krankentage kämen und den aus seiner Sicht zu hohen Krankenstand
beklagt. Zudem hatte er die Möglichkeit infrage gestellt, auch
telefonisch und ohne Praxisbesuch eine Krankschreibung zu bekommen.
Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) kündigte an, die Regelung zu
überprüfen.

Amtskollegin verteidigt die Möglichkeit

Seit Ende 2023 können Patientinnen und Patienten auch telefonisch und
ohne Praxisbesuch eine Arbeitsunfähigkeit feststellen lassen - unter
der Bedingung, dass man in der Praxis bekannt ist und keine schweren
Krankheitssymptome hat.

Auch Brandenburgs Gesundheitsministerin Müller verteidigte die
Krankschreibung am Telefon. «Sie ermöglicht eine ärztliche
Einschätzung ohne unnötige Wege und entlastet die Arztpraxen
insbesondere in Zeiten hoher Infektionszahlen», sagte die frühere
BSW-Politikerin der «Märkischen Allgemeinen».

«Wir haben heute deutlich mehr ältere Beschäftigte, und wir sehen
zugleich veränderte Krankheitsbilder», sagte sie. «Insbesondere
psychische Erkrankungen nehmen zu und führen häufig zu erheblich
längeren Arbeitsausfällen als andere Erkrankungen.»

Die Brandenburger Gesundheitsministerin sah keine automatische Gefahr
eines Missbrauchs. «Entscheidend ist, dass die Patientinnen und
Patienten dem behandelnden Arzt bekannt sind», sagte Müller. «Ob ein

persönlicher Arztkontakt erforderlich ist, entscheidet letztlich
stets die Ärztin oder der Arzt.»

Wie sehen die Zahlen in Berlin und Brandenburg aus?

In Berlin waren bei der Krankenkasse DAK-Gesundheit im vergangenen
Jahr Beschäftigte im Schnitt 19 Tage krankgeschrieben - damit lag die
Zahl leicht unter dem DAK-Bundesschnitt von 19,5 Kalendertagen. In
Brandenburg waren es durchschnittlich 22,9 Tage. Die meisten Fehltage
gingen in beiden Bundesländern demnach auf das Konto von Atemwegs-
und psychischen Erkrankungen sowie Krankheiten des
Muskel-Skelett-Systems. Bei der DAK sind rund 260.000 Menschen in
Berlin sowie rund 250.000 in Brandenburg versichert.

Die Zahl der Krankschreibungen war bei der Techniker Krankenkasse
(TK) geringer. Jedoch liegen der TK bislang nicht die Zahlen für das
Gesamtjahr vor. So waren TK-Versicherte demnach im vergangenen Jahr
von Januar bis November im Schnitt 16,7 Tage krankgeschrieben - in
Brandenburg waren es im gleichen Zeitraum durchschnittlich 20,1 Tage.
Den Angaben nach sind in Berlin mehr als eine Million Menschen und in
Brandenburg 381.000 Menschen bei der TK versichert. Als Hauptursachen
wurden die gleichen Erkrankungen wie bei der DAK genannt. 

Wichtige Möglichkeit für Menschen mit Behinderung

Der Berliner Landesbeirat für Menschen mit Behinderung mahnte an, die
Perspektive chronisch kranker und behinderter Menschen zu
berücksichtigen. Für viele Betroffene sind die telefonische
Krankschreibung oft die einzige Möglichkeit, sich schnell und ohne
zusätzliche Belastung arbeitsunfähig zu melden, wie der Landesbeirat
erklärte. 

«In der politischen Debatte werden chronisch kranke und behinderte
Menschen schlicht vergessen», beklagte der Vorsitzende Thomas Seerig.
«Wer die telefonische Krankschreibung streicht, verschlechtert den
Alltag von Menschen, die arbeiten wollen, aber nicht immer können.»

Viele behinderte und chronisch kranke Beschäftigte, insbesondere mit
psychischen Erkrankungen, erlebten kurze Krankheitsschübe. Ein
persönlicher Besuch bei einem Arzt sei in solchen Situationen oft
schwer zu bewältigen, betonte der Landesbeirat. Das Gremium berät den
Berliner Senat in Fragen der Behindertenpolitik. «Die telefonische
Krankschreibung ist kein Luxus, sondern eine kleine, aber wichtige
Erleichterung», hieß es in der Mitteilung.

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