Hausarztmangel: Welche Chance bieten digitale Assistenten? Von Florentine Dame, dpa
Rucksack statt Praxis: Im Sauerland testen Hausärzte digitale Helfer,
um den Landarztmangel auszugleichen. Sind technische Unterstützung
und neue Rollen in der hausärztlichen Versorgung die Zukunft?
Olpe (dpa/lnw) - Die digitale mobile Außenstelle des Hausarztes
Stefan Spieren aus dem Sauerland passt in einen Rucksack: ein Tablet,
ein Blutentnahme-Set, ein kleines EKG, eine Waage, eine kleine Kamera
für die Hals- oder Ohrenuntersuchung, weitere Messgeräte.
Nur der Hausarzt selbst kommt erst später ins Spiel. Die
Untersuchungen am Patienten vor Ort, den ersten Gesprächskontakt,
Blutentnahmen und Messungen übernimmt in einem Modellprojekt der
Techniker Krankenkasse im Sauerland ein sogenannter digitaler
hausärztlicher Versorgungsassistent, kurz Dihva. Gerade in ländlichen
Regionen soll so eine immer knapper werdende Ressource geschont
werden: die Zeit des Hausarztes.
Wie drängend ist das Problem?
In Teilen des Sauerlands, der Eifel oder Ostwestfalens ist der
Hausärztemangel auch in NRW bereits jetzt deutlich zu spüren: Praxen
finden keinen Nachfolger, weil sich zu wenige Mediziner für den Beruf
des Landarztes entscheiden. In den kommenden Jahren droht sich die
Unterversorgung mancherorts zu verschärfen: Allein in Westfalen und
Lippe sind von zehn Hausärzten und Hausärztinnen vier bereits 60
Jahre oder älter. Der Mangel trifft dabei auf eine immer älter
werdende Gesellschaft mit mehr chronisch Kranken und Hochaltrigen,
was einen höheren Bedarf an medizinischer Versorgung mit sich bringt.
Wie kann hier Telemedizin helfen?
Wo es weder kurzfristig noch mittelfristig gelingt, Hausärzte
anzusiedeln, müssen verbleibende Kollegen mehr Patienten versorgen.
Mit telemedizinischen Ansätzen verknüpft sich in diesem Zusammenhang
eine große Hoffnung: Gelingt es damit, medizinische Expertise über
digitale Möglichkeiten auch in entlegenere Winkel zu bringen, können
Wege- und Wartezeiten gespart und medizinische Leistungen effizienter
erbracht werden.
Das häufigste telemedizinische Behandlungselement in Hausarztpraxen
dürfte inzwischen die Videosprechstunde sein: 2023 entfielen laut
Zentralinstitut kassenärztliche Versorgung gut die Hälfte aller 2,7
Millionen bundesweit abgerechneten Videosprechstunden auf die
hausärztliche Versorgung.
Und wie funktioniert das Pilotprojekt Dihva?
Den digitalen hausärztlichen Versorgungsassistenten hat der Hausarzt
Stefan Spieren gemeinsam mit dem Psychologen Stefan Baasner erfunden
- der in ersten Pilotversuchen die neue Rolle entwickelte. Ihnen sei
es wichtig gewesen, den Zugang in den Job möglichst niedrigschwellig
zu gestalten: Ebenfalls knappes Fachpersonal werde in den Praxen
gebraucht, erklärt Baasner. Man wolle die Arzthelferinnen nicht aus
der Praxis «rausqualifizieren».
«Im Prinzip kann sich jeder in vier Monaten zur Dihva ausbilden
lassen», sagt er. 50 diagnostische Werte kann der Assistent erfassen
- Künstliche Intelligenz sagt ihm, was er angesichts der Beschwerden
des Patienten sinnvollerweise untersucht. Im Anschluss übermittelt er
die Angaben des Patienten, Bilder und Laborwerte an einen Hausarzt.
In einer Videosprechstunde oder einem Telefonat mit dem Patienten
stellt der Mediziner anschließend die Diagnose - oder lädt im
Akutfall in seine Praxis.
Bislang richtet sich das von der Techniker Krankenkasse finanzierte
Projekt vorrangig an Mitglieder. «Wir weisen aber niemanden ab», so
Spieren. Gespräche mit weiteren Krankenkassen liefen. In NRW ist seit
Herbst bereits eine Dihva im ostwestfälischen Borchen in einer
aufgegebenen Hausarztpraxis im Einsatz. Denkbare Standorte für die
mobile Dihva-Außenstelle der Praxen seien aber auch Apotheken,
Pflegeheime oder von Kommunen zur Verfügung gestellte Räume, sagen
die Initiatoren aus Olpe.
Hausärzteverbände setzen auf Qualifizierung des Praxispersonals
Auch die Hausärzteverbände in Westfalen-Lippe und Nordrhein machen
sich stark dafür, Hausärzte zu entlasten, indem sie Arbeitsschritte
auslagern. Im Modell der sogenannten Teampraxis wird dabei stark auf
die Weiterqualifizierung vorhandenen Praxispersonals gesetzt, damit
Ärzte ihnen immer anspruchsvollere Aufgaben übertragen können. So
könne eine an der Hochschule zur Primary Care Managerin ausgebildete
Fachkraft in seiner Praxis inzwischen Sprechstunden übernehmen oder
zu Hausbesuchen fahren, berichtet Lars Rettstadt, Vorsitzender des
Hausärzteverbandes Westfalen-Lippe.
Im Vergleich dazu müsse sich der tatsächliche Mehrwert der digitalen
Versorgungsassistenten noch zeigen: «Natürlich kann so etwas ein
sinnvoller Baustein sein, gerade wenn Patienten sich weite Wege
sparen können. Aber ich frage mich, wo die Entlastung für den
Hausarzt ist, wenn er die Sprechstunde danach trotzdem macht.»
Manchmal, so fürchtet Rettstadt, hofften Krankenkassen mit ihren
Projekten vor allem Kosten für gut ausgebildetes Personal sparen zu
können.
Technik ist aus seiner Sicht nicht unbedingt der Schlüssel. Seine
bisherige Erfahrung mit Rucksäcken voller diagnostischem Gerät: «Das
ist viel zu umständlich.» Gerade im Hausarztteam gehe es viel um
Empathie, berichtet er: «Manchmal weiß ich einfach durch Zuhören: Ich
muss kein EKG machen, die Thoraxschmerzen meines Patienten sind damit
begründet, dass sich gerade seine Freundin von ihm getrennt hat.»
Modellprojekt aus der Eifel konzentriert sich auf Pflegeheime
Dass die Kombination von Telemedizin und Delegation an Dritte
erfolgreich sein kann, zeigt exemplarisch ein preisgekröntes Projekt
aus dem Kreis Euskirchen, das 2023 in Zusammenarbeit mit der
Krankenkasse AOK entstand. In einigen ländlich gelegenen Alten- und
Pflegeheimen des Eifelkreises waren die Hausarzt-Kapazitäten
teilweise so knapp, dass dort keine neuen Bewohnerinnen und Bewohner
mehr aufgenommen werden konnten.
Ausgestattet mit technischem Gerät schließt das Pflegepersonal selbst
die Lücke: Pflegende können einige Gesundheitsdaten nun selbst
erheben und vor einer folgenden Televisite mit einem dazugeschalteten
Hausarzt an diesen übermitteln.
Viele Modellprojekte kommen bislang nicht in der Breite an
Und doch: Trotz großer Erwartungen an die Telemedizin und
Digitalisierung schaffen viele Modellprojekte bislang nicht den
Sprung in die Breite der Versorgungslandschaft, schreiben die
Experten im Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen
Bundestag in einem Bericht aus dem vergangenen Jahr. Dies deute
darauf hin, dass rechtliche, technische, organisatorische oder
finanzielle Barrieren fortbestünden. Möglicherweise werde aber auch
das Potenzial der Technik überschätzt, so die Experten.
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