Krankheitsausfälle im Job weiter hoch - zu hoch? Von Sascha Meyer, dpa

Erkältungen, psychische Probleme, Rückenschmerzen: Fehlzeiten von
Beschäftigten wegen Krankheit halten sich hartnäckig, wie neue Daten
zeigen. Sollten strengere Regeln für Krankschreibungen her?

Berlin (dpa) - Krankheitsausfälle bei der Arbeit sind nach einer
Auswertung der Krankenkasse DAK-Gesundheit im vergangenen Jahr auf
einem hohen Niveau geblieben. Im Schnitt waren Beschäftigte 19,5
Kalendertage krankgeschrieben - annähernd so lange wie 2024 mit 19,7
Fehltagen, wie die Kasse nach eigenen Versichertendaten ermittelte.
Wichtigste Ursachen waren Atemwegsinfekte, psychische Erkrankungen
und Probleme wie Rückenschmerzen. Nach Kritik von Kanzler Friedrich
Merz (CDU) am hohen Krankenstand wird über strengere Regeln
diskutiert. Die Gewerkschaften warnen vor einem Generalverdacht. 

Gipfel im Kanzleramt?

DAK-Chef Andreas Storm forderte einen Gipfel im Kanzleramt, der
Arbeitgeber, Gewerkschaften, Ärzte und Krankenkassen an einen Tisch
bringen sollte. Die Analysen zeigten, dass sich der Krankenstand auf
hohem Niveau einpendele. Deswegen sei eine fundierte
Ursachenforschung richtig und notwendig. Als Baustein für neue
Lösungswege schlug der Kassenchef die Einführung einer
Teilkrankschreibung bei bestimmten Erkrankungen vor. Gemeint ist, nur
für einen Teil der täglichen Arbeitsstundenzahl krankgeschrieben zu
werden. 

Der DAK-Auswertung zufolge blieb der Krankenstand im vergangenen Jahr
mit 5,4 Prozent auf einem erhöhten Niveau stabil. Es waren also an
jedem Tag des Jahres im Schnitt 54 von 1.000 Beschäftigten
krankgeschrieben. Für die Analyse wertete das Berliner Iges-Institut
den Angaben zufolge Daten von rund 2,4 Millionen Beschäftigten aus,
die bei der Kasse versichert sind.

Psychische Probleme nun häufiger als Rückenschmerzen 

Ursache Nummer eins blieben im vergangenen Jahr Atemwegserkrankungen
wie Erkältungen und Infekte mit 378,3 Fehltagen je 100 Versicherte
nach 381,7 Fehltagen 2024. Auf Platz zwei lagen nun psychische
Erkrankungen wie Depressionen, die von 341,8 Fehltagen je 100
Versicherte auf 365,5 Fehltage zunahmen. Es folgten
Muskel-Skelett-Probleme etwa am Rücken, die mit 346,9 Fehltagen je
100 Versicherte stabil blieben. Nach Berufen betrachtet, gab es im
Gesundheitswesen mit durchschnittlich 22,5 Fehltagen die häufigsten
Ausfälle - und am seltensten in der Datenverarbeitung mit
durchschnittlich 12,6 Tagen.

Merz hatte einen aus seiner Sicht zu hohen Krankenstand beklagt und
die Möglichkeit infrage gestellt, bei leichteren Erkrankungen auch
telefonisch und ohne Praxisbesuch eine Krankschreibung zu bekommen.
Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) kündigte an, die Regelung zu
überprüfen. Union und SPD hätten sich im Koalitionsvertrag
verständigt, Missbrauch auszuschließen, sagte sie dem «Tagesspiegel
».
«Genau das werden wir angehen und die aktuellen Regelungen auf den
Prüfstand stellen. Wir brauchen praktikable Lösungen.»

Ab wann sollen Krankschreibungen Pflicht sein?

Der Kanzler hatte davon gesprochen, dass Beschäftigte im Schnitt auf
14,5 Krankentage kämen. «Das sind fast drei Wochen, in denen die
Menschen in Deutschland aus Krankheitsgründen nicht arbeiten. Ist das
wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?» Nach Angaben des
Statistischen Bundesamts, die auf Daten des Instituts für
Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit
zurückgehen, waren Beschäftigte 2024 im Schnitt 14,8 Arbeitstage
krankgemeldet, also Werktage. Die DAK-Daten beziehen sich auf
Kalendertage. 

Bei Berechnungen zum Krankenstand generell nicht erfasst ist, wenn
Beschäftigte nur ein oder zwei Tage fehlen, ohne zum Arzt oder einer
Ärztin zu gehen. Nach aktueller Rechtslage müssen Arbeitnehmer eine
Bescheinigung dann vorlegen, wenn sie länger als drei Kalendertage
arbeitsunfähig sind, also am vierten Tag. Der Arbeitgeber darf sie
aber auch schon früher verlangen. 

DGB warnt vor Generalverdacht  

Die Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Yasmin
Fahimi nannte es «inzwischen hoch unanständig, in welchem Ausmaß
krankgemeldete Beschäftigte unter den Generalverdacht gestellt
werden, sie wären Drückeberger und Faulenzer.» Nachgewiesen sei, dass

viele krank zur Arbeit gingen - auch wegen Angst um ihren
Arbeitsplatz. DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel warnte: «Es gibt nicht
mehr wirtschaftliches Wachstum, wenn Leute verschnupft oder erkältet
bei der Arbeit sind. Das Einzige, was da Wachstum zeigt, sind die
Bakterien am Nachbartisch und in der Belegschaft.»

CSU-Chef Markus Söder hatte kürzlich eine frühere
Krankschreibepflicht zum Beispiel schon ab dem dritten Tag
befürwortet. In der Debatte gab es auch bereits Forderungen aus der
Wirtschaft, einen «Karenztag» einzuführen - also, dass Beschäftigte

für den ersten Krankheitstag keine Lohnfortzahlung erhalten.

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