Fitness mit «Ameca» - Können Roboter in der Pflege helfen? Von Lennart Stock und Hauke-Christian Dittrich , dpa
Roboter «Ameca» kann singen, lesen und trainieren - fast wie ein
echter Mensch. Wie kommt das bei den Senioren in einer
Pflegeeinrichtung an? Oldenburger Wissenschaftler machen ein
Experiment.
Leer/Oldenburg (dpa/lni) - Ein Mausklick am Computer reicht, dann
beginnt die Pflegekraft im Haus Friede mit dem Gymnastikprogramm für
die Bewohnerinnen und Bewohner des Pflegeheims in Leer. «Wir werden
jetzt eine kurze Sitzgymnastik machen», sagt «Ameca» und fordert die
etwa zwei Dutzend Senioren vor ihr zum Nachmachen auf. Die Gruppe
macht fleißig mit, auch wenn die Übungen nicht wie sonst von einer
echten Pflegekraft angeleitet werden. Denn «Ameca» ist ein
humanoider, ein menschenähnlicher Roboter, den Wissenschaftler an
diesem Tag für eine Studie mitgebracht haben.
«Und hoch, und links, und rechts - sehr gut», ruft der Roboter mit
einer weiblichen Stimme den Senioren zu. Erst sollen die Senioren
ihre Arme strecken, dann beugen. Währenddessen streckt auch der fast
zwei Meter große Roboter seine Arme, dreht leicht den Kopf und
zwinkert manchmal jemandem zu. «Ameca» hat ein menschenähnliches
Gesicht und Hände, aber Kleidung und Haare fehlen. Viele
Metallplatten, Scharniere und Federn sind zu erkennen.
Was die Forscher untersuchen
Dass «Ameca» nicht zu sehr wie ein Mensch aussehe, sei von den
Entwicklern so gewollt, sagt Ingenieurin Celia Nieto Agraz. So solle
sichergestellt werden, dass die Maschine auch als Roboter
wahrgenommen werde. Nieto Agraz und ihr Kollege, der Neuropsychologe
Björn Holtze, forschen am Oldenburger Institut für Informatik Offis
im Forschungsbereich Gesundheit zum Einsatz von Robotern in der
Pflege.
«Einmal möchten wir zeigen, was heute technisch schon möglich ist»,
erklärt Holtze den Besuch des Roboters in der Pflegeeinrichtung. Aber
die Forscher sind auch neugierig auf die Reaktionen der Senioren. Sie
interessiert: Wie wirkt die Maschine auf die Menschen? Akzeptieren
die Senioren den Roboter? Was macht ihn sympathisch? Was wird als
störend empfunden? «Das möchten wir herausfinden», sagt Holtze. Dat
en
und Ergebnisse der Wissenschaftler könnten die Grundlage dafür
bilden, wo und wie solche Roboter zukünftig tatsächlich einmal im
Pflegealltag zum Einsatz kommen.
Nach ein paar Minuten ist die Gymnastikübung beendet. Die
Wissenschaftler lassen «Ameca» auch ein Volkslied anstimmen: «Alle
Vögel sind schon da», trällert der Roboter und bewegt dazu wieder
Kopf, Augen, Arme und Hände. Der Ton kommt aus einem Lautsprecher in
der Brust des Roboters. Mikrofone stecken in den Ohren und Kameras in
den Augen. «Quasi wie beim Menschen», sagt Nieto Agraz. Nur gehen
kann der Roboter, der vom Unternehmen Engineered Arts aus
Großbritannien entwickelt und konstruiert wurde, nicht.
Weich wie eine gepflegte Frauenhand
Nach Gymnastikübungen und Gesangseinlage sind viele Bewohner von dem
humanoiden Roboter angetan. Berührungsängste haben die meisten nicht.
«Ich finde das ganz interessant. Der ist mir sehr sympathisch», sagt
Edith Schmidt. Nicht nur das gemeinsame Singen habe ihr Spaß gemacht.
Sie fasziniere, wie «Ameca» alle mit den Augen beobachte und
blinzele. «Das ist, als wenn er hier richtig unter uns ist und er
schaut jeden an», sagt die 89-Jährige.
Manche Senioren sind neugierig, wie sich der Roboter anfühlt und
geben der Maschine die Hand. Ganz weich fühle sie «Ameca» an, sagt
etwa Herta Börner. «Sehr angenehm. Wie eine gut gepflegte
Frauenhand», sagt die 92-Jährige und lacht. Mit einem echten Menschen
sei der Roboter aber nicht zu vergleichen.
Furcht habe sie nicht vor der Maschine gehabt, sagt Börner. «Ich bin
für alles Neue aufgeschlossen. Ich habe nur nicht gedacht, dass wir
so etwas in dem Alter noch erleben.» Die Seniorin hat auch eine Idee,
was der Roboter noch machen könnte: servieren oder bedienen. «Jetzt
noch nicht, vielleicht in späteren Jahren.» Noch müsse die Technik
wohl weiter entwickelt werden.
Fachkräftemangel verschärft sich
Könnten Roboter also bald helfen, Rollstühle zu bewegen, Patienten
umzulagern oder zu waschen? Manfred Elsen, Leiter des Hauses Friede,
ist skeptisch, ob ein Roboter schon bald solche Aufgaben bewältigen
wird. «Ob der humanoide Roboter später Pflegeanwendungen machen kann,
ganz praktisch, das würde ich erst mal bezweifeln», sagt Elsen. Denn
die Aufgaben in der Pflege seien ziemlich komplex. «Aber Menschen aus
ihrer Einsamkeit herauszuholen, Menschen anzusprechen, eine
Interaktion zu gestalten, das denke ich, ist möglich.» Dort sieht
Elsen auch Potenzial.
Krankenkassen und Gesundheitsexperten erwarten für die kommenden
Jahre, dass sich die Personalnot in der Pflege noch weiter
verschärfen wird. Denn die geburtenstarken Jahrgänge gehen allmählich
in Rente und damit auch viele Pflegekräfte. Zudem wächst die Zahl der
Pflegebedürftigen. Bis 2034 muss in Niedersachsen nach Berechnungen
der Krankenkasse DAK-Gesundheit von 2024 mehr als jede fünfte
Pflegekraft ersetzt werden. Mehr als 100.000 Menschen arbeiteten
zuletzt in Niedersachsen in Pflegeberufen.
Bislang kämen Roboter und Künstliche Intelligenz kaum im Pflegealltag
vor, sagt Elsen. Aber es gebe Anknüpfungspunkte. «Wir haben
mindestens einen Bewohner, der mit einem Sprachassistenten arbeitet.»
Darüber lasse er sich den Wetterbericht geben, mache Gehirnjogging
oder steuere das Zimmerlicht.
Hilfe gegen Einsamkeit
«Ich glaube, dass Einsamkeit ein großes Problem im Moment ist und in
Zukunft werden wird», sagt der Heimleiter. Weil aber in der Pflege
viel Zeit auch für andere Arbeiten wie Dokumentationen anfalle, könne
nicht immer ein Mensch für ein Gespräch zur Stelle sein.
Interaktionen mithilfe von Robotik und Künstlicher Intelligenz
könnten künftig eine Alternative bieten, meint Elsen - auch wenn die
Technik eine menschliche Pflege so schnell nicht ersetzen werde.
Davon sind auch die Wissenschaftler überzeugt. Es sei nicht das Ziel,
mit humanoiden Robotern Fachpersonal zu ersetzen, sagt Ingenieurin
Nieto Agraz. «Was wir wollen ist, noch anderes Werkzeug anzubieten.»
Künftig könne ein Roboter wie «Ameca» ähnlich wie andere Hilfsmit
tel
wie ein Computer oder ein Handy zur Unterstützung in den Pflegealltag
integriert werden.
Nach dem ersten Kennenlernen von «Ameca» und den Bewohnern von Haus
Friede ziehen die Wissenschaftler eine positive Zwischenbilanz.
«Meine Kollegen und ich sind ganz positiv überrascht», sagt Nieto
Agraz. Die Bewohner hätten überwiegend aufgeschlossen, interessiert
und neugierig auf den Roboter reagiert. An den kommenden Tagen soll
«Ameca» den Senioren Geschichten vorlesen. Wie das klappt? «Wir sind
ganz gespannt, was in den nächsten zwei Tagen kommt», sagt die
Wissenschaftlerin.
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