Mehrere Pfeiler für Sicherheit in Psychiatrie
Wie sollen Gewalt und Aggressionen in Psychiatrien verhindert werden?
Ein Experte nennt mehrere Strategien.
Gießen (dpa/lhe) - Die Polizei wird in die geschlossene Psychiatrie
des Universitätsklinikums Gießen gerufen. Ein Patient soll mit einem
kleinen sogenannten Scheckkartenmesser gedroht haben. Nach dem Stand
der Ermittlungen ziehen die Beamten in letzter Konsequenz ihre Waffen
und schießen. Der Patient wird tödlich getroffen. Aber wie konnte er
im Besitz eines Messers sein und wie ist das Vorgehen in einer
solchen Abteilung?
Wie sind Durchsuchungen von Patienten geregelt?
Nach den Worten des Facharztes für Psychiatrie und ärztlichen
Direktor des Vitos-Klinikums Gießen-Marburg, Michael Franz, sind die
Gesetze für die Hilfe für psychisch Kranke Ländersache. Während in
einigen Ländern Durchsuchungen explizit geregelt seien, um die Ziele
der Unterbringung und die Sicherheit zu gewährleisten, sei dies für
Hessen darin nicht wörtlich genannt. Dies werde in der Praxis von
Gefahr im Verzug abgeleitet, die jeweils situativ abgeschätzt werden
müsse, so Franz. Vitos ist nach eigenen Angaben der größte Anbieter
für die ambulante, teil- und vollstationäre Behandlung psychisch
kranker Menschen in Hessen.
Wie kann man Eskalationen verhindern?
«Das ist sehr unterschiedlich und richtet sich nach der jeweiligen
individuellen Situation», sagt Franz. Es gebe
Deeskalationsstrategien, die regelmäßig trainiert und geschult
würden. Das Gleiche gelte für Gewaltprävention und
Krisenintervention. Zudem gebe es Räume mit reduzierter
Verletzungsgefahr, in denen sich Patienten aufhalten könnten.
«Strukturierte Risikoeinschätzungen bei Aufnahme und deren
regelmäßige Fortführung unterstützen individuelle Sicherungspläne
,
inklusive Deeskalationsstrategien.» Zudem würden Notruf- und
Alarmierungssysteme genutzt.
«Zwangsmaßnahmen werden so sparsam wie möglich eingesetzt und
gesetzeskonform dokumentiert», sagt Franz. Einwilligungen würden, wo
immer möglich, eingeholt und bevorzugt, genauso wie individuelle
Lösungen zur Deeskalation. Es gebe eine Schnittstelle zur Polizei,
die bei Bedarf Hilfe leiste. Dies habe bislang gut funktioniert.
Wann gilt eine Station als geschlossen?
Sie gelte als geschlossen, wenn ihre Tür nicht durch Patienten oder
Besucher geöffnet werden könne. «In offenen Stationen ist dies
möglich. Sollte
eine Station vorübergehend geschlossen werden müssen, wird den
Patientinnen und Patienten, die auch offen behandelt werden könnten,
dies gut erklärt und begründet», sagt Franz. Diese könnten mit Hilf
e
des Personals die Station verlassen.
Wie ist die Rechtslage bei einer Gefährdung?
Geltende Rechtslage ist: Wenn ein psychisch kranker Mensch sich oder
andere gefährdet, kann er - auch gegen seinen Willen - in der
Psychiatrie untergebracht werden. Ob das der Fall ist, entscheiden
nicht die behandelnden Mediziner, sondern ein Richter oder eine
Richterin, der oder die mit dem Patienten selbst sprechen muss und
sich mit den Ärzten berät.
Sind Polizeischüsse Einzelfälle?
Nach Angaben des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener weiß man von
ähnlichen Fällen aus den Medien. «Wir haben uns im Verband mit dem
Thema Todesfälle durch Polizeieinsätze intensiv auseinandergesetzt»,
berichtet die Selbsthilfeorganisation. Patienten und Besucher seien
in der Regel ausreichend geschützt, was Gefahren durch andere
Patienten und Besucher angehe.
Anders sehe es mit dem Schutz der Patienten vor Personal und
Behandlung
aus. Jedes Jahr kämen auf psychiatrischen Stationen Patienten zu
Tode. In Allgemeinpsychiatrien gebe es keine Einlasskontrollen wie
zum Beispiel in
Gerichten. Einige Polizisten seien ausreichend sensibilisiert, andere
wiederum
nicht. Hier sehe man deutlichen Schulungsbedarf.
Was war passiert?
Am zweiten Weihnachtsfeiertag war im Universitätsklinikum Gießen ein
33-jähriger Mann durch Polizeischüsse tödlich verletzt worden. Der
Mann hatte sich in der geschlossenen psychiatrischen Abteilung in
Behandlung befunden. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Gießen hatte
er die Beamten mit einem sogenannten Scheckkartenmesser bedroht und
angegriffen.
Bisherigen Ermittlungen zufolge sollen die Beamten den 33-Jährigen
mehrfach aufgefordert haben, das Messer wegzulegen. Auch sei ein
Taser eingesetzt worden, der offensichtlich aber keine Wirkung gehabt
habe. So sei es schließlich zum Einsatz der Schusswaffen gekommen,
hatte die Staatsanwaltschaft kurz nach den Schüssen mitgeteilt.
Derzeit gibt die Staatsanwaltschaft keine weiteren Auskünfte zum
Ermittlungsstand. Auch das Uniklinikum äußert sich wegen der
laufenden Ermittlungen nicht.
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