Pandemie-Folgen: Tausende Teenager mit Angst und Panik

Tausende Teenagerinnen in Baden-Württemberg wachen nachts
schweißgebadet auf, weil Panikattacken sie quälen. Denn die Pandemie
hat Folgen - besonders bei jungen Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren.

Stuttgart (dpa/lsw) - Für viele Jugendliche in Baden-Württemberg ist
die Corona-Zeit längst vorbei - für ihre Psyche noch lange nicht.
Denn auch mehrere Jahre nach Ende der Pandemie gehören Angst und
Panik zum Alltag zahlreicher Teenager in Baden-Württemberg. Die Zahl
der Betroffenen hat laut einer neuen Krankenkassen-Analyse rasant
zugenommen. Das gilt vor allem für Mädchen.

Demnach waren im Jahr 2024 rund 61 von 1.000 Mädchen zwischen 15 und
17 Jahren wegen solcher Probleme in Behandlung. Hochgerechnet
betrifft das landesweit etwa 9.500 Mädchen - ein Anstieg um 55
Prozent seit 2019, wie es im DAK-Kinder- und Jugendreport weiter
heißt. 

Und bei vielen von ihnen ist das Problem mehr als nur eine
Eintagsfliege: Die Zahl chronischer Fälle, die laut DAK jedes Quartal
therapiert werden müssen, hat sich mehr als verdoppelt - von 6 auf 14
pro 1.000 Mädchen, also um 143 Prozent. Auffällig: Die Wachstumsraten
bei Angststörungen in Baden-Württemberg sind deutlich höher als in
ganz Deutschland. 

Auch Depressionen und Essstörungen

Die Studie der DAK-Gesundheit, basierend auf Daten von 86.800 Kindern
und Jugendlichen, nimmt vor allem die Situation von Mädchen in den
Blick. Zusätzlich zu Angststörungen bewegen sich auch Depressionen
und Essstörungen auf einem hohen Niveau. Bei Depressionen stiegen die
Behandlungszahlen seit 2019 um 35 Prozent, bei Essstörungen um 43
Prozent. Seit 2021 verharren beide Erkrankungen auf einem Plateau. 

Landesweit litten 2024 hochgerechnet rund 10.000 Mädchen im Alter
zwischen 15 und 17 Jahren an Depressionen und etwa 3.000 an
Essstörungen. Häufig treten Probleme zusammen auf: Die Fälle mit
Angst und Depression gleichzeitig haben sich verdoppelt.

«Erbe der Pandemie»

Der Report zeige, wie hartnäckig die psychischen Folgen der Pandemie
bei jungen Menschen in Baden-Württemberg geblieben seien, sagte
DAK-Landeschef Siegfried Euerle. Der Leiter des Stuttgarter
Klinikums, Jan Steffen Jürgensen, spricht von einem «Erbe der
Pandemie». Isolation, Schulschließungen und mehr Zeit in sozialen
Medien hätten die Ängste vieler Mädchen verstärkt. 

«Hier sind Mädchen vulnerabler als Jungen», sagte Jürgensen. «Sie

sehen Körperbilder, Glücks- und Zufriedenheitsideale, die kaum
erfüllt werden können. Das erhöht das Stresslevel und kann die
Ausprägung psychischer Erkrankungen vertiefen.» Passend dazu: Laut
DAK-Studie häufen sich bei jugendlichen Mädchen besonders soziale
Phobien und Panikattacken. 

Euerle warnte zudem vor den Folgen für den späteren Lebensweg:
«Psychische Erkrankungen im Jugendalter wirken oft lange nach und
belasten später Ausbildung, Familie und Berufsleben», sagte er. Das
Land müsse Ideen entwickeln, wie sich die mentale Gesundheit von
Kindern und Jugendlichen stärken lasse.

Analyse von Millionen von Daten

Für die Analyse im Rahmen des Kinder- und Jugendreports wurden laut
Krankenkasse Abrechnungsdaten von rund 86.800 bei der DAK
versicherten Kindern und Jugendlichen bis einschließlich 17 Jahren
wissenschaftlich untersucht. Der Report umfasst 4,6 Millionen
Arztbesuche, Krankenhausaufenthalte und Medikamentenverordnungen von
2019 bis 2024. 

Die DAK ist nach eigenen Angaben mit 5,4 Millionen Versicherten die
drittgrößte Krankenkasse Deutschlands. Rund 620.000 davon sind in
Baden-Württemberg versichert.

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