Missbrauchsverdacht: Klinik prüft Verstoß gegen Schutzregel

Missbrauchsverdacht gegen einen Kinderarzt im Havelland: Die Klinik
überprüft ihre Schutzmechanismen und sieht das Vier-Augen-Prinzip
verletzt. Ist mehr als ein Kind betroffen?

Nauen/Rathenow (dpa) - Nach dem Verdacht des sexuellen Missbrauchs
gegen einen Kinderarzt im brandenburgischen Rathenow will die
betroffene Klinik ihre Schutzmechanismen überprüfen. Bei der
Untersuchung des Kindes sei das geltende Vier-Augen-Prinzip - wonach
zwei Personen anwesend sein müssen - verletzt worden, erklärte die
Havelland-Klinikgruppe. Eine interne Aufarbeitung sei eingeleitet.
Die Staatsanwaltschaft prüft mögliche weitere Taten, hält sich mit
Verweis auf andauernde Ermittlungen bislang aber bedeckt. 

«Die Vorwürfe erschüttern das Vertrauen von Patientinnen und
Patienten und ihren Familien», sagte der Ärztliche Direktor, Mike
Lehsnau. Ein 45 Jahre alter Kinderarzt soll Anfang November während
des Dienstes am Klink-Standort Rathenow ein Kind sexuell missbraucht
haben. Nach der Auswertung von sichergestellten Daten gibt es laut
Staatsanwaltschaft Anhaltspunkte, dass der Mann noch mehr Kinder
missbraucht haben könnte. Bis zur rechtmäßigen Verurteilung gilt
jedoch die Unschuldsvermutung.

Innenminister spricht von zügiger Ermittlungsarbeit

Brandenburgs Innenminister René Wilke (SPD) sagte im
Landtags-Innenausschuss am Nachmittag: «Auch die Frage, inwieweit es
eine Vorgeschichte gibt, wie viele Taten es möglicherweise noch gab
(...), das wird bei den Ermittlungen eine Rolle spielen.» Durch sehr
zügige polizeiliche Ermittlungsarbeit nach einer Anzeige sei «jemand
dingfest gemacht worden, von dem ansonsten weitere Gefahren auch für
Kinder ausgegangen wären».

Der Kinderarzt sitzt seit November 2025 in Untersuchungshaft - laut
Staatsanwaltschaft Potsdam bestand Wiederholungsgefahr.

Ermittler erhoffen sich Hinweise - auch Elterntelefon geschaltet

«Wir erhoffen uns weitere Hinweise», sagte eine Sprecherin der
Ermittlungsbehörde. Die Polizei schaltete dazu ein Hinweistelefon.
Das Krankenhaus richtete außerdem ein Elterntelefon ein. 

Viele Fragen bleiben aber noch offen. Um wie viele Verdachtsfälle es
sich handeln könnte, sagte die Staatsanwaltschaft nicht. Das
Krankenhaus äußerte sich auf Nachfrage auch nicht dazu, wie lange der
Kinderarzt bei der Klinikgruppe mit Standorten in Nauen und Rathenow
beschäftigt war. Er war laut Unternehmen an beiden Häusern tätig. 


Gegen Vier-Augen-Prinzip verstoßen

Bei der medizinischen Untersuchung an der Klinik in Rathenow sei
gegen Standards und das Kinderschutzkonzept verstoßen worden, so der
Ärztliche Direktor, Lehsnau. Überprüft werde etwa, warum das geltende

Vier-Augen-Prinzip nicht eingehalten worden sei, so das
Krankenhaus-Unternehmen. Mit Blick auf die Personalstärke hätte es
umgesetzt werden können. Es spreche einiges dafür, dass der Arzt es
«bewusst» verletzt habe, hieß es bei der Online-Pressekonferenz der
Klinikgruppe. Zuvor sei nichts «Auffälliges» im Zusammenhang mit dem

Arzt festgestellt worden. 

Nach dem Vier-Augen-Prinzip müssen laut Klinik zwei Mitarbeiter oder
ein Mitarbeiter und ein Angehöriger bei der Untersuchung dabei sein.
Die Regel soll vor allem das Risiko von Fehlern verringern. Um was
für eine Behandlung es konkret ging und wie alt das Kind war, wollte
das Klinik-Unternehmen nicht sagen. 

Havelland Kliniken: Arzt bestritt Vorwürfe

Die Havelland Kliniken kündigten dem Arzt. Nach einer Strafanzeige
einer Mutter hatte es Durchsuchungen der Polizei gegeben. Auch
Klinik-Unterlagen wurden laut Unternehmen beschlagnahmt. Der
Beschuldigte habe die Vorwürfe gegenüber der Klinik bestritten, hieß

es.

Kinderschutzkonzept auf Prüfstand

Die Havelland Kliniken setzten zur Überprüfung ihrer
Schutzmechanismen und ihres Kinderschutzkonzepts im Dezember eine
interne Sonderbeauftragte ein. Zudem wurde ein externer Experte dazu
geholt - der frühere Leiter der Kinderschutz-Fachstelle in
Brandenburg, Hans Leitner. 

«In den Havelland Kliniken ist ein Kinderschutzkonzept etabliert, das
klare Standards für den Klinikalltag setzt. Dazu gehören das
Vier-Augen-Prinzip bei Untersuchungen, verbindliche
Dokumentationsstandards bei Abweichungen sowie regelmäßige Schulungen
für das gesamte Team», erklärte der Chefarzt der Kinder- und
Jugendmedizin, Torsten Kautzky. 

Die Staatsanwaltschaft, die seit November 2025 gegen den Arzt
vorgeht, machte den Fall am Dienstag bekannt. «Wir haben Ermittlungen
durchgeführt. Nun schien ein geeigneter Zeitpunkt», sagte eine
Sprecherin auf die Frage, warum die Ermittlungsbehörde Wochen später
über dem Missbrauchsverdacht berichtet. 

Andere Missbrauchsfälle in Deutschland

Der Fall reiht sich in weitere Missbrauchsverfahren gegen Ärzte in
Deutschland ein. 2022 wurde ein ehemaliger Kinderarzt an einem
Krankenhaus in Gelsenkirchen nach sexuellen Übergriffen auf
jugendliche Patientinnen zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Er
gestand, drei Mädchen während der Behandlung an intimen Stellen
angefasst zu haben. 

In Bayern hatte ein Kinderarzt seine minderjährigen Opfer über Jahre
auf der Straße oder auf dem Spielplatz angesprochen. Er hatte etwa 20
Jungen sexuell missbraucht und wurde 2020 rechtskräftig zu zwölf
Jahren und neun Monaten Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung
verurteilt.

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