Studie zu Trauma-Hilfe für Geflüchtete: Alarmierende Lücken

Viele Geflüchtete sind traumatisiert - doch in Baden-Württemberg
fallen sie oft durchs Raster. Hilfe gibt es oft erst nach Monaten
oder gar nicht. Eine neue Studie zeigt, wie groß die Lücken sind.

Stuttgart (dpa/lsw) - Trotz Krieg, Gewalt und Folter kommen viele
traumatisierte Geflüchtete nach Einschätzung der
baden-württembergischen Landesärztekammer zu kurz bei der psychischen
Versorgung. Ein großer Teil von ihnen leide unter Depressionen,
Angstzuständen oder schweren Erinnerungen an das Erlebte, heißt es in
einer Studie des Verbands. Fachleute gehen demnach davon aus, dass
etwa jeder Dritte dringend psychologische Hilfe bräuchte - aber nur
die wenigsten bekommen sie. 

«Es bestehen weiterhin Versorgungslücken», kritisiert der
Menschenrechtsbeauftragte der Landespsychotherapeutenkammer
Baden-Württemberg, Erik Nordmann. Betroffene würden nach erfahrener
Gewalt und psychischen Traumata zu lange allein gelassen. 

Das System bremst aus 

Denn wer als Geflüchteter psychisch krank sei, stoße schnell auf
Probleme, weil das System durch Bürokratie und fehlende Ressourcen
bremse, heißt es unter anderem im «Versorgungsbericht Traumatisierte
Flüchtlinge». In den ersten drei Jahren gebe es oft keinen festen
Anspruch auf Therapie. Jeder Antrag auf Psychotherapie muss einzeln
beantragt werden - oft mit Ablehnung und Wartezeiten durch strenge
Sozialämter. In dieser Zeit verschlimmerten sich viele Erkrankungen. 

Sprachbarrieren machten es schlimmer: Dolmetscher würden selten
finanziert, Familien übersetzten oft ungeeignet. Ohne gemeinsame
Sprache sei eine Therapie aber kaum möglich. 

Psychosoziale Zentren als Rettung 

Wichtige Anlaufstellen sind die sogenannten Psychosozialen Zentren
(PSZ). Dort arbeiten Fachleute, die sich auf Geflüchtete
spezialisiert haben und auch mehrsprachig helfen. Neun Zentren dieser
Art gibt es laut Studie in Baden-Württemberg. Dort wurden 2024 mehr
als 2.500 Geflüchtete aus Afghanistan, Syrien oder der Ukraine mit
Therapie, Beratung und Dolmetschern unterstützt. 

Finanznot und Überlastung 

Doch die Kapazitäten reichen laut Landesärztekammer bei Weitem nicht
aus: 2024 konnten die Zentren im Südwesten nur rund zwei Prozent der
besonders schutzbedürftigen Menschen versorgen. Die Wartezeit beträgt
3,8 Monate. Die Teams sind von den Schicksalen selbst belastet und
brauchen regelmäßige Aufsicht, kritisiert der Versorgungsbericht. 

Ein Kernproblem ist laut dem Bericht die Finanzierung. Die Zentren
müssen ihr Geld aus vielen Töpfen vom Land, vom Bund, von Kommunen
und aus zeitlich begrenzten Förderprogrammen zusammensuchen.
Langfristige Planung sei kaum möglich. Der Bericht warnt:
Unbehandelte Traumata führen zu chronischen Leiden, zu höheren Kosten
und gescheiterter Integration. 

Land hat Mittel verdreifacht 

Das Sozialministerium unterstützt die Zentren nach eigenen Angaben
mit zwei Millionen Euro im Jahr - die Förderung haben sich in den
vergangenen letzten Jahren verdreifacht, sagte ein Sprecher. Dazu
gehörten eine Beratungsstelle für politisch Verfolgte, das
Behandlungszentrum für Folteropfer in Ulm und das Traumanetzwerk in
Lörrach. 

Zudem sei das Hilfsprogramm «BW schützt!» zuletzt erweitert worden,
hieß es. Sein Ziel ist es, auf einfache und niederschwellige Weise
Betroffene zu identifizieren und ihnen die passende Unterstützung
anzubieten. 

Was sich ändern muss 

Die Autoren der Studie fordern dennoch klare Schritte wie eine
verlässliche Finanzierung der Zentren, Dolmetscher als feste Leistung
im Gesundheitssystem und einen schnelleren Zugang zu Therapien. Ihre
zentrale Botschaft: Frühe Hilfe verhindert schlimme Folgen - für die
Betroffenen und für die Gesellschaft insgesamt. 

«Wir sollten die Behandlung von Traumafolgen als Prävention
begreifen», sagt auch Robin Maitra, der Menschenrechtsbeauftragte der
Landesärztekammer. Würden psychische Traumafolgen nicht behandelt,
steige das Risiko der Eigen- und Fremdgefährdung. «Die rechtzeitige
Behandlung von traumatisierten Geflüchteten kann umgekehrt also das
Risiko für Suizide und auch für aggressive Handlungen gegen andere
senken.»

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