Die Finanzbranche entdeckt das Pflegeheim Von Carsten Hoefer, dpa
Die deutsche Bevölkerung altert, und damit steigt der Bedarf an
Betreuung. Banken und private Kapitalgeber suchen nach
Anlagemöglichkeiten - eignet sich die Pflege?
München (dpa) - Eine alternde Gesellschaft bietet Renditechancen:
Angesichts der chronischen Flaute auf dem Büroimmobilienmarkt
entdeckt eine wachsende Zahl frustrierter Investoren und Banken
Pflegeheime als Kapitalanlage. Da die Zahl der Pflegebedürftigen in
den kommenden Jahren weiter steigen wird, ist der Kapitalbedarf für
neue Pflegeheimplätze hoch. «Pflegeimmobilien waren nie eine
Asset-Klasse, die bei den Banken in der Vergangenheit im Fokus
stand», sagt Philipp Wackerbeck, Partner bei dem Beratungsunternehmen
Strategy& in München. «Doch das hat sich fundamental gedreht.»
Kapitalbedarf in zweistelliger Milliardenhöhe
Geld wird jedenfalls benötigt: Das Wirtschaftsforschungsinstitut RWI
Essen schätzte 2024 in einem «Basisszenario» den Kapitalbedarf für
neue Pflegeheimplätze von 2021 bis 2030 auf 20,6 Milliarden Euro, bis
2040 auf über 35 Milliarden. Dabei noch gar nicht mitgerechnet waren
der Sanierungsbedarf in bereits bestehenden Heimen oder Vorgaben für
eine größere Zahl von Ein-Bett-Zimmern wie in Nordrhein-Westfalen
oder Baden-Württemberg. «Die Auslastung der Heime ist sehr hoch und
liegt nach den letzten Zahlen zwischen 92 und 95 Prozent», sagt
Maurice Schroff, Direktor und Pflegefachmann bei Strategy&.
«Demografiebedingt wird der Anteil der alten Menschen in den
kommenden Jahren steigen. Und damit wird auch die Zahl der
Pflegebedürftigen entsprechend wachsen.»
In der Tat: Laut Demografieportal des Bundes waren 2023 5,7 Millionen
Menschen pflegebedürftig, bis 2040 wird ein Anstieg auf 6 Millionen
erwartet - das wären dann dreimal so viele wie 1999. «Wenn man auf
Deutschland schaut, gibt es nicht mehr viele Bereiche, in denen die
Wirtschaft wächst», sagt Wackerbeck. «Bestenfalls stagnieren wir.
Aber Pflege und Sozialimmobilien im weitesten Sinne sind ein
Wachstumsmarkt.»
Banken hielten sich lang von Pflegebetten fern
Das Thema «Betten finanzieren» sei bei Banken lange unbeliebt
gewesen, «weil die Marge niedrig und das Risiko hoch war und man
natürlich auch dafür Spezialisten braucht, die nicht jede Bank hat.»
Und private Kapitalgeber haben nach Worten Wackerbecks Interesse, als
Eigentümer und Betreiber direkt einzusteigen. «Das betrifft nicht nur
Pflege im engeren Sinne», sagt der Berater. «Wohnkonzepte für älter
e
Menschen, Seniorenwohnen mit und ohne Betreuung oder Pflege, sind ein
wachsender Markt.» Für Banken bieten sich nach Einschätzung der
Berater unter anderem Chancen für Projektentwicklungs- und
Bestandsdarlehen.
Zahl der Pflegebedürftigen schon vor Abschied der Babyboomer stark
gestiegen
Doch warum ist die Zahl der Pflegebedürftigen in den vergangenen
Jahren so stark gestiegen, noch bevor Scharen von Babyboomern aus dem
Arbeitsleben ausscheiden? Eine Hauptursache waren die
«Pflegestärkungsgesetze» der Jahre 2015 und 2017. Seither gilt nicht
mehr nur als pflegebedürftig, wer körperlich gebrechlich ist, sondern
auch Menschen mit «gesundheitlich bedingten Beeinträchtigungen der
Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten».
In die Alltagssprache übersetzt bedeutet das im Wesentlichen, dass
auch Demenz und seelische Erkrankungen Pflegegründe sind. Das würde
auch ganz ohne demografischen Wandel höhere Kosten nach sich ziehen.
Die deutsche Politik hat nach Einschätzung von Fachleuten einerseits
die Leistungen ausgeweitet und andererseits finanziell nicht
ausreichend vorgesorgt.
Kritik: Länder geben zu wenig Geld
Trotz wachsender Herausforderungen angesichts des demografischen
Wandels warnt der Sozialverband Deutschland (SoVD) vor einer
zunehmenden Monetarisierung des Pflegesektors. «Wenn sich am Ende
alles um Renditen dreht, ist die Gefahr groß, dass diejenigen in den
Hintergrund rücken, um deren Wohl es geht: Patientinnen und Patienten
und die zu Pflegenden», mahnte die SoVD-Vorstandsvorsitzende Michaela
Engelmeier. «Wenn Gesundheit und Pflege in Konkurrenz zu
wirtschaftlichen Belangen geraten, sind Interessenskonflikte
vorprogrammiert - hiermit macht man keine Geschäfte.»
Gesetzlich sind eigentlich die Länder für die Infrastruktur in der
Pflege verantwortlich. «Dieser Verpflichtung kommen sie nicht in
ausreichendem Maß nach», sagt Katharina Owczarek, Referentin für
stationäre Altenhilfe bei der Diakonie Deutschland. Das Geld für
Neuinvestitionen fehlt. «Die wirtschaftliche Situation der
diakonischen Pflegeeinrichtungen ist insgesamt sehr angespannt», sagt
Owczarek. «Zentrale Herausforderung für unsere Träger ist daher nicht
der Neubau von stationären Pflegeeinrichtungen, sondern der Erhalt
der Bestandseinrichtungen und ihrer Plätze.»
Die Bedeutung der privaten Anbieter habe bereits in den vergangenen
Jahren kontinuierlich zugenommen, sagt die Ökonomin Dörte Heger, in
ihrer früheren Position am RWI Essen Hauptautorin des oben zitierten
Pflegeberichts und heute Professorin an der Hochschule Bochum. Heger
erwartet lediglich eine langsame Fortsetzung des Trends hin zu mehr
privaten Heimen.
Die finanziell bedrängten Länder werden nach Einschätzung der
Gesundheitsökonomin auch in Zukunft zu wenig Geld zur Verfügung
stellen: «Meiner Meinung nach wird die je nach Bundesland sowieso
sehr unterschiedliche Investitionsförderung zu knapp ausfallen, um
den Pflegebedarf zu decken. Es bleibt damit freigemeinnütziges und
privates Kapital.» So sieht es derzeit danach aus, dass am Ende die
alten Menschen und deren Familien selbst mitzahlen müssen: Für daraus
resultierende höhere Investitionskosten hätten zumindest nach
aktueller Regelung die Pflegebedürftigen und gegebenenfalls deren
Angehörige aufzukommen, sagt Heger.
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