Drei Tote, viele Verletzte - Brände und Böller fordern Opfer
Häuser in Flammen, Chaos in Notaufnahmen, Attacken auf die Polizei:
Der Jahreswechsel in Baden-Württemberg forderte den Einsatzkräften
viel ab. Was sich in der Nacht ereignete.
Stuttgart (dpa/lsw) - Brennende Häuser, abgetrennte Finger, drei
Tote: Der Jahreswechsel hat Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste in
Baden-Württemberg im ganzen Land im Dauereinsatz gehalten. Hunderte
Male rückten die Einsatzkräfte aus. Bei Bränden kamen am Mittwoch
drei Menschen ums Leben - einer in der Silvesternacht, zwei weitere
im Verlauf des Tages. Die Ursachen der Feuer sind nach Angaben des
Innenministeriums bislang ungeklärt.
In den Leitstellen gingen unzählige Notrufe ein, Dutzende Brände
mussten gelöscht werden. Beim Böllern und Abfeuern von Raketen
erlitten mehrere Menschen teils schwere Verletzungen. In Stuttgart,
wo es in diesem Jahr keine zentrale Silvesterfeier gab, verstießen 30
Personen gegen das Feuerwerksverbot innerhalb des City-Rings. Sie
müssten nun mit Anzeigen rechnen, teilte das Ministerium mit.
Zwei Männer und eine Frau sterben an Silvester
Drei Menschen starben bei Bränden in Bonndorf und Lenzkirch im
Schwarzwald sowie in Giengen an der Brenz. In Bonndorf war ein Mann
bei Löscharbeiten leblos in seiner Wohnung gefunden worden. Das Feuer
war gegen 21.30 Uhr in einem Mehrfamilienhaus im Bereich eines
Balkons ausgebrochen, wie die Polizei mitteilte. Mehrere Bewohner
hätten sich in Sicherheit bringen können.
In Lenzkirch brach bereits gegen 6.00 Uhr am Silvestermorgen ein
Feuer in einer Wohnung eines Mehrfamilienhauses aus. Die Feuerwehr
habe 14 Personen aus dem Gebäude evakuiert. Ein 68-jähriger Mann sei
tot in der Wohnung gefunden worden, in der der Brand ausgebrochen
war. In Giengen habe um 9.50 Uhr ein Gebäude gebrannt, teilte ein
Polizeisprecher mit. Dort sei eine Frau ums Leben gekommen.
Attacken auf Einsatzkräfte
In Mannheim sind nicht nur Straßenbahnen, sondern auch Polizeikräfte
mit Böllern und Pyrotechnik beschossen worden. Rund 2.000 Personen
versammelten sich laut Ministerium im Bereich des Wasserturmes. Rund
20 Jugendliche bewarfen laut Polizei drei Straßenbahnen mit Steinen
und Böllern. Dabei seien mehrere Scheiben und eine Eingangstür zu
Bruch gegangen, ein Fahrerhaus sei komplett entglast worden.
Auch Beamte seien in Mannheim attackiert worden, so das Ministerium.
Landesweit wurden sechs Polizisten laut Ministerium in der Nacht
verletzt. Gewalt gegen Einsatzkräfte sei scharf zu verurteilen und
werde mit den Mitteln des Strafrechts konsequent verfolgt.
Feuerwerkskörper auf Schulgebäude und Menschen
In Tübingen feuerten unbekannte Täter laut Polizei mehrere Raketen in
eine Menschenmenge. Hierbei wurde eine 80-jährige Frau leicht
verletzt. In Denkendorf schossen drei Jugendliche eine
Feuerwerksrakete ab, die in der Nähe einer 17-Jährigen explodierte.
Diese wurde leicht verletzt und erlitt einen Schock. Die Ermittlungen
zu den Tätern dauerten an.
In Heilbronn schlugen Unbekannte ein Fenster einer Schule ein und
warfen Feuerwerkskörper in das Gebäude. Mehrere Möbel seien in Brand
geraten, teilte eine Polizeisprecherin mit. Die Feuerwehr löschte die
Flammen.
Vier Brandopfer im Kreis Ludwigsburg
Bei einem Brand eines Mehrfamilienhauses im Landkreis Ludwigsburg
wurden vier Menschen leicht verletzt. Das Feuer sei im Flur des
Hauses in Korntal-Münchingen ausgebrochen, so die Polizei. Beim Brand
einer Garage in Graben-Neudorf (Kreis Karlsruhe) wurde eine Frau
leicht verletzt. Sie habe das Auto noch aus der Garage fahren wollen,
als diese bereits in Flammen stand, so die Polizei. Die Flammen
griffen auch auf das angrenzende Haus über.
Brennende Garagen, Mülltonnen und Hecken
Auch andernorts brannten Garagen, Carports und darin befindliche
Autos. Besonders häufig musste die Feuerwehr wegen kleinerer Brände
ausrücken, etwa von Mülltonnen und Hecken. Gerade die Vielzahl
kleiner Brände sei besonders fordernd, vor allem wenn sie
gleichzeitig gemeldet würden, sagte der Sprecher der Stuttgarter
Feuerwehr, Daniel Anand. Auch Möbel auf Balkonen und Dachterrassen
seien einige Male in Brand geraten. Die Polizei in Offenburg allein
berichtete von 200 Einsatzlagen, darunter 50 Bränden. Das
Polizeipräsidium Reutlingen meldete 80 kleinere Brände im Beritt.
Finger weggesprengt
Ein 42-jähriger Mann verlor in der Silvesternacht in Lahr im
Ortenaukreis bei einer Böllerexplosion drei Finger der linken Hand.
Grund sei der «unsachgemäße Umgang mit Feuerwerkskörpern», meldet
e
die Polizei. Er sei in ein Krankenhaus eingeliefert worden.
Ebenfalls sprengte sich ein knapp 80 Jahre alter Mann bei einer
Explosion in Stuttgart einen Finger weg, zwei weitere müssten wohl
amputiert werden, wie der leitende Oberarzt der Notaufnahme des
Klinikums Stuttgart, Florian Dengler, der dpa berichtete. Auch in
Tübingen verletzte sich ein 17-Jähriger schwer an der Hand und musste
in die Klinik.
Ausnahmezustand in Notaufnahmen
Ab Mitternacht habe in Stuttgart man fast dreimal so viele Patienten
versorgen müssen wie an einer normalen Wochenend-Nacht, so der
Stuttgarter Mediziner Dengler. Dieses Jahr sei es verglichen mit
anderen Silvesterschichten «eher heftig» gewesen. Viele Patienten
seien alkoholisiert gewesen. Ein Herr um die 40 habe schwerste
Kopfverletzungen erlitten, als er eine Feuerwerksbatterie mit einem
Gasbrenner oder einem ähnlichen Gerät anzünden wollte und die
Batterie neben ihm explodierte. Er habe sogar Frakturen am Schädel
erlitten.
In der Oberschwabenklinik in Ravensburg musste ein dreijähriges Kind
noch in der Nacht operiert werden, nachdem es sich beim Hantieren mit
einem Feuerwerkskörper eine schwerere Verletzung an der Hand
zugezogen hatte. Der Vater des betroffenen Kindes wollte noch
eingreifen. Er musste dann ebenfalls operiert werden.
«Feuerwerkskörper sind kein Spielzeug und gehören grundsätzlich nic
ht
in die Hände von Kindern und Jugendlichen», sagte Martin Riester, der
am Neujahrstag in der Kindernotaufnahme in Ravensburg diensthabende
Oberarzt.
Trotzdem teils positive Bilanz
Das Innenministerium sprach von einer «Herausforderung für die
Einsatzkräfte». Trotz aller Unfälle und Verletzten äußerten sich
Verantwortliche am Neujahrstag unter dem Strich eher positiv. Die
Stuttgarter Polizei etwa zog in einer Mitteilung bereits in der
Neujahrsnacht eine «vorläufig positive Bilanz». Am Donnerstagmorgen
sagte ein Sprecher auf Anfrage, dass wirklich wenig los gewesen sei.
«Der Jahreswechsel verlief aus polizeilicher Sicht unauffällig»,
teilte auch die Polizei in Karlsruhe mit. Die Heilbronner Polizei
meldete, von einem ruhigen Jahreswechsel könne aufgrund der Vielzahl
von Einsätzen zwar nicht gesprochen werden. Viele Ereignisse seien
aber glücklicherweise glimpflich ausgegangen. Auch die Polizei in
Offenburg blickte auf einen «überwiegend friedlichen Jahreswechsel»
zurück.
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