Was eine Handchirurgin in der Silvesternacht erlebt
An Silvester herrscht für Handchirurgen Hochbetrieb. Viele
Handverletzungen sind selbst verschuldet, erklärt eine Ärztin.
Besonders häufig betroffen sei vor allem eine Personengruppe.
Berlin (dpa) - Abgetrennte Finger, durchtrennte Sehnen, Amputationen
- die Handchirurgin Leila Harhaus-Wähner hat in der Silvesternacht
schon vieles gesehen. Auch in diesem Jahr rechnet die Berliner Ärztin
mit zahlreichen Böller-Verletzten. «Für Handchirurgen ist es klar,
dass Silvester die arbeitsreichste Nacht sein kann.» Bis 24 Uhr
passiere erstmal nicht so viel, ab 1 Uhr, 2 Uhr nachts kämen immer
mehr Verletzte in die Notaufnahme und dann «sehr viele in sehr kurzer
Zeit.»
Harhaus-Wähner ist Direktorin der Klinik für Hand-, Replantations-
und Mikrochirurgie am Unfallkrankenhaus Berlin. In der Regel würden
innerhalb von 24 Stunden 100 bis 120 Menschen in der Notaufnahme
behandelt. An Silvester seien es etwa 250 bis 300, andere Notfälle
wie Schlaganfälle oder Herzinfarkte einberechnet. Es kämen Menschen
mit Verbrennungen, Verletzungen am Auge, Betrunkene mit gebrochenem
Arm und eben Menschen mit Handverletzungen.
Verletzungen mit lebenslangen Folgen
In der Handchirurgie müssten an Silvester im Unfallkrankenhaus rund
20 bis 40 Menschen mit Böllerverletzungen operiert werden, sagt die
Ärztin. Dieses Jahr werde sie mir vier weiteren Handchirurgen im
Einsatz sein. Die häufigsten Verletzungen entstünden durch
explodierende Böller in der Hand.
«Der überwiegende Teil der Verletzungen trägt tatsächlich lebenslan
ge
Folgen mit sich, weil die Sprengkraft dazu führt, dass eben nicht nur
einzelne Strukturen verletzt sind, sondern immer mehrere. Und das
heilt praktisch nie ganz folgenlos ab.» Zum Teil könnten Hände nicht
mehr gerettet und müssten amputiert werden.
Schlimmere Verletzungen durch Kugelbomben
Ein Großteil der Verletzungen sei selbst verschuldet. Die Professorin
schätzt den Anteil auf 70 bis 80 Prozent. Sehr häufig seien die
Betroffenen betrunkene Männer zwischen 20 und 40 Jahren. Die
restlichen Patientinnen und Patienten würden zufällig zum Opfer, etwa
weil sie beworfen würden. Zum Teil nähmen Kinder nicht gezündete
Feuerwerkskörper in die Hand, die dann unerwartet explodierten. Im
Unfallkrankenhaus Berlin werden Patienten und ihre Angehörigen bei
Bedarf von Traumapsychologen betreut.
Für eine neue Dimension habe im vergangenen Jahr das illegale
Abbrennen von Kugelbomben gesorgt. «Die Patienten mit Verletzungen
durch Kugelbomben weisen sehr viel stärkere Verletzungsmuster auf,
die auch den ganzen Körper betreffen, weil diese Explosion
ungerichtet stattfindet. Und das sind nicht nur Hände und Gesichter,
sondern auch Bauch, Beine.» Alle Körperareale seien gleichermaßen
gefährdet.
Vergangenes Jahr wurde ein Siebenjähriger in Berlin schwer durch eine
Kugelbombe verletzt und musste Dutzende Male operiert werden. Er
überlebte nur knapp.
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