Verletzungen wie im Krieg: Ärzte zu Silvester im Dauerstress Von Jörg Schurig und Daniel Josling, dpa

Das Stadtbild erinnert nach Silvester oft an ein Schlachtfeld. Auch
in anderer Hinsicht sind militärische Vergleiche angebracht. Oft
haben Ärzte nach Böller-Unfällen mit schweren Verletzungen zu tun.

Dresden/Chemnitz/Leipzig (dpa) - Abgerissene Finger oder Hände,
schwerste Verbrennungen im Gesicht, zerstörte Augen. Was Ärzte in der
Silvesternacht auf den OP-Tisch bekommen, kennen sie eigentlich nur
aus der Kriegschirurgie. «Es sind Verletzungen, wie sie an der Front
in der Ukraine passieren. Wir wissen, wie sie aussehen, da wir hier
ukrainische Soldaten interdisziplinär versorgen», sagt Professor
Adrian Dragu, Direktor der Abteilung für Plastische und Handchirurgie
am Universitätsklinikum Dresden.

«Erst kommt die Druckwelle, dann die Hitze»

2024 kamen in Deutschland zu Silvester fünf Menschen bei Unfällen mit
Böllern ums Leben - zwei davon in Sachsen. Ihnen wurden sogenannte
Kugelbomben zum Verhängnis. «Jede Explosion geht mit Hitze und einer
Verbrennung einher», beschreibt Oberarzt Tim Fülling ein spezifisches
Problem. Die Verletzungen erfolgen dem Mediziner zufolge de facto
stufenweise: «Erst kommt die Druckwelle, dann die Hitze.» Deshalb
müsse man zum Jahreswechsel oft andere komplexe chirurgische
Techniken anwenden als im normalen Klinikalltag.

Bis zu 30 Patienten mit solchen Verletzungen müssen Ärzte im Dresdner
Uniklinikum jedes Jahr in den Tagen um Silvester versorgen. Dann sind
sie auf etwas angewiesen, was gleichfalls aus der Militär- und
Katastrophenmedizin stammt: Triage - die Auswahl von Patienten nach
Schwere der Verletzung und Dringlichkeit, weil zu viele in der
Notaufnahme landen. Fülling: «Wir müssen dann entscheiden, welche
Verletzung wir in welcher Reihenfolge versorgen.»

Verletzungen vor allem an Händen und im Gesicht

Manchmal haben Patienten Verletzungen an Händen und im Gesicht - an
den Stellen, die nicht durch Bekleidung geschützt sind. Vor allem
alkoholisierte Männer im Alter unter 25 Jahren sind betroffen. Auch
Kinder sind die Leidtragenden, etwa wenn sie in den Tagen nach dem
Jahreswechsel mit Blindgängern spielen. Nicht selten passieren
Unfälle mit selbstgebastelter Pyrotechnik. In den vergangenen Jahren
habe es mehrere Patienten gegeben, die sich dabei die ganze Hand
wegsprengten, sagt Fülling. 

Bis heute behandelt der Oberarzt einen Mann, der 2024 durch einen
Böller mehrere Finger verlor - allerdings nicht am Silvestertag. Er
hatte mit Kugelbomben Wühlmäuse in seinem Garten in die Luft jagen
wollen. Jetzt werden ihm Prothesen angepasst. In den meisten Fällen
lassen sich abgetrennte Gliedmaßen wieder annähen, wenngleich die
Funktionsfähigkeit in der Regel danach eingeschränkt bleibt.

Am besten lassen sich Replantationen - das chirurgische Wiederanfügen
amputierter Extremitäten oder Gewebeteile - vornehmen, wenn man es
mit einer glatten Durchtrennung ohne größere Schäden am Gewebe zu tun

habe, erklärt Fülling. «Das ist der Idealfall. Aber bei Explosionen
geht häufig Gewebe verloren oder es ist an der Wunde verbrannt.»
Mitunter müsse man dann aus anderen Körperregionen Gewebe
verpflanzen.

«Unsere größte Sorge ist eine Infektion» 

Eine Explosionsverletzung sei komplex, weil der Arzt das gesamte
Spektrum von der Mikrochirurgie bis zur Knochenchirurgie beherrschen
muss, betont Fülling. Zudem sei die Verunreinigung der Wunden eine
große Herausforderung. Normalerweise komme der Patient nicht mit
einer «sauberen» Wunde ins Krankenhaus. «Unsere größte Sorge ist
eine
Infektion. Auch das kennen wir aus der Kriegschirurgie.» 

Mit Replantationen hat Ramin Khoramnia, Ärztlicher Direktor der
Klinik und Poliklinik für Augenheilkunde, kaum zu tun. «Wenn das Auge
nicht mehr in der Augenhöhle ist, kann es nicht einfach wieder
«eingesetzt» werden.» Der Professor räumt ein, dass Silvester die
schlimmste Nacht für ihn und seine Kollegen ist. Die Verletzungen
könnten sehr verschieden sein - von leichten Verbrennungen bis zu
einem komplett zerstörten Organ, etwa wenn eine Rakete direkt vor dem
Auge explodiert. In mehr als der Hälfte der Fälle seien Leute
betroffen, die gar nicht selbst gezündelt hätten, oftmals leider auch
Kinder. 

«Beim ersten Eingriff müssen wir die Wunde verschließen, damit keine

Erreger hineinkommen», sagt Khoramnia. Um Sehschärfe oder
Wiederherstellung des Sehvermögens könne man sich erst in einem
Folgeeingriff kümmern. «Zunächst muss das Auge als Organ erhalten
werden.» Wenn die Wunde abgeheilt sei, erfolge in der Regel ein paar
Wochen später ein weiterer Eingriff. Dann gehe es darum, so viele
Funktionen wie möglich zu erhalten.

«Nach Mitternacht kommen die Massen»

Auch in Chemnitz zeigt sich Jahr für Jahr der gleiche
Ausnahmezustand. «Am Silvestertag haben wir oft noch relativ wenig
Patienten, aber in der Nacht nach Mitternacht kommen die Massen»,
sagt Thomas Baitz, leitender Oberarzt am Klinikum Chemnitz. Während
an einem normalen Tag rund 80 Patienten in die Notaufnahme kämen,
seien es am Neujahrstag regelmäßig rund 120 - ein Plus von bis zu 40
Prozent.

Besonders auffällig seien Verletzungen, die sonst kaum eine Rolle
spielten. «Frakturen des Schädels und Gesichtsknochen sowie
Amputationen an Hand und Handgelenk sind an Silvester plötzlich in
den Top-Diagnosen», sagt Baitz. Häufig komme Alkohol hinzu: «Eine
ganz tückische Kombination mit Feuerwerk.» 

Auch schwere Augenverletzungen spielen in Chemnitz dem Oberarzt
zufolge eine große Rolle. In der Silvesternacht müssten regelmäßig

mehrere Menschen wegen Augenverletzungen stationär aufgenommen
werden. «Das ist sonst extrem selten», sagt Baitz.

«Noch nie gesehen» - Belastung auch für Klinikpersonal

Die schwersten Fälle bleiben dem Team lange im Gedächtnis. «Das habe

ich noch nie gesehen - zwei fast abgesprengte Hände», erinnert sich
Baitz an einen Jahreswechsel. Solche Verletzungen kämen im normalen
Klinikalltag praktisch nicht vor.

Ähnliche Erfahrungen macht das Universitätsklinikum Leipzig. Auch
hier liegt das Patientenaufkommen in der Zentralen Notaufnahme am
Neujahrstag regelmäßig rund 40 Prozent höher als an Silvester oder an

einem normalen Dezember-Wochenende. Zum Jahreswechsel 2024/25
entsprach das einem Plus von 142 Patientinnen und Patienten.

Achtjähriger in Leipzig verliert Finger

Rund um den Jahreswechsel 2024/25 wurden in Leipzig erneut zahlreiche
Menschen mit Feuerwerksverletzungen behandelt, darunter mehrere mit
schweren Handverletzungen. Unter den stationär Versorgten befand sich
ein achtjähriger Junge, dem ein Blindgänger mehrere Finger abriss.

Wie gravierend die Folgen sein können, zeigt eine Auswertung des
Uniklinikums Leipzig über zehn Jahreswechsel hinweg: Fast die Hälfte
der Verletzten behielt dauerhafte Funktionseinbußen, knapp ein
Viertel musste operiert werden. Am häufigsten betroffen waren die
Hände.

Abgetrennte Finger gekühlt, aber nicht auf Eis transportieren

Dem Dresdner Handchirurgen Dragu zufolge kommt es nach einem Unfall
mit Pyrotechnik darauf an, schnell zu handeln und strukturiert
vorzugehen. Gerade bei alkoholisierten Patienten sei das nicht
einfach. Zeugen sollten bei einer leichten Verletzung
Erste-Hilfe-Maßnahmen wie die stabile Seitenlage leisten. In schweren
Fällen müsse der Betroffene aber sofort ins Krankenhaus. Dragu rät
dazu, abgetrennte Finger in sterilen Tüten und gekühlt zu
transportieren - aber keinesfalls auf Eis. Ein tiefgefrorener Finger
sei biologisch zerstört. 

Die drei Mediziner sind für ein striktes Böllerverbot. «Wir reden
über explodierende Kosten im Gesundheitswesen, Ressourcenknappheit in
der Pflege. Und dann erlauben wir uns als Gesellschaft, an wenigen
Tagen im Jahr das Gesundheitswesen an seine Grenzen zu bringen und in
die Ecke zu treiben, weil Böller frei verkauft werden. Das erschließt
sich mir nicht», sagt Dragu. «Es gilt in erster Linie auch
Unbeteiligte zu schützen», ergänzt Khoramnia.

Dragu, Fülling und Khoramnia plädieren dafür, sich andere Länder al
s
Vorbild zu nehmen und ein zentrales Feuerwerk zu zünden oder mit
Laser- oder Drohnenshows das neue Jahr einzuleiten. Bei einem
Profi-Feuerwerk gehe das Risiko gegen null, meint Khoramnia. Dass
jeder zwei Tage lange in Deutschland böllern könne, sei aus
ökologischer, finanzieller und gesundheitspolitischer Sicht einfach
absurd, fast Dragu die Diagnose der Mediziner zusammen.

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