Sie sitzt im Rollstuhl - aber steht im Handstand Von Florentine Dame, dpa
Ein Trapezsturz hatte alles verändert. Doch die querschnittsgelähmte
Artistin Silke Pan ist dorthin zurückgekehrt, wo sie sich ganz fühlt:
in die Manege. Die Geschichte einer Wiedergeburt.
Dortmund (dpa) - Es wirkt mühelos, wie Silke Pan ihren zierlichen
Körper in den Handstand hebt. Doch an das, was die Akrobatin mitten
in der Manege vorführt, hatte lange niemand glauben mögen - viele
Jahre auch sie selbst nicht: Seit einem Trapezunfall 2007 ist Pan vom
Bauchnabel abwärts gelähmt. Inzwischen ist sie zurück im Rampenlicht
der Zirkusscheinwerfer.
Hartes Training und Willensstärke hätten die Rückkehr möglich
gemacht, berichtet die 52-Jährige hinter den Kulissen des Zirkus Flic
Flac der Deutschen Presse-Agentur. Sie ist Teil der Weihnachtsshow,
die bis 11. Januar in Dortmund zu sehen ist.
«Ich trage eigentlich immer einen halben toten Körper mit mir»
Neben den vielen jungen und unversehrten Körpern, die unter der
Kuppel des schwarzen Zirkuszeltes durch die Luft wirbeln, ist Pans
Darbietung ein fast schon stiller, aber nicht minder atemraubender
Kontrast: Im Rollstuhl fährt die 52-Jährige auf die Bühne, wird von
ihrem Mann auf ein Podest gehoben, fixiert ihre Füße an einer Stange
- und lässt Sekunden später vergessen, dass sie ihren Unterkörper
nicht kontrollieren kann.
Auf den Händen balancierend wiegt sie Hüfte und Beine hin und her.
Die Kraft dazu kommt allein aus der Taille und den Schultern. Sie
schraubt sich mit Hilfe mehrerer Klötze auf den Handstandstützen
höher und höher. Die Beine, die sie nicht kontrollieren kann, sind
dabei eine zusätzliche Last: «Ich trage eigentlich immer einen halben
toten Körper mit mir.»
Der Aluminiumstab, der ihre Beine stabilisiert und während der
Übungen im Nacken aufliegt, sei auch eine Art Blindenstock, verrät
sie: «Er gibt mir einen Hinweis, wo meine Füße gerade sind.»
Ein Publikum zwischen Begeisterung und Ungläubigkeit
Das Publikum an diesem Abend bedenkt ihren enormen Kraft- und
Balanceakt mit tosendem Applaus. Manchmal glaubten die Menschen an
eine Täuschung, berichtet Pan: «Wenn sie mir dann nach der Show
begegnen höre ich oft «Ach, sie sitzen ja wirklich im Rollstuhl».»
Tatsächlich hatte die Schweizerin bereits eine 13-jährige Karriere
als Profi-Artistin hinter sich, bevor sie beim Training mit ihrem
Mann - dem ebenfalls gelernten Akrobaten Didier Dvorak - vor etwa 18
Jahren aus drei Metern Höhe vom Trapez abstürzte. An den Unfall
selbst erinnere sie sich nicht, wohl aber an die schwere Zeit danach:
Sieben Monate verbrachte sie im Krankenhaus, «da hatte ich viel Zeit
zum Nachdenken.»
«Ich konnte nicht mal einen Purzelbaum»
Es sind große Fragen, die sich die Artistin stellen muss: «Wer bin
ich eigentlich noch? Jahrelange hatte ich für mein Können auf meinen
Körper gesetzt. Das war alles verloren.» Zunächst muss sie lernen,
überhaupt im Rollstuhl sitzen zu können: «Ich habe jetzt wieder eine
gute Rumpfstabilität, aber wenn man mich antippt und ich mich nicht
festhalte, kippe ich nach vorn.»
Dabei habe sie auch nach dem Unfall immer eine große Liebe für die
Artistik gehabt: Doch damals scheitern ihre Versuche, an die
Vergangenheit anzuknüpfen: «Ich konnte nicht mal einen Purzelbaum»,
sagt sie.
Parasport-Erfolge waren Trostpflaster und Therapie
Sie glaubt, mit dem Zirkus abgeschlossen zu haben, wendet sich dem
Parasport zu, der ihr eine zweite Karriere als Profisportlerin
beschert: Als Handbike-Fahrerin ist sie international erfolgreich,
wird Europameisterin, Vize-Weltmeisterin und stellt den Weltrekord im
Handbike-Marathon auf. Doch rückblickend auf diese Zeit sagt sie
heute: «Das war eine Art Trostpflaster.»
Gleichzeitig habe der Leistungssport therapeutische Wirkung gehabt,
geholfen ihren Körper wieder zu akzeptieren: Während sie es anfangs
nicht ertragen habe, sich selbst im Spiegel zu sehen, lehrten sie die
sportlichen Erfolge, was trotzdem in ihr steckt: «Mein Körper, der
eigentlich so zerstört worden ist, hat trotzdem noch sehr viel Kraft.
Ich kann mit ihm etwas erreichen.»
Wiedergeburt als Artistin
Als 2020 in der Corona-Zeit alle Rennen ausfielen, kam der Wunsch
auf, es noch einmal mit einem Handstand zu versuchen. Die Idee ihres
Mannes ein Snowboard an ihren Unterkörper zu binden, um ihn zu
versteifen, hilft schließlich, dass das Unglaubliche im ersten
Versuch klappt: «Er hat mich in die Senkrechte gestellt und ich habe
angefangen, mich auf und ab zu drücken. Es war, als ob mein Körper
diese alten Bewegungen noch erinnern konnte.»
Auch Dvorak wird den neuen Wendepunkt ihres Lebens nie vergessen:
«Wir haben beide beweint. Es war als habe sich ein riesiges Tor
geöffnet», sagt er. Er ahnte, was sie spürte. «Da ist ein riesiges
Potenzial, da ist irgendetwas, das ich entwickeln kann», erinnert Pan
sich an ihre Gedanken in diesem Moment.
Es beginnt, was sie ihre Wiedergeburt nennt: Zunächst seien das nur
kleine Erfolge für sie selbst gewesen, doch auf einen Facebook-Post,
mit dem sie ihren Stolz über die ersten selbstständigen Handstände
teilen will, meldet sich der Direktor eines kleinen Schweizer Zirkus
und bietet ihr Auftrittsmöglichkeiten an.
Gegen alle Zweifel
Viele in ihrem Umfeld halten sie für verrückt: «Mein Sportverein hat
überhaupt nicht an meine Vision geglaubt. Die wollten mich nicht
verlieren, haben mich gedrängt, ich solle mich lieber auf die
Paralympischen Spiele vorbereiten», sagt sie und verdreht die Augen.
«Aber das Handbike hat mich nur noch gelangweilt.»
Um Sponsoren und die Teammitglieder der Schweizer Nationalmannschaft
nicht vor den Kopf zu stoßen, trainiert sie zunächst monatelang
parallel, tritt dann aber im September 2021 als Leistungssportlerin
zurück. Seither arbeitet sie wieder voll in ihrem neuen, alten Beruf
als Artistin.
Zurück im Zirkus - und wieder ganz
Auf ihr erstes Engagement folgen weitere, darunter mehrfach beim
italienischen Tournee-Zirkus Gravity sowie bei Roncalli. Heute wisse
sie genau, dass sie in der Welt des Zirkus viel mehr beheimatet sei,
als in der Welt des Wettbewerbs, sagt sie. «Ich habe den Sport
geliebt, aber es war nicht meine Leidenschaft.»
Die Manege lasse sie wieder komplett werden, sagt sie. «Ich empfinde
meinen Körper jetzt wie einen ganzen Körper. Erst jetzt gehören die
Beine absolut zu mir. Ich muss sie wahrnehmen, um einen Handstand
stehen zu können.»
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