Frankreich setzt auf Hightech-Box gegen Ärztemangel
Online-Diagnosen und ärztliche Teleberatungen kennt man auch in
Deutschland. In Frankreich hat man die Idee wegen des
Landärzte-Mangels erweitert: Dort finden Beratungen in einer
Hightech-Box statt.
Paris/Saint-Georges-Motel (dpa) - Kabinen mit Medizingeräten und
ärztlicher Videoberatung sind als Alternative zur klassischen
Arztpraxis in ländlichen Gemeinden Frankreichs auf dem Vormarsch. In
den Räumen können Menschen nicht nur mit einer Ärztin oder einem Arzt
ein Videotelefonat führen, sondern haben auch eine Station mit
medizinischen Geräten zur Verfügung, die zur Untersuchung während des
Beratungsgesprächs eingesetzt werden können.
Bis Januar soll sich die Anzahl der aufgestellten medizinischen Boxen
des Unternehmens «Box médicale» fast verzehnfachen - von derzeit 12
auf 100 Stück, in ganz Frankreich verteilt, berichtet der
Betriebsleiter, Sébastien Touchais, der Deutschen Presse-Agentur
(dpa). Die Boxen sollen vor allem Gemeinden helfen, die mit einem
Mangel an Ärztinnen und Ärzten zu kämpfen haben. Es sind im Fall von
«Box médicale» schlichte, begehbare weiße Container. Die darin
vorhandenen Vorrichtungen für Televisiten bieten mehrere Unternehmen
in Frankreich an, etwa Tessan oder Medadom. Sie haben auch kleinere
Kabinen im Angebot, die Telefonzellen ähneln und beispielsweise in
Apotheken platziert werden können.
In ländlichen Gebieten Frankreichs ist der Zugang zu ärztlicher
Beratung für jeden Dritten erschwert, wie die nationale
Statistikbehörde Insee im vergangenen Jahr berichtete. Auch in
Deutschland fehlen Ärztinnen und Ärzte: Mehr als 5.000 Hausarztsitze
sind laut Bertelsmann Stiftung nicht besetzt. Die Zahl werde sich in
den nächsten fünf Jahren sogar verdoppeln, so die Stiftung.
Ein «Riesenerfolg» in kleinen Gemeinden
In der kleinen französischen Gemeinde Saint-Georges-Motel mit 880
Einwohnerinnen und Einwohnern gibt es die Box seit April. «Es ist ein
Riesenerfolg», sagt Bürgermeister Jean-Louis Guirlin der dpa. Die
Rückmeldungen von Nutzerinnen und Nutzern seien sehr positiv. Die Box
sei außer an Feiertagen täglich von 8 bis 20 Uhr geöffnet. Termine
lassen sich telefonisch, online oder über einen QR-Code per
Smartphone buchen. Derzeit würden zwei bis drei Konsultationen pro
Tag durchgeführt. Auch er selbst sei schon zu Beratungen
vorbeigekommen, berichtet der Bürgermeister.
Im Innern des Containers befinden sich ein Stuhl und eine Station mit
Bildschirm sowie den medizinischen Instrumenten: Thermometer,
Blutdruckmessgerät, Oximeter, Dermatoskop, Ohrenspiegel und
Stethoskop. Ein Einwohner erklärt in einem Beitrag des französischen
Senders TF1: «Sie müssen nur den Anweisungen folgen und Ihre
Krankenversicherungskarte einlegen.» Dann würden Fragen gestellt und
Tests durchgeführt, am Ende ein Rezept ausgestellt. «Das ist schnell
und effizient», so der Mann.
Desinfektion der Box mit UV-C-Strahlen
Nach jeder Konsultation wird der Raum samt Geräten automatisch mit
keimtötenden UV-C-Strahlen desinfiziert. Das sei ein Vorteil, weil es
bei Epidemien wie Grippe kein Ansteckungsrisiko zwischen Patienten
gebe, wie sonst im Wartezimmer von Praxen, erklärt Bürgermeister
Guirlin. Die Anschaffung der medizinischen Box kostete nach Angaben
von Guirlin 50.000 Euro. Für den Betrieb zahlt die Gemeinde zudem
6.000 Euro pro Jahr.
Touchais zufolge plant sein Unternehmen, in drei Jahren auch im Rest
Europas zu expandieren - dabei müsse man aber unterschiedliche
Regulierungsvorgaben beachten. Einfach einen «Klon» der medizinischen
Box aus Frankreich in anderen Ländern einzusetzen, gehe daher nicht,
erklärt der Betriebsleiter.
Bedenken bei Patientenverband
Aus ethischer Sicht sei per se nichts dagegen einzuwenden, dass
vermehrt neue Technologien in der Beziehung zu Ärztinnen und Ärzten
eingesetzt werden, sagt Medizinethiker Urban Wiesing. Jedoch müsse
erforscht werden, ob es den Menschen damit wirklich besser gehe und
Herausforderungen wie Wahrung der informationellen Selbstbestimmung
oder Ungenauigkeiten bei Diagnosen beachtet werden. «Die Medizin soll
nutzen und nicht schaden», so Wiesing.
Der französische Dachverband für Patientenvereinigungen (France Assos
Santé) betont, dass Teleberatungs-Kabinen «einen medizinischen
Service bieten, der ziemlich eingeschränkt ist». Es gebe keine
direkte Weitervermittlung an Fachkräfte, die die Patientinnen und
Patienten bei Bedarf persönlich sehen, operieren oder längerfristig
betreuen könnten - die Behandlung ende, sobald der Computerbildschirm
ausgehe. Schwierig sei das zum Beispiel für chronisch kranke
Menschen. Die Boxen könnten dann keinen richtigen Mehrwert bieten,
sondern würden nur Geld kosten.
Deshalb fordert der Verband, dass die Boxen in enger Abstimmung mit
anderen Gesundheitsakteuren in der Region aufgestellt werden und eine
Anbindung an die regionale Versorgungsstruktur erfolgt.
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