Übergriffe im Sport: Wenn Macht als Druckmittel dient Niklas Graeber, dpa
Bei vielen Missbrauchsfällen im Sport sind Trainer die
Verantwortlichen. Unter großem Druck setzen sich Betroffene teils gar
sexueller Gewalt aus - denn die Täter halten vieles in der Hand.
Berlin (dpa) - Sport ist für viele Menschen mehr als nur eine
Freizeitbeschäftigung. Es ist ein sozialer Mittelpunkt, bei dem viele
mit Freundinnen und Freunden zusammenkommen, im Leistungssport
richten viele gar ihr Leben danach aus. Umso schwieriger macht es
das, wenn es in diesem Umfeld zu Missbrauch kommt - gerade durch
höherrangige Personen wie Trainerinnen und Trainern, denen man sich
kaum entziehen kann.
Wie viele Missbrauchsfälle durch solche Machtverhältnisse entstehen,
zeigt ein Bericht der Ansprechstelle Safe Sport. Der Verein, der im
Juli 2023 die Arbeit aufnahm, steht Betroffenen zur unabhängigen
Beratung zur Verfügung. In 71 Prozent der bis Ende 2024 aufgenommenen
Anfragen waren die Beschuldigten demnach Trainerinnen und Trainer -
und damit die Personen, die entscheiden, wer etwa für Wettbewerbe
nominiert oder aufgestellt wird oder zusätzliches Training erhält.
Für mögliche Täter ist das gegenüber Sportlerinnen und Sportlern, d
ie
ihren Sport weiter ausüben wollen, ein geeignetes Druckmittel.
«Gerade im Leistungssport richtet sich im Grunde das ganze Leben
danach aus», sagt Ina Lambert von der Ansprechstelle Safe Sport. «Da
ist es natürlich ein Leichtes, damit auch zu spielen und eine
Abhängigkeit zu schaffen, weil die SportlerInnen natürlich auch
wissen, dass da viel dranhängt.» Gleiches gelte für Freizeitsportler,
die ihr soziales Umfeld nicht verlassen wollen.
Täter bauen enges Verhältnis auf
Zum Problem wird es, wenn die eigentlichen Vertrauten diese
Abhängigkeit ausnutzen - etwa, um ihre Schützlinge zu bestimmten
Gefälligkeiten zu drängen. Täter würden gezielt vorangehen, «um
bestimmte Kinder, Jugendliche oder vulnerable Personen auszunutzen,
sich an diese Personen heranzubahnen und systematisch Kontakt und
Vertrauen aufzubauen», sagt Dominique Delnef von der Deutschen
Sportjugend. Diese Nähe wird dann auch genutzt, um sexualisierte
Gewalt auszuüben, in den meisten Fällen gepaart mit psychischer oder
auch körperlicher Gewalt.
Wie weit Täter dabei gehen können, zeigt etwa der Fall des
US-Sportarztes Larry Nassar. In mehr als 20 Jahren, in denen er unter
anderem für den US-Turnverband tätig war, hatte er über 250 Frauen
und Mädchen sexuell missbraucht, darunter auch die mehrfache
Olympiasiegerin Simone Biles. Lange kam er damit davon - erst 2018
wurde er vor Gericht mit Strafen von insgesamt bis zu 175 Jahren
Gefängnis verurteilt.
Auch im Breitensport gibt es Beispiele dafür, wie Verantwortliche
ihre Macht ausnutzen. In Deutschland wurde ein Tennistrainer, der
Jungen im Alter zwischen 11 und 15 Jahren jahrelang sexuell
missbraucht, zur Aufnahme sexueller Handlungen gedrängt und dafür
bezahlt hatte, im Februar vom Landgericht Bremen zu zwei Jahren Haft
auf Bewährung verurteilt. Er habe «das Vertrauen der Kinder massiv
ausgenutzt», sagte die Vorsitzende Richterin damals.
Betroffene stehen vor hohen Hürden
Sich Drohungen und Angeboten zu widersetzen, obwohl die Täter dafür
im Gegenzug klare Grenzen überschreiten, ist für die Sportlerinnen
und Sportler schwierig. «Am Ende sind viele von Scham belastet und
trauen sich deswegen nicht, etwas zu sagen. Sie suchen die Schuld bei
sich, dabei tragen sie keine Verantwortung für Machtmissbrauch», sagt
Delnef.
Auch für Betroffene, die sich Hilfe suchen, sind die Hürden weiter
hoch - gerade, wenn es um strafrechtliche Konsequenzen geht. Bei
Sexualstraftaten sei entscheidend, ob bei den Betroffenen ein
entgegenstehender Wille erkennbar sei, sagt Michaela Juch von der
Ansprechstelle Safe Sport. «Schwierig wird es, wenn eine scheinbare
Zustimmung unter emotionalem oder strukturellem Druck erfolgt ist -
also, wenn das Einverständnis nach außen wie ein Ja wirkt, aber
eigentlich keines ist.» In solchen Fällen sei es oft herausfordernd,
die Umstände objektiv nachzuweisen, um strafrechtlich wirksam
vorzugehen, sagt Juch.
In den meisten Fällen bleibt es daher bei den Sportverbänden hängen,
Missbrauchsfälle intern aufzuarbeiten. In vielen, auch prominenten
Fällen gehe es um Sachverhalte, «die nicht oder zumindest nicht
eindeutig unter Straftatbestände zu fassen sind, die aber trotzdem
nach allgemeiner gesellschaftlicher Auffassung unzweifelhaft eine
Grenzüberschreitung darstellen», sagt Florian Pröckl vom Deutschen
Olympischen Sportbund (DOSB).
Aufarbeitung oft ohne Erfolg - Neues Regelwerk soll helfen
Dass die Untersuchung von Missbrauchsfällen im Sand verlaufen kann,
kennen auch die Verantwortlichen der Ansprechstelle. «Wir sind nicht
die Institution, die selbst irgendwie untersuchen kann, geschweige
denn sanktionieren kann», sagt Lambert. Zwar gebe es vereinzelt
Vereine, die sich stärker bemühen würden - oft würde, die
Aufarbeitung jedoch damit enden, dass Betroffene die Vereine wechseln
oder sogar ganz mit dem Sport aufhören. «Wir erleben bis dato eher
selten Erfolgsgeschichten.»
Ein Muster-Regelwerk soll helfen, dass es dennoch Konsequenzen gibt.
Im November beschloss der DOSB die Einführung des Safe Sport Codes,
der die Rechtsgrundlage schaffen soll, dass Vereine und Verbände auch
unterhalb der Grenze zur Straftat Sanktionen verhängen können.
Genauso wichtig sei aber, dass diese die neuen Regeln wirksam
umsetzen, sagt Pröckl: «Gegen Wegschauen hilft auch kein
Safe-Sport-Code.»
Online-Wechsel: In drei Minuten in die TK
Online wechseln: Sie möchten auf dem schnellsten Weg und in einem Schritt der Techniker Krankenkasse beitreten? Dann nutzen Sie den Online-Beitrittsantrag der TK. Arbeitnehmer, Studenten und Selbstständige, erhalten direkt online eine vorläufige Versicherungsbescheinigung. Die TK kündigt Ihre alte Krankenkasse.