Ambulanz hilft ohne Termin - «Sie müssen mit allem rechnen» Von Christian Schultz und Helmut Fricke , dpa

Neben der Notaufnahme der Mainzer Unimedizin sitzt die neue
Hochschulambulanz. Sie soll eine Lücke zwischen ambulanter und
stationärer Versorgung schließen und Studenten früher zu Patienten
bringen.

Mainz (dpa/lrs) - An der weißen Tür im Gebäude 505 der
Universitätsmedizin können sich Wege von Patienten trennen.
«Anmeldung» und «Ersteinschätzung» steht darauf geschrieben, dahi
nter
sitzen die ersten Ansprechpartner der zentralen Notaufnahme der
einzigen Uniklinik von Rheinland-Pfalz. Sie ist wie viele
Notaufnahmen häufig voll - auch mit Menschen, die keine Notfälle
sind. 

Bis zu 50 Prozent der Besucher könnten laut Unimedizin mit ihren
Beschwerden zu einem niedergelassenen Arzt gehen. Seit Kurzem werden
weniger schlimme Fälle ein paar Türen weiter gebeten: in die neue
Hochschulambulanz, eine Art Hausarztpraxis im Krankenhaus mit
integrierter Lehre. 

Anlaufstation für Patienten ohne Hausarzt

Angegliedert ist die allgemeinmedizinische hausärztliche
Hochschulambulanz, wie sie mit vollem Namen heißt, an das Zentrum für
Allgemeinmedizin und Geriatrie. Gedacht ist sie als Anlaufstation für
Patientinnen und Patienten, die noch keinen Hausarzt in Mainz haben,
deren Hausarzt oder Vertretung nicht erreichbar ist, und für
Personen, die zu Besuch in Mainz krank werden. Auch Patienten, die
mit dem Rettungsdienst kommen, deren Behandlung aber nicht dringlich
ist, werden in der Hochschulambulanz behandelt.

Grundsätzlich steige die Zahl der Menschen ohne festen Hausarzt, sagt
Birgit Schulz, ärztliche Leiterin der Ambulanz. Zahlreiche Praxen in
Mainz nähmen keine neuen Patienten mehr auf, außerdem sei aus dem
Ausland nach Mainz kommenden Menschen das hiesige Hausarztsystem
nicht bekannt, sie kämen daher mit Beschwerden erstmal in eine
Klinik. 

Ambulanz soll Lücke schließen

Eine Konkurrenz zu Hausärzten soll die Ambulanz nicht sein, wie
Schulz betont. Vielmehr soll sie eine Lücke schließen zwischen
ambulanter und stationärer Versorgung. So umschreibt es Michael
Jansky, Direktor des Zentrums für Allgemeinmedizin und Geriatrie an
der Unimedizin. Dauerhafte Behandlungen chronisch kranker Menschen
seien nicht Aufgabe der Ambulanz, in der Regel sei sie ein einmaliger
Anlaufpunkt. «Wir springen ein, wenn die Akutversorgung - warum auch
immer - gerade nicht gewährleistet ist», sagt Jansky. 

Menschen können ohne vorherige Terminvereinbarung und ohne
Überweisung kommen oder eben von der Notaufnahme mangels ganz großer
Dringlichkeit an die Ambulanz verwiesen werden - allerdings nur zu
normalen Praxiszeiten, nicht zu Notdienstzeiten. Geöffnet ist die
Hochschulambulanz seit ihrem Start im Januar montags, dienstags und
donnerstags von 8 bis 18 Uhr, mittwochs von 8 bis 14 Uhr sowie
freitags von 8 bis 16 Uhr.

Kein Ersatz für früheres Projekt der Kassenärztlichen Vereinigung

Zu unterscheiden ist die Ambulanz von dem im Dezember 2024 beendeten
und in der Form bundesweit einmaligen Modellprojekt der
«Allgemeinmedizinischen Praxis auf dem Campus» - kurz APC - der
Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Auch die APC hat Birgit Schulz
aufgebaut, sechs Jahre gab es sie. 

In der APC sollte ein IT-gestütztes Tool für die Ersteinschätzung von

Patienten getestet werden, auch sollte sie die Notaufnahme entlasten.
Letzteres wurde erreicht, wie Schulz und die KV unisono sagen.
Allerdings war der Betrieb in den derzeitigen Strukturen des
Gesundheitssystems defizitär. Solche Portalpraxen bräuchten einen
eigenen Vergütungskatalog, sonst könne sich das nicht rechnen,
erklärt Schulz.

Rücksichtslosigkeit und Gewalt sind ein Thema

Der Patientenstrom Richtung Hochschulambulanz ist also ein anderer,
als es der in der APC war. Konnten dort Menschen mit Beschwerden
direkt hingehen, ist heute die Notaufnahme immer der
Hochschulambulanz vorgeschaltet für eine erste Beurteilung. Mit der
Einschätzung dort seien manche Patienten allerdings nicht
einverstanden, berichtet Schulz. «Man sieht viel Rücksichtslosigkeit.
Wir haben schon Gewalt erlebt.» Deswegen sei inzwischen immer ein
Sicherheitsmitarbeiter im Notaufnahmen-Trakt im Einsatz. 

Auflaufen kann bei den drei Ärzten und vier Medizinischen
Fachangestellten der Ambulanz alles Mögliche. Schulz zufolge reicht
das Spektrum vom umgeknickten Flusskreuzfahrt-Touristen über den aus
den Tropen zurückgekehrten Piloten mit einer Legionellose - einer
Infektionskrankheit -, den neu nach Mainz gezogenen Studierenden mit
grippalem Infekt bis hin zu Personen mit Panikattacke. «Sie müssen
mit allem rechnen», sagt Schulz. 

Medizinstudierende können wichtige Erfahrungen sammeln

Eingebunden ist die Hochschulambulanz auch in die Lehre, sie bietet
Medizinstudierenden die Chance, schon in der vorklinischen Phase ab
dem ersten Semester Patientenkontakte zu haben, wie Jansky erklärt.
So könnten schon früh grundlegende Dinge geschult werden: Wie höre
ich das Herz oder die Lunge ab? Wie untersuche ich den Bauch, wie
mache ich ein EKG?

Eine Schulung von Studierenden im Umgang mit Notfällen sei schwierig,
aber letztlich für alle Fachrichtungen wichtig, sagt der
Vorstandsvorsitzende und Medizinische Vorstand der Unimedizin, Ralf
Kiesslich. In der Ambulanz bestehe die Möglichkeit, sich unter
Supervision mit akuten Krankheitsbildern des gesamten Körpers
auseinanderzusetzen. 

«Dadurch können die Studierenden einen ganzheitlichen Blick
entwickeln - und das bereits ab der vorklinischen Phase ihres
Studiums», erklärt der Klinikchef. «Das finden wir eine sehr
attraktive Möglichkeit für unsere Studierenden.» 

Mit gezielten Fragen einen Notfall erkennen

Während der klinischen Semester könnten Studenten in der Ambulanz
viel über Anamnese lernen, sagt Jansky, also die Erhebung der
Krankengeschichte eines bis dato unbekannten Patienten durch Fragen.
«Ein gutes Anamnese-Gespräch kann Kosten sparen», betont er. Viele
mögliche Ursachen für Beschwerden könnten früh ausgeschlossen,
unnötige Untersuchungen vermieden werden. 

Und Notfälle können im Optimalfall früher erkannt werden, was Leben
retten kann. Wenn ein Patient mit starken Rückenschmerzen komme,
müsse er auch gefragt werden, wie sein Stuhlgang sei und ob er Wasser
lassen könne, sagt Jansky. Wenn nicht, könne es sich um eine Blasen-
und Mastdarmlähmung handeln, dann sei schnelles Handeln erforderlich.
In der Anamnese fit zu sein, sei gerade in Zeiten einer zunehmend
ambulanten Medizin eminent wichtig.

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