Gaza statt Wunstorf: Die Luftwaffe im Hilfseinsatz Von Sven Käuler und Martina Herzog , dpa
Die Hilfsflüge aus der Luft für den Gazastreifen sind umstritten.
Teuer, gefährlich, ineffizient, kritisieren Hilfsorganisationen. Wie
ein Flug abläuft - und was deutsche Soldaten dabei erleben.
Amman (dpa/lni) - Die Luke des Transport-Airbus 400M öffnet sich drei
Minuten vor dem Abwurf, der Blick fällt erst auf das Meer, wenig
später auf den Gazastreifen 600 Meter darunter. Gleißende Sonne fällt
auf Trümmer, so weit das Auge reicht. Von hier oben nicht zu
erkennen: Die Menschen dort unten, die von einer Hungersnot bedroht
sind. Ihnen gilt die Ladung, die nun aus dem Flugzeug an Fallschirmen
zu Boden gleitet.
«Fühlt sich immer sehr positiv an»
«Für mich fühlt sich das immer sehr positiv an, weil ich weiß, dass
wir Leuten damit helfen», sagt der Pilot einer der
Bundeswehr-Maschinen, Stabshauptmann Dieter, den Nachnamen lässt er
weg. Seit Freitag macht die Bundeswehr solche Abwürfe mit ihren
Transportmaschinen, die normalerweise im niedersächsischen Wunstorf
stationiert sind. Nun lässt sie sich dabei von Journalisten über die
Schulter schauen. Ein dpa-Reporter ist mit an Bord.
Wie viele der Güter aus dem Flugzeug auf dem Boden bei denen landen,
für die sie gedacht sind, weiß niemand. Aus deutschen
Sicherheitskreisen hieß es am Wochenende, 50 bis 100 Prozent der
Güter würden die Hamas oder andere kriminelle Organisationen
abzweigen - das gilt aber für Hilfslieferungen insgesamt.
«Wie Pflaster auf offene Wunden»
Hilfsorganisationen sehen das Ganze skeptisch, wenn auch besser als
nichts. «Luftabwürfe wirken in dieser Lage wie Pflaster auf offene
Wunden: teuer, riskant und kaum steuerbar», sagt der Vertreter des
UN-Welternährungsprogramms (WFP) in Deutschland, Österreich und
Liechtenstein, Martin Frick, der Deutschen Presse-Agentur in
Berlin. «In überfüllten humanitären Zonen ist eine geordnete
Verteilung mit Hilfsgütern, die aus der Luft kommen, kaum möglich -
das Verletzungsrisiko ist hoch, die Kosten sind 34-mal höher als bei
Landtransporten.»
Pilot Dieter sieht solche Gefahren nicht, «weil unsere Drop-Zone
breit genug ist». Selbst wenn der Schirm abreiße, falle die Ladung
dort auf den Boden, wo niemand stehe. «Wir suchen unsere Drop-Zonen
ganz genau heraus.»
Reis, Mehl, Zucker, Nudeln, Konserven
Zwei deutsche Maschinen mit jeweils 22 Paletten - jede mit ungefähr
500 Kilogramm Gewicht - haben von einer jordanischen King Abdullah II
Air Base gemeinsam Kurs auf den Gazastreifen genommen. Jede
Bundeswehr-Maschine wirft pro Flug elf bis zwölf Tonnen an Gütern ab.
Seit Freitag sind es laut Bundeswehr inzwischen knapp 75 Tonnen
insgesamt.
«Wir wissen vorab nicht, was wir bekommen», sagt Leutnant Sascha.
«Bis jetzt ist das ein bunter Mix aus Nahrungsmitteln, einzelner
Kartons, à 20 Kilo, mit allem möglichen: Reis, Mehl, Zucker, Nudeln,
Konservendosen. Wir verpacken die Lasten dann so, dass wir mit einer
Last bis zu 550 kg an Hilfsgütern absetzen können.» Etwa 30
Bundeswehr-Soldaten verpacken die Güter, knapp 15 sind als Besatzung
für die beiden A400M dabei.
Fallschirm «Marke Eigenbau»
Die olivgrünen Fallschirme, die sich über den Paletten öffnen, sind
alte Personenfallschirme, erklärt Sascha, «Marke Eigenbau». «Wir
haben bei unserem System Materialien verwendet, die überall frei
erhältlich sind, was uns die Möglichkeit bietet, hier die Kosten pro
System auf wenige Hundert Euro zu reduzieren.»
Israel hatte im März eine fast vollständige Blockade von
Hilfslieferungen in den Gazastreifen verhängt, wo es Krieg gegen die
islamistische Hamas führt. Damit sollte der Druck auf die
Terrororganisation erhöht werden, die inzwischen 50 verbliebenen
Geiseln freizulassen. Von Mai an wurden wieder kleinere Mengen von
Hilfslieferungen erlaubt.
Lebensmittel stünden außerhalb des Gazastreifens bereit
Seit gut einer Woche lässt Israel nach internationalem Druck nicht
nur Luftabwürfe zu, sondern gewährt auch täglich rund 200 Lastwagen
von UN- und anderen Organisationen die Einfahrt in das abgeriegelte
Küstengebiet. Den Menschen droht nach UN-Angaben eine Hungersnot.
Mehr als 170.000 Tonnen an Lebensmitteln allein des
Welternährungsprogramms sind nach dessen Angaben in der Region oder
auf dem Weg dorthin. Das genüge, um die gesamte Bevölkerung des
Gazastreifens von rund 2,1 Millionen Menschen fast drei Monate lang
zu ernähren - wenn sie denn hineinkämen.
Israel startet neues Verteilverfahren
Nun startete Israel nach offiziellen Angaben ein neues Verfahren zur
schrittweisen und kontrollierten Wiederaufnahme der Einfuhr von Waren
durch den privaten Sektor. Daran sollen ausgewählte palästinensische
Händler teilnehmen. Ziel sei es, die Menge an Hilfsgütern für die
Bevölkerung im Gazastreifen zu erhöhen und gleichzeitig die
Abhängigkeit von den Vereinten Nationen und anderen internationalen
Organisationen zu verringern.
Seit Ende Mai verteilt die umstrittene Gaza Humanitarian Foundation
(GHF), die neben Israel auch von den USA unterstützt wird, Hilfsgüter
im Gazastreifen, parallel zum Einsatz internationaler
Hilfsorganisationen. Doch im Umfeld der vier GHF-Zentren im
Gazastreifen kam es immer wieder zu tödlichen Zwischenfällen.
Einsatz sicher, sagt der Pilot - aber ein Restrisiko
Für die Bundeswehrsoldaten ist der Einsatz laut Pilot Dieter ziemlich
sicher. «Der Luftraum ist überhaupt nicht gefährlich im Moment für
uns. Nur im Bereich Gaza, da müssen wir uns schützen. Da herrscht ein
gewisses Restrisiko.» Über dem Gazastreifen selbst halten sich die
deutschen Flieger nur kurz auf, Abwurf, dann wieder weg. So wollen
sie das Risiko möglichst gering halten.
Eine Dauerlösung soll ihr Einsatz nicht sein. «Airdops sind nur ein
kleiner Beitrag, um das Leid der Menschen in Gaza zu lindern»,
schrieb Kanzler Friedrich Merz (CDU) am Wochenende auf X. «Deshalb
arbeiten wir weiter intensiv daran, Hilfe über den Landweg zu
ermöglichen.»
Hamas-Überfall löste den Krieg aus
Auslöser des Gaza-Kriegs war der Überfall der Hamas und anderer
islamistischer Terrororganisationen auf Israel am 7. Oktober 2023,
bei dem rund 1.200 Menschen getötet und mehr als 250 als Geiseln in
den Gazastreifen verschleppt wurden.
Wie die von der Hamas kontrollierte Gesundheitsbehörde am Dienstag
mitteilte, kamen in den vergangenen knapp 22 Monaten mehr als 61.000
Palästinenser ums Leben. Mehr als 150.600 weitere Menschen erlitten
demnach Verletzungen. Bei einem Großteil der Opfer soll es sich um
Frauen, Minderjährige und ältere Menschen handeln.
Die Zahlen lassen sich nicht unabhängig überprüfen und unterscheiden
nicht zwischen Zivilisten und Kämpfern. UN-Organisationen sehen sie
aber als weitgehend zuverlässig an.
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