Eine Stadt sucht den Eichen-Vergifter Von Andrea Löbbecke und Andreas Arnold , dpa

Die Giftattacken auf mehrere Bäume im hessischen Riedstadt lösen bei
der Bevölkerung große Betroffenheit aus. Besonders, weil eine ganz
besondere Eiche zu den Opfern zählt.

Riedstadt (dpa/lhe) - «Es macht mich fassungslos und betroffen», sagt
Marcus Kretschmann. Der Bürgermeister von Riedstadt in Hessen steht
vor der rund 200 Jahre alten Karl-Spengler-Eiche. Der Baum wurde
Opfer einer Giftattacke. Aus der Bevölkerung erreichten ihn
zahlreiche Rückmeldungen, erzählt der CDU-Politiker. Die Menschen
seien geschockt, könnten sich die Taten nicht erklären. 

Vor wenigen Tagen war bekanntgeworden, dass in Riedstadt-Goddelau
acht Eichen, ein Walnussbaum und eine Rosskastanie mit einem Herbizid
vergiftet wurden. Die Chemikalie gelangte nach Angaben der Stadt über
gebohrte Löcher in die Stämme. Die betroffenen Bäume geben ein
trauriges Bild ab, einige Äste sind kahl, viele Blätter verkümmert.
Ähnliche Fälle von Baumvergiftungen in Hessen hatte es zuletzt in
Frankfurt, Limburg, Butzbach und Bad Hersfeld gegeben.

Die Karl-Spengler-Eiche sei für die Menschen der Region mehr als ein
Baum, betont Kretschmann. Sie erinnert an den langjährigen
Feldschütz. Der Ort sei seit über 30 Jahren ein Naturdenkmal und
beliebtes Ausflugsziel im Feld außerhalb der Ortschaft. In seinem
Schatten seien schon Kindergeburtstage gefeiert worden, erzählt der
Bürgermeister. 

Die Stadtverwaltung Riedstadt hat Anzeige gegen unbekannt gestellt
und eine Belohnung von 500 Euro ausgesetzt - derzeit wird über eine
Aufstockung nachgedacht. Er könne sich nicht erklären, wie sich
jemand zu einer solchen Tat habe hinreißen lassen, sagt Kretschmann.
«Einen Kinderstreich können wir ausschließen.» Es gehörten eine
«gewisse kriminelle Energie» und Planung dazu.

Celine aus Riedstadt ist auf einem Spaziergang bei der Eiche
unterwegs. Sie habe ein mulmiges Gefühl und Angst, dass in Zukunft
noch mehr Bäume betroffen sein könnten, sagt die junge Frau. Die
Taten seien ihrer Ansicht nach vergleichbar mit Attacken gegen
unschuldige Kinder, erklärt Celine. «Was soll der Baum denn machen,
der kann sich ja nicht wehren.» 

«Wir hätten nie gedacht, dass jemand in der freien Landschaft Bäume
vergiftet», sagt Holger Schanz, Leiter der Fachgruppe Umwelt in
Riedstadt. Aus Städten sei bekannt, dass unbeliebte Bäume Opfer von
Vandalismus würden. «Dies hier macht uns einfach fassungslos.» Über

die Intention des Täters könne man nur spekulieren.

Was sagen Experten zu möglichen Motiven? «Jemandem, der heimlich und
gezielt ohne ersichtlichen Grund Bäume vergiftet, geht es vor allem
um sadistische Macht und um Aufmerksamkeit», erklärt der
Psychoanalytiker Hans-Otto Thomashoff. «Gerade die bei uns kulturell
als väterliches Symbol von Stärke, Langlebigkeit und Dominanz
aufgeladene «deutsche» Eiche für alle sichtbar zugrunde gehen zu
lassen, dabei zuzusehen, wie sie langsam stirbt und sich nicht wehren
kann, bietet dem Täter einen narzisstischen Triumph.»

Der Psychiater erkennt Hinweise, dass der Täter «sich im Kern sehr
klein fühlen muss und in seinem Leben sonst nur wenig Bestätigung
erfährt». Die Aufmerksamkeit, die er jetzt in den Medien bekomme,
verstärke noch seinen Triumph und sporne ihn regelrecht an,
weiterzumachen, sagt Thomashoff.

Als bei den Riedstädter Bäumen die ersten Schäden bemerkt worden
seien, habe man erst auf einen Schädlingsbefall getippt, berichtet
Holger Schanz. Als dies als Ursache ausgeschlossen wurde, kam der
Verdacht auf ein Herbizid auf - und es wurden die rund 15 Millimeter
breiten und 20 Zentimeter tiefen Bohrlöcher entdeckt. Proben von
einem der Bäume brachten es ans Licht: Es war Pflanzengift.

Riedstadt versucht, die Karl-Spengler-Eiche zu retten. Der Stamm ist
in einem weiten Kreis mit Flatterband abgesperrt, damit Landmaschinen
ferngehalten werden und der Boden nicht zusätzlich verdichtet wird.
«Zudem bringen der Bauhof und die Freiwillige Feuerwehr jede Woche
einige Tausend Liter Wasser auf die Fläche», sagt Schanz und hofft,
dass der Baum im nächsten Jahr wieder austreibt. Es könne durchaus
sein, dass die Eiche überlebe. Es könne aber auch passieren, dass der
Baum das Herbizid eingelagert habe und der Stoff im nächsten Jahr
weitere Schäden verursache.

«Gerade eine Eiche ist ein Hotspot der Artenvielfalt», bekräftigt
Schanz. «An einer Eiche gibt es wahnsinnig viele Insektenarten, die
dort ihre Heimat finden.» Am Stamm der angeschlagenen
Karl-Spengler-Eiche sind zahlreiche Ameisen unterwegs, Schmetterlinge
saugen an Baumsäften. Außerdem leben unter anderem Hirschkäfer und
Eichenheldbock-Käfer am Baum. Doch selbst wenn der Baum überlebt: «Er

wird auf jeden Fall nicht mehr so imposant aussehen, wie er die
ganzen Jahre hier stand».

Die Polizei ermittelt wegen gemeinschädlicher Sachbeschädigung, wie
der Sprecher des Polizeipräsidiums Darmstadt, Bernd Hochstädter,
erklärt. «Was meine Kollegen vom Umweltdezernat derzeit besonders
interessiert ist, wo steckt die Motivation.» Allerdings tappten die
Ermittler noch «komplett im Dunkeln» - und bäten Zeugen, sich zu
melden. 

Zur gemeinschädlichen Sachbeschädigung zählt unter anderem, wenn
Naturdenkmäler betroffen sind - es drohen laut Strafgesetzbuch
Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe.

Bei Attacken gegen Bäume kann es durchaus empfindliche Strafen geben,
wie ein Fall aus Großbritannien zeigt. Dort wurden zwei Männer zu
mehr als vier Jahren Haft verurteilt, weil sie den aus dem Film
«Robin Hood - König der Diebe» bekannten Bergahorn am Hadrianswall
gefällt hatten.

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