Deutschland im Ausnahmezustand: Wie der Lockdown begann Von Florian Gut, dpa

Homeoffice, Hamsterkäufe, PCR-Tests. Ab März 2020 werden alle diese
Dinge für die Menschen in Deutschland zum Alltag. Mit dem ersten
Lockdown ändert sich plötzlich alles.

Berlin (dpa) - «Bitte ziehen Sie alle mit» - mit diesen Worten bittet
die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Bevölkerung am
22. März 2020, die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie zu beachten.
Es folgten Monate voller Einschränkungen, Lockerungen und erneuter
Maßnahmen. Ellenbogencheck, Faust-Knuffen und Füßeln werden die neuen

Rituale zur Begrüßung. Entspannung setzt erst mit zunehmenden
Impfungen ein. Ein Überblick über die unternommenen Schritte und
Wellen während der Pandemie:

Lockdown, Ausgangssperren und weitere Einschränkungen

In Deutschland wird der erste Fall mit einer SARS-CoV-2-Infektion, im
späteren Sprachgebrauch als Coronavirus bekannt, am 27. Januar 2020
diagnostiziert. Als die Pandemie in Deutschland ankommt, reagieren
die Bundesländer im März 2020 zunächst mit unterschiedlichsten
Maßnahmen. Schulen werden geschlossen und Großveranstaltungen
abgesagt. Bayern verhängt dagegen bereits eine Ausgangssperre, die
Wohnung darf nur aus triftigem Grund verlassen werden.

Am 16. März 2020 beschließen Bund und Länder erstmals gemeinsame
Maßnahmen. Am 22. März einigen sich Kanzlerin und die
Ministerpräsidenten der Länder in einer Telefonkonferenz erstmals auf
einen Lockdown. Diese Telefonkonferenzen bestimmen von da an das
politische Geschehen. Regelmäßig beschließen sie Maßnahmen zu
Kontaktbeschränkungen, Geschäftsöffnungen, Maskenpflicht und
möglichen Ausgangssperren - inklusive eingeschränktem
Bewegungsradius. Die Regeln werden je nach Infektionslage immer
wieder verschärft. Aber auch gelockert, wie im Sommer 2020, als sich
die Situation entspannte.

Die Feiertage stehen im Zeichen der Pandemie: Ostern 2020 fällt in
den ersten Lockdown. Zu Weihnachten sollen wieder Lockerungen kommen,
doch die Entwicklung der Pandemie zwingt Bund und Länder, sie
teilweise zurückzunehmen. Die Bundeskanzlerin warnt vor zu vielen
Kontakten, sonst könnten es für manche «die letzten Weihnachten mit
den Großeltern» gewesen sein. 

Silvester bleibt es still - Ansammlungen sind verboten, Feuerwerk
wird nicht wie üblich verkauft. Das Osterfest 2021 wird sogar mit
zusätzlichen Ruhetagen genutzt, um die dritte Welle einzudämmen.

Stoff oder FFP2? Die Maskenpflicht

Erst die Maske, dann Brille, Kopfhörer, Ohrenschmuck und Mütze - oder
doch anders? Masken prägen das Bild der Pandemie. Ab dem 15. April
2020 empfiehlt die Politik sogenannte Alltagsmasken, die kurz darauf
bundesweit zur Pflicht werden. Damit wächst die Kreativität der
Menschen, denn viele nähen ihre Masken selbst. 

Erst später wird klar: Stoffmasken bieten nur bedingten Schutz. Die
undurchlässigere FFP2-Maske setzt sich zunehmend durch und wird ab
Januar 2021 Pflicht.

Homeoffice und Essen to go

Die Pandemie hat massive Auswirkungen auf die Wirtschaft. Im Mai 2020
sind nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit 6,7 Millionen Menschen
in Kurzarbeit, der Staat übernimmt die Kosten. Mit Milliardenhilfen
versucht der Bund gegenzusteuern, die Schuldenbremse wird
zwischenzeitlich ausgesetzt. Das Homeoffice wird zur täglichen
Realität und wird ab Januar 2021 zur Pflicht: Arbeitgeber müssen es,
wenn möglich, anbieten.

Besonders betroffen ist vor allem die Gastronomie. Noch vor dem
ersten Lockdown müssen Restaurants ab 18 Uhr schließen, ab dann gilt:
Essen to go, ein Konzept, das viele erst umsetzen müssen. Nach der
Wiedereröffnung schrecken Masken- und Listenpflicht viele Gäste ab.
Die Politik versucht, mit gesenkter Mehrwertsteuer zu helfen: Der
reguläre Satz sinkt von 19 auf 16 Prozent, der Ermäßigte von 7 auf 
5.

Ein schlechtes Licht wirft die Corona-Krise auf die Fleischindustrie
und deren Arbeitsbedingungen. Immer wieder kommt es in
Schlachtbetrieben zu größeren Corona-Ausbrüchen. Im Juni 2020
infizieren sich in einer Fabrik der Firma Tönnies in
Rheda-Wiedenbrück mehr als Tausend Menschen.

Generation Fernunterricht

Bildung ist in Deutschland Ländersache, daher werden die
Pandemie-Herausforderungen in Schulen und Kitas unterschiedlich
gehandhabt. Ab wann werden die Einrichtungen geschlossen? Wie sind
die Hygienemaßnahmen? Wie wird der Fernunterricht organisiert? Auf
diese Fragen geben die Bundesländer stets unterschiedliche Antworten.
Einig sind sich jedoch alle: Millionen Eltern müssen ihre
Kinderbetreuung umorganisieren, und Kinder erleben monatelang keinen
normalen Schulunterricht.

Das Klopapier wird knapp

Mit dem Ausbruch der Pandemie starten zahlreiche Menschen
Hamsterkäufe, was den Einzelhandel vor erheblichen Probleme stellt.
Obwohl die Branche und die Politik betonen, dass die
Lebensmittelversorgung gesichert und Hamstern «sinnlos und letztlich
vollkommen unsolidarisch» sei, decken sich Menschen massenweise mit
Nudeln, Mehl oder Hefe ein. Besonders begehrt: das Klopapier. Allein
im März 2020 werden 700 Prozent mehr verkauft als im Vormonat.

Testen wird alltäglich 

Um festzustellen, wer sich mit Corona infiziert hat, gibt es zunächst
die sogenannten PCR-Tests. Mit Nasen- und Rachenabstrichen wird die
Viruslast gemessen. Anfangs sind diese Tests schwer verfügbar, und
bis Ergebnisse vorliegen, dauert es oft mehrere Tage. Doch bald
entsteht eine flächendeckende Testinfrastruktur, inklusive
Drive-In-Teststationen, und die Ergebnisse kommen schneller. Ebenso
bauen viele Geschäfte ihre Fläche in eine Teststation um.

Ab Februar 2021 können sich die Menschen auch zu Hause testen. Diese
sogenannten Schnelltests liefern zwar nach wenigen Minuten ein
Ergebnis, sind jedoch weniger genau als PCR-Tests.

«Querdenker» demonstrieren

Gegen die Corona-Maßnahmen gibt es auch Widerstand. Besonders die
Initiative «Querdenken» fällt mit Demonstrationen auf. Am 29. August

2020 versammeln sich mehrere Zehntausend Menschen in Berlin, um dem
Aufruf der Initiative zu folgen. Dabei durchbrechen einige
Demonstranten die Absperrungen vor dem Reichstagsgebäude und stürmen
die Treppe vor dem Gebäude. Mehrere Teilnehmer schwenken
schwarz-weiß-rote Reichsflaggen.

Urlaub unter Coronabedingungen

Als sich die Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 weltweit zuspitzt,
befinden sich noch über 100.000 Deutsche im Ausland. Am 17. März
spricht die Bundesregierung eine weltweite Reisewarnung aus und
kündigt Rückholaktionen an. Sonderflüge bringen die Menschen zurück
,
da reguläre Verbindungen bereits eingestellt wurden.

Im Sommer 2020, als sich die Lage etwas entspannt, reisen trotz
Pandemie viele Menschen in den Urlaub. Bayern richtet für
Reiserückkehrer aus ganz Deutschland kostenlose Teststationen an den
Grenzen und Flughäfen im Freistaat ein. Doch es kommt zu einer Panne:
Zehntausende Menschen warten teils mehrere Tage auf ihr Testergebnis,
darunter auch 900 positiv Getestete.

Wege aus der Pandemie

Als erster großer Hoffnungsträger im Kampf gegen die Pandemie gilt in
Deutschland die Corona-Warn-App. Sie geht am 16. Juni 2020 an den
Start und soll dabei helfen, das Infektionsgeschehen besser
nachverfolgen zu können. 

Wird ein Nutzer der App positiv getestet, werden andere Nutzer, die
sich in der Nähe aufgehalten hatten, gewarnt und aufgefordert, sich
ebenfalls testen zu lassen. Über 48 Millionen Mal wurde die App
heruntergeladen. Ob sie tatsächlich einen Beitrag zur
Pandemiebekämpfung geleistet hat, ist aber unklar.

Für einen größeren Lichtblick sorgen Pharmaunternehmen wie Biontech
aus Mainz. Innerhalb weniger Monate entwickeln sie Impfstoffe gegen
das Coronavirus, am 21. Dezember 2020 genehmigt die EU auch als
Erstes den Impfstoff von Biontech, später folgen weitere.

Eine 101-Jährige aus einem Seniorenheim in Halberstadt in
Sachsen-Anhalt wird als Erste in Deutschland gegen Corona geimpft, am
27. Dezember startet dann offiziell die größte bundesweite
Impfkampagne. Zunächst werden besonders gefährdete Menschen in
Pflege- und Seniorenheimen geimpft. Mehr als 400 Impfzentren gehen
dafür in Betrieb. Welche Personengruppe wann geimpft werden soll,
darüber gibt es Anfang 2021 zahlreiche Diskussionen.

Keine Einschränkungen mehr für Geimpfte

«Die dritte Welle scheint gebrochen», stellt Gesundheitsminister Jens
Spahn (CDU) am 7. Mai 2021 fest. Mit Blick auf eine zunehmende Anzahl
an geimpften Menschen stimmt der Bundestag deshalb für eine Aufhebung
zahlreicher Einschränkungen für diese. So brauchen Geimpfte und
Genesene beispielsweise keine negativen Tests mehr zum Einkaufen oder
beim Friseur. Sie können sich außerdem ohne Einschränkungen treffen.

Deutschland tritt damit in eine neue Phase der Pandemie.

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