«Viele Suizide lassen sich verhindern» Von Sandra Trauner, dpa
Ute Lewitzka ist Deutschlands einzige Professorin für
Suizidforschung. Sie macht konkrete Vorschläge, wie man mehr Menschen
retten könnte.
Frankfurt/Main (dpa/lhe) - Viele Suizide könnten verhindert werden,
davon ist Ute Lewitzka überzeugt. Die Psychiaterin hat an der
Goethe-Universität in Frankfurt am Main die erste und einzige
Professur für Suizidforschung in Deutschland inne. Ziel der von drei
Stiftungen finanzierten Professur ist nach Angaben der Goethe-Uni,
aus der systematischen Erfassung von Suiziden und Suizidversuchen
erfolgreiche Präventionsmethoden abzuleiten.
Rund 10.000 Menschen sterben pro Jahr durch eigene Hand, in Hessen
sind es rund 800. «Wir wissen ganz viel über Risikofaktoren, sowohl
psychische als auch biologische», sagt Lewitzka. «Aber das hilft uns
nicht, das Risiko treffsicher vorherzusagen.»
Prognose mit Bluttest?
Tatsächlich hat die Forschung inzwischen eine ganze Reihe von
biologischen Faktoren identifiziert, die das Suizidrisiko erhöhen.
Dazu zählen etwa Schilddrüsenwerte oder andere Blutparameter. In
ihrer Doktorarbeit hat Lewitzka Veränderungen in der Hirnflüssigkeit
nachgewiesen. Zu den psychologischen Faktoren zählt das Gefühl, nicht
dazuzugehören, und das Gefühl, für andere eine Last zu sein.
«Aber das trifft auf viele Menschen zu, ohne dass sie suizidal
werden», betont Lewitzka. Daher bleibt die Frage, was die Tat konkret
auslöst. Diese Frage stellen sich Hinterbliebene ebenso wie
Wissenschaftler. Lewitzka hat mit vielen Menschen gesprochen, die
einen Suizidversuch überlebt haben, ebenso wie mit vielen
Angehörigen.
Männer besonders gefährdet
«Manchmal kommt es scheinbar aus dem Nichts», sagt die
Wissenschaftlerin. Das Umfeld berichte, es habe keinerlei Anzeichen
gegeben. Manchmal sei es der berühmte Tropfen, der das Fass zum
Überlaufen bringe.
Klar als Risikofaktoren identifiziert sind: eine Traumatisierung in
der frühen Kindheit, eine Depression - und das Geschlecht. Denn der
weit überwiegende Teil der Suizid-Opfer sind Männer. Lewitzka glaubt,
dass das unter anderem auch am männlichen Rollenbild liegt, das sich
keine Schwäche eingestehen wolle.
Wichtigstes Ziel: Zeit gewinnen
«Wenn jemand akut suizidal ist, ist das Erste, was man tun muss, Zeit
zu gewinnen», sagt Lewitzka. «Zwischen Entschluss und Tat liegen im
statistischen Mittel zehn Minuten.» Betroffene schildern diese akute
Phase wie einen Tunnel, der immer enger wird, später aber auch wieder
weiter. Die meisten Geretteten seien froh, überlebt zu haben,
berichtet Lewitzka aus ihren Gesprächen. «Manche feiern diesen Tag
als ihren zweiten Geburtstag.»
Entscheidender Hebel, in der Akutphase einen Suizid zu verhindern,
sei die «Methodenrestriktion», sagt Lewitzka. Sehr viele Menschen
hätten «ihre» Methode im Kopf, wie sie aus dem Leben scheiden wollen.
«Klappt das nicht, wählt man keine andere.»
Lewitzka schlägt daher vor, die typischen Wege in den Blick zu
nehmen: Bahngleise und Hochhäuser besser zu sichern oder Medikamente
nur in kleinen Packungen auszugeben. Damit könne man nicht alle
Suizide verhindern, aber doch eine ganze Reihe.
Wie reagiert man richtig?
Dem Thema auszuweichen, wenn man einen Verdacht hat, oder eine
Drohung zu ignorieren, hält die Expertin für völlig falsch. «Es ist
ein Mythos, dass man mit einem Gespräch jemanden erst auf diesen
Gedanken bringt oder ihn bestärkt.» Die Botschaft, die man vermitteln
sollte, lautet: «Ich mache mir Sorgen. Ich möchte für Dich da sein.
»
Suizid-Prävention kann aus Sicht der Professorin nicht früh genug
anfangen, mindestens in der Schule - das Thema gehöre in den
Lehrplan. «Man lernt, die kompliziertesten Gleichungen zu lösen, aber
nicht, wie man seelisch gesund bleibt oder eine gute Beziehung
führt», kritisiert die Psychiaterin.
Bundesweites Netzwerk im Aufbau
Lewitzka, Jahrgang 1975, ist auch Vorsitzende der Deutschen
Gesellschaft für Suizidprävention. Vor ihrem Wechsel an den
Fachbereich Medizin der Universität Frankfurt arbeitete sie am
Dresdner Uniklinikum.
In Frankfurt will sie ein Deutsches Zentrum für Suizidprävention
aufbauen, an dem auch die Stiftung Deutsche Depressionshilfe und
Suizidprävention und die European Alliance against Depression
beteiligt sind. In Frankfurt existieren bereits Initiativen: etwa das
Frankfurter Netzwerk Suizidprävention (FRANS), dem über 70
Institutionen und Organisationen angehören.
3D-Puzzle dank Künstlicher Intelligenz
Mit ihrer Professur, der von drei Stiftungen finanziert wird, will
Lewitzka Aufmerksamkeit auf das Thema Suizid lenken, Expertise
bündeln und Einfluss auf die Politik nehmen, um Präventionsprogramme
voranzutreiben.
Perspektivisch könnte Künstliche Intelligenz bei der Prävention
helfen, glaubt Lewitzka: Eine KI könnte die verschiedenen Parameter
für eine Gefährdung «wie in einem 3D-Puzzle» zusammensetzen, um
daraus passgenaue Hilfsangebote abzuleiten.
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