Gemeinsam voran - Technologiestandorte rücken enger zusammen Von Christian Schultz, dpa
Viele Unternehmen und Hochschulen beschäftigen sich intensiv mit
Biotechnologie und Künstlicher Intelligenz. In Rheinland-Pfalz soll
eine Plattform Firmen und Wissenschaftler enger zusammenbringen.
Mainz (dpa/lrs) - Nichts gehe ohne Teamwork, sagt Stefan Kramer. Er
ist Hochschullehrer für Data Mining und Machine Learning -
maschinelles Lernen - an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und
einer von mehreren vom Land Rheinland-Pfalz ernannten Lotsen für
Künstliche Intelligenz (KI). Eckhard Thines wiederum ist der
rheinland-pfälzische Landeskoordinator für Biotechnologie - und er
sagt, für die Entwicklung einer App genügten zwei Rechner und ein
Schreibtisch. «In der Biotechnologie geht das nicht.» Biotechnologie
sei wahnsinnig teuer.
Diese zwei Aussagen fassen grob zusammen, warum in Rheinland-Pfalz
eine neue Plattform namens «BioVation RLP» entstehen soll. Sie soll
Akteure aus der KI und Biotechnologie stärker vernetzen und vor allem
die drei Technologiestandorte Mainz, Kaiserslautern und Ludwigshafen
enger zusammenrücken lassen. Es geht im Endeffekt auch darum, Geld
effektiver einzusetzen, Anlagen und Ressourcen gemeinsam zu nutzen
und gegenseitig voneinander zu lernen und zu profitieren.
Studie empfahl engere Verzahnung
Die neue Plattform ist Teil der Strategie der rheinland-pfälzischen
Ampel-Regierung, das Land als Biotechnologie-Standort im Fahrwasser
des Booms durch das mit seinem Corona-Impfstoff berühmt gewordene
Mainzer Unternehmen Biontech gezielt voranzubringen. Eine vom Land in
Auftrag gegebene Studie zur Biotechnologie hatte vor einiger Zeit
empfohlen, die in Kaiserslautern stark etablierte Künstliche
Intelligenz (KI) noch stärker mit der medizinischen Biotechnologie in
Mainz zu verzahnen - dazu soll die Plattform nun beitragen.
In Mainz ist neben Biontech die Johannes Gutenberg-Universität ein
wichtiger Akteur, hier sitzt unter anderem auch das Tron, ein
Forschungsinstitut, das sich Wirkstoffen zur immuntherapeutischen
Behandlung von Krebs und anderen Krankheiten widmet. Außerdem
entsteht in der Landeshauptstadt gerade ein Biotechnologie-Campus, in
den unter anderem der niederländische Wissenschaftspark- und
Netzwerkbetreiber Kadans investieren wird.
In Kaiserslautern sitzen die Rheinland-Pfälzische Technische
Universität (RPTU) sowie das Deutsche Forschungszentrum für
Künstliche Intelligenz (DFKI). In Ludwigshafen widmet sich der
Chemie-Riese BASF schon lange der industriellen Nutzung von
Biotechnologie, in Ludwigshafen investiert auch der US-Pharmakonzern
Abbvie. Unweit der drei Zentren gibt es unter anderem noch den
Stammsitz des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim, im rheinhessischen
Alzey steckt der US-Pharmakonzern Eli Lilly Milliarden in eine neue
Produktionsstätte.
Ministerin erhofft sich einen «Boost»
Die rheinland-pfälzische Wirtschaftsministerin Daniela Schmitt (FDP)
sieht ein «dynamisches Ansiedlungsverhalten» und ein «rühriges
Gründerverhalten». Hinzu komme eine lange Tradition der chemischen
und pharmazeutischen Industrie. Das Netzwerk solle all dies noch
dichter zueinanderrücken, wie ein «Booster» wirken. Es gehe nicht nur
um große Unternehmen - Mittelständler oder landwirtschaftliche
Betriebe müssten sich auch fit für die Zukunft machen und sollten von
neuen Erkenntnissen profitieren können.
Die neue Plattform, die mit einer Veranstaltung in Mainz offiziell
ihren Anfang nahm, soll dazu beitragen, wissenschaftliche
Erkenntnisse schneller in die praktische Anwendung zu bringen oder
Start-ups unterstützen. Es soll explizit um rote, weiße und grüne
Biotechnologie gehen, Biotechnologie für medizinische, industrielle
und landwirtschaftliche Zwecke. Hier kann KI Entwicklungen erheblich
beschleunigen.
Und was soll das Netzwerk ganz konkret bringen? DFKI-Geschäftsführer
Andreas Dengel würde sich Investitionen in Technik wünschen,
möglicherweise hin zu einem zentralen Rechenzentrum. Forschung in der
Biotechnologie sei sehr datenintensiv, es werde mit enormen
Datenmengen gearbeitet, wofür es entsprechende Hardware brauche. Die
Technik am DFKI beispielsweise sei mittlerweile aber am Anschlag.
Skalierung ein großes Thema
Birgit Härtle, Vorstandsvorsitzende des Vereins InnoNet
HealthEconomy, einer Art Dienstleistungsplattform der
Gesundheitswirtschaft, ergänzte, mit dem neuen Netzwerk könne der
Aufbau unnötiger Doppelstrukturen vermieden werden. Eva Wilke,
Vize-Präsidentin für Forschung an weißer Biotechnologie beim
Chemiekonzern BASF, sagte, vielversprechende Projekte scheiterten an
der Skalierung, also dem Übergang vom Labormaßstab hin zu einer
größeren Produktion. Auch hier könne das neue Netzwerk ansetzen.
Ähnlich argumentiert Biotechnologie-Koordinator Thines. Nach seiner
Einschätzung braucht es Pilotierungsanlagen für neue Entwicklungen -
um vom Level eines 100-Milliliter-Kolbens zunächst zum Level eines
100-Hektoliter-Fermenters - eine Art Bioreaktor - zu kommen. Einen
Flaschenhals sieht Thines darüber hinaus nach wie vor bei technischen
Berufen. Es fehle an Laboranten und technischen Assistenten. Er
erhofft sich, dass das Netzwerk die Ausbildung nicht nur von
Akademikern, sondern auch von technischen Berufen voranbringt.
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