Schulden statt Jackpot - Löchriges Beratungsnetz für Spielsüchtige Von Dörthe Hein, dpa
Seit drei Jahren soll ein landesweites Beratungsnetz für
pathologische Glücksspielsüchtige entstehen. Noch immer ist es nicht
aufgebaut. Ein Spielsüchtiger erzählt, wie er Hilfe erfuhr.
Magdeburg/Stendal (dpa/sa) - Bis er sich seine Sucht eingestand und
die riesigen Verluste nicht mehr verdrängte, vergingen Jahre. Zu
Beginn 2014 waren es noch kleinere Einsätze bei Online-Spielen von 5,
10 Euro zum Zeitvertreib und um sich etwas Geld extra
dazuzuverdienen. Auf dem exzessiven Höhepunkt im Jahr 2022 habe er
sich in einem Monat über 4000 Euro Gewinn auszahlen lassen -
allerdings auch über 10 000 Euro eingesetzt. So erinnert sich der
60-jährige Magdeburger. Im Frühjahr 2022 habe er online einen
Selbsttest zum Spielverhalten gemacht. Von sieben Punkten trafen fast
alle zu. Er ging zur Schwerpunktberatungsstelle für pathologisches
Glücksspiel. Dort empfahl der Berater eine Spielsperre, die könne er
gleich einrichten. Das habe er zu dem Zeitpunkt nicht gewollt. Die
Unterlagen für die Spielsperre nahm er mit.
Der Mann, der anonym bleiben will, spielte weiter. Tat alles, um es
vor der Familie zu verbergen. Das Geschäft als freiberuflicher
Finanzberater ging bergab. Er fing Postboten ab, damit seine Frau ja
nicht die Briefe, Mahnbescheide und Vollstreckungsbescheide sieht.
Sein Leben sei ein Lügenkonstrukt gewesen. Ein halbes Jahr später
flog alles auf. Er richtete die Sperre ein und ist inzwischen seit
über 500 Tagen «trocken». Mit dem Begriff könnten mehr Menschen etw
as
anfangen als mit «spielfrei». «Ich bezeichne mich als
glücksspielsüchtig», sagt der 60-Jährige. Alle 14 Tage geht er in
eine Gesprächsgruppe mit anderen Spielsüchtigen, geleitet von einem
Berater.
Lange war die Beratungsstelle in Magdeburg die einzige spezialisierte
für pathologische Glücksspieler in Sachsen-Anhalt. Das sind Menschen,
für die das Spielen im Internet, in der Spielhalle oder anderswo zur
Sucht geworden ist und die hineinrutschen in Schulden. Seit etwa drei
Jahren soll in Sachsen-Anhalt ein flächendeckendes Hilfenetz für die
Glücksspielsüchtigen aufgebaut werden. Allerdings hat das noch immer
große Löcher. Von fünf vorgesehenen regionalen
Schwerpunktberatungsstellen gibt es bislang vier. Zu Magdeburg,
Stendal und Halle kam in diesem Jahr Dessau hinzu. Im Vorharz gibt es
noch keine spezielle Beratungsstelle und es steht auch noch keine in
Aussicht. Außerdem fehlt die geplante Landeskoordinierungsstelle, die
das Thema samt Hilfemöglichkeiten bekannt machen soll.
Das zuständige Innenministerium erklärte dazu: «Leider liegen bislang
nicht für alle geplanten Beratungsstellen Anträge vor.» Die Anträge
,
die von Trägern wie der Caritas oder der Diakonie eingereicht werden
können, seien aber Voraussetzung, damit die Zuwendungen bewilligt
werden könnten. «Sobald diese Anträge vorliegen und entsprechendes
Personal gefunden wurde, wird unverzüglich darüber entschieden.» Zum
vorliegenden Antrag auf Zuwendungen für die
Landeskoordinierungsstelle sei es dem Träger bislang noch nicht
gelungen, die Stelle personell zu besetzen. Derzeit liefen Gespräche.
Jährlich stünden bis zu 530 000 Euro unter anderem für die
Glücksspielprävention und -beratung zur Verfügung.
Daniel Krause berät seit mehreren Jahren in der Magdeburger
Beratungsstelle der Diakonie Menschen mit Glücksspielstörungen. Zu
ihm kämen Menschen jeden Alters und aus allen gesellschaftlichen
Gruppen. Wenig Arbeitslose seien dabei. Vor ihm säßen aber
Geschäftsführer, Professoren, Angestellte. Sportwetten,
Online-Casinos - viele betrieben das über viele Jahre, bis sie sich
Hilfe suchen. Teils wüssten sie gar nicht, wie viel Geld sie schon
verspielt haben. «Das Ausmaß ist vielen nicht klar», sagt Krause.
Klar ist für ihn: «Das sind wahre Finanzjongleure.»
Der 60-jährige Magdeburger, der anonym bleiben will, spricht von 170
000 Euro Spielschulden, die sich angehäuft haben. Er buchte
Kreditraten für das Haus zurück, lieh sich Geld von nahen Verwandten,
pumpte Bekannte an - obwohl klar war, er kann das Geld nicht
zurückzahlen. Die Hoffnung auf den großen Gewinn beim Online-Spiel
schwang immer mit, er wurde vom Spielanbieter zugleich als VIP-Kunde
hofiert. Er erinnert sich an eine Kiste mit italienischen
Spezialitäten. Das Spielen ging immer weiter. An manchen Tagen seien
90, 95 Prozent seiner Zeit dafür draufgegangen.
Bei Berater Daniel Krause fühlt er sich nun gut aufgehoben. Der habe
geholfen, weil er um die Problematik wisse und viele andere Fälle
kenne. Inzwischen ist der 60-Jährige auch bei einer Psychotherapeutin
in Behandlung. Ansonsten sei es mit dem Reden schwierig, selbst mit
seiner Frau. Er habe sehr viel zerstört. Was ihm wichtig ist und auch
den anderen aus seiner Gesprächsgruppe: «Es fehlt uns die Anerkennung
beim täglichen Kampf gegen die Krankheit.» Sie wissen, sie haben viel
Elend, Unheil und Desaster über die gebracht, die ihnen am
wichtigsten seien. Aber eine Anerkennung, wie viel sie schon
geschafft hätten auf dem Weg weg vom Spielen, sei wichtig.
Für ihn klar: «Ich werde in meinem ganzen Leben nicht mehr spielen.
Das ist zementiert.» Gleichzeitig wisse er, dass ihm niemand so recht
glaube. Die Rückfallquoten lägen bei 70, 80 Prozent. Spielsucht sei
da nichts anderes als Alkoholsucht oder Drogen. Der Unterschied sei:
«Wir fallen nicht auf.» Kein Torkeln, Lallen, körperlicher Verfall.
Im großen Kreis hat er seine Sucht nicht offenbart, nicht im
Sportverein, nur in der Familie und bei wenigen Bekannten. Und die
hätten große Probleme, mit seiner Krankheit umzugehen. «Dann hör do
ch
einfach auf» - diesen Satz würde man zu einem Alkoholabhängigen wohl
nicht sagen.
Werbung für Glücksspiel ist überall - im Fernsehen, online,
Spielhallen und Casinos gehören zum Stadtbild, Spielautomaten in der
Kneipe. Laut dem «Glücksspielatlas Deutschland 2023», der unter
anderem von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen herausgegeben
wurde, entwickelt etwa jeder 13. Glücksspieler durch die Teilnahme an
Automatenspielen, Sportwetten und anderen Glücksspielen
gesundheitliche, finanzielle oder auch soziale Probleme. In vielen
Fällen seien die so massiv, dass Familien zerstört und Existenzen
vernichtet werden. 30 Prozent der Menschen in Deutschland nähmen an
Glücksspielen teil, 2,3 Prozent der Bevölkerung hätten eine
Glücksspielstörung. Rund 1,3 Millionen Menschen wären das. Vor allem
die Nachfrage von Online-Glücksspielenden nach ambulanten
Hilfsangeboten sei in den letzten Jahren stark gestiegen.
In Sachsen-Anhalt haben aber auch die Helfer Probleme. Da es die
Finanzierung immer nur kurzfristig gebe, könnten keine langfristigen
Projekte angeschoben werden, sagt Berater Daniel Krause. Das und das
vergleichsweise geringe Personalbudget machten es schwer, überhaupt
Beraterinnen und Berater zu finden. Aktuell fehle auch die
Landeskoordinierungsstelle sehr. Jede der regionalen
Schwerpunktberatungsstellen verfüge über eine Personalstelle. Jeder
müsse sich selbst in Themen und Neuerungen einarbeiten. Und auch die
Öffentlichkeitsarbeit einer Koordinierungsstelle fehle. Auf das Thema
und die Hilfemöglichkeiten müsse aufmerksam gemacht werden.
In Stendal, wo die regionale Schwerpunktberatungsstelle im
vergangenen Jahr startete, steigen die Beratungszahlen nicht, wie der
Sprecher des Caritasverbands für das Bistum Magdeburg, Stefan
Zowislo, sagt. Es handele sich um eine schwierige Zielgruppe, für die
Betroffenen sei es ein langer Weg. «Wir konzentrieren uns in der
Präventionsarbeit auf Angehörige.» Zowislo betont, dass man es auf
der Seite der Glücksspielanbieter mit übermäßigen Anstrengungen zu
tun habe. Es handelt sich um einen großen Markt.
Der 60-jährige Magdeburger zählt seine «trockenen» Tage. Kürzlich
machte er die 500 voll. Im Jahresplaner seien schon die 555 und 600
markiert. Das erste Mal vierstellig - das ist seine Motivation.
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