Hilfen für Helfer - bei psychischen Krankheiten leiden Angehörige mit Von Christine Schultze, dpa
Was tun, wenn ein Mensch aus dem persönlichen Umfeld psychisch
erkrankt und eine Behandlung ablehnt? Angehörige fühlen sich oft
überfordert in solchen Situationen, manchmal brauchen sie selbst
Hilfe.
Gießen (dpa/lhe) - Wenn Menschen psychisch erkranken, können auch
ihre Angehörigen an die Belastungsgrenze geraten. Viele sind ratlos,
wie sie mit den Betroffenen umgehen sollen, versuchen vielleicht
vergeblich, sie zu überzeugen, sich in Behandlung zu begeben. Manche
verstricken sich in Konflikte mit den Erkrankten und geraten immer
stärker in eine Spirale aus Sorge und Hilflosigkeit. Im Landkreis
Gießen wollen Vertreter von Kliniken, Behörden und einer
Selbsthilfegruppe Patienten und ihren Angehörigen mit Rat und Tat zur
Seite stehen und einen möglichst frühzeitigen und guten Zugang zu
Hilfen bieten.
Dabei gilt es, festzuhalten: Die Betroffenen haben ebenso wie jeder
andere Bürger und jede Bürgerin ein grundgesetzlich verankertes Recht
auf Selbstbestimmung und können entscheiden, ob sie eine Behandlung
oder Therapie annehmen oder nicht. Genau das kann aber bei
psychischen Erkrankungen schwierig sein. Eine zwangsweise
Unterbringung in einer Psychiatrie kommt nur in der Ausnahmesituation
einer akuten Eigen- oder Fremdgefährdung in Betracht, wenn diese
Risiken nicht anderweitig abgewendet werden können. Und so eine
Zwangseinweisung muss auch spätestens nach 24 Stunden von einem
Richter überprüft werden. Doch auch in weniger brisanten Fällen
können die Folgen der Krankheit so belastend für Angehörige werden,
dass diese selbst Gefahr laufen, krank zu werden.
Das Gießener Netzwerk will dazu beitragen, dass es möglichst erst gar
nicht so weit kommt. Dazu gehört auch ein engagierter
Sozialpsychiatrischer Dienst beim Gesundheitsamt des Landkreises
Gießen, der bei Bedarf auch aufsuchend tätig wird, wie Leiter Marco
Auernigg sagt. Teams aus mehreren Mitarbeitenden machten dann
Hausbesuche bei Betroffenen und binden auch Angehörige mit ein -
falls nötig, auch mehrmals. Dies sei «ein Riesenpfund» und könne da
zu
beitragen, Konflikte zu beruhigen. Generell lasse sich feststellen:
«Die Zahl der herausfordernden Fälle hat zugenommen.»
Jeder dritte Mensch in Deutschland entwickelt im Laufe seines Lebens
eine psychische Erkrankung - das bedeutet, dass sehr viele Menschen
betroffen sind, wie Christoph Mulert sagt, der Direktor der Klinik
für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Gießen und
Marburg ist. Rund drei Viertel der Patienten sind jünger als 25
Jahre. Meist suchten sich die Betroffenen zwar selbst Hilfe und
bekämen diese auch dank der guten Versorgungssituation hierzulande.
Wenn aber etwa die Krankheitseinsicht fehle, würden Behandlungen
häufiger auch abgelehnt.
Eltern und Angehörige sollten aufmerksam werden, wenn die Menschen
sich veränderten, sagt Mulert: Sozialer Rückzug, Gereiztheit oder
auch eine teils intensive «Beschäftigung mit seltsamen Themen»
könnten Warnzeichen sein. Bereits ein bis zwei Jahre, bevor die
Erkrankung offen zutage tritt, seien für nahe stehende Menschen
solche Veränderungen zu beobachten. Dieses «Zeitfenster» sei eine
«Riesenchance» für eine Früherkennung - und je eher dies geschehe,
desto besser die Möglichkeiten, Erkrankungen aufzuschieben,
abzumildern oder sogar ganz zu vermeiden.
Noch immer müssen sich aber viele Angehörige überwinden, ärztlichen
Rat einzuholen, weil sie mit Furcht vor Stigma, mit Scham und
Schuldgefühlen kämpfen und sich Fragen stellen wie: «Was habe ich
falsch gemacht?», wie Gerhard Weißler von der Angehörigengruppe
Mittelhessen sagt. Dabei wisse man, dass etwa bei der Entstehung von
Psychosen neben einer genetischen Disposition auch weitere Faktoren
eine Rolle spielten, auf die Familien keinen Einfluss hätten,
erläutert Mulert. Cannabisgebrauch sei einer davon, ein städtisches
Wohnumfeld mit tendenziell weniger stabilen sozialen Beziehungen ein
weiterer.
Rose Maria Konang vom Landesverband Hessen der Angehörigen und
Freunde psychisch erkrankter Menschen kennt diese Belastungen aus
ihren Beratungen in der Selbsthilfe. Noch immer werde Betroffenen und
ihrem Umfeld auch von Fachleuten teils Unverständnis
entgegengebracht. Geeignete ambulante Hilfen für schwer erkrankte,
oft uneinsichtige Menschen seien Mangelware. Das System habe dafür
keine geeigneten Strukturen und sei deshalb völlig überfordert. So
fehle Hessen ein flächendeckender aufsuchender Krisendienst, der rund
um die Uhr erreichbar sei.
Dabei könne es manchmal schon helfen, wenn fachlich versierte
Personen vor Ort kommen könnten, das Gespräch auch mit dem sozialen
Netz suchten, die Situation beruhigten und gemeinsam Perspektiven
entwickelten, wie es weitergehen könne. Die gemeindepsychiatrischen
Verbünde, in dem die jeweiligen regionalen Leistungserbringer
zusammengeschlossen sind, funktionierten nur mancherorts gut, sagt
Konang.
Auch der Landeswohlfahrtverband Hessen sieht offenbar einen
Flickenteppich. «Psychiatrische Krisen sind zunehmend ein
gesellschaftliches Problem, für das es keine einheitlichen
Ansprechstellen in Notfällen gibt», erklärt der Verband auf Anfrage.
Nachdem der in der vergangenen Legislaturperiode vereinbarte
hessenweite Krisendienst noch nicht umgesetzt sei, setze sich nun
auch die neue Landesregierung für die Schaffung eines
flächendeckenden Krisenhilfe-Systems ein.
In den Landkreisen und Städten hätten die Sozialpsychiatrischen
Dienste in den Gesundheitsämtern, die derzeit für solche Angebote
zuständig sind, sehr unterschiedlich ausgestattete Möglichkeiten
geschaffen, um im Fall von Krisen Hilfen zu erhalten, heißt es vom
LWV. Eine landesweite einheitliche Finanzierung sei in Hessen noch
nicht gegeben. Frühzeitige Angebote seien hilfreich und notwendig, um
so auch chronischen Krankheitsverläufen und in Folge davon seelischer
Behinderung wirksam vorzubeugen. Der Verband verwies auch auf die von
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) angestoßene
Initiative zur Suizidprävention.
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