Frieren bei Gasmangel? Wieso kühlere Wohnungen gesünder sind Von Sandra Trauner, dpa

Wegen des Konflikts mit Russland wird über niedrigere
Mindesttemperaturen diskutiert. Aus medizinischer Sicht kein Problem
- im Gegenteil.

Frankfurt/Main (dpa) - Bei sommerlichen Temperaturen diskutiert
Deutschland über die Aussicht auf kühlere Wohnungen im Winter. Weil
nicht klar ist, wie es mit den Gaslieferungen aus Russland
weitergeht, steht der Vorschlag im Raum, dass Mietwohnungen künftig
etwas kälter bleiben sollen. Wer sich bei 30 Grad gerade pudelwohl
fühlt, dem dürfte die Aussicht auf weniger als 20 Grad im Wohnzimmer
einen kühlen Schauer über den Rücken jagen. Aber welche Temperatur
ist gesund?

Das Umweltbundesamt (UBA) rät den Deutschen schon lange zu kühleren
Innentemperaturen: «Die Raumtemperatur sollte im Wohnbereich
möglichst nicht mehr als 20 Grad Celsius betragen», heißt es beim
UBA. In der Küche empfiehlt das UBA 18 Grad und im Schlafzimmer 17
Grad, schränkt aber ein: «Entscheidend ist in allen Fällen die
individuelle Behaglichkeitstemperatur.»

«Die Temperatur, die wir subjektiv als angenehm empfinden, liegt fast
immer höher als das, was gut und gesund ist», sagt dagegen Prof.
Stephan Vavricka, Facharzt für Innere Medizin am Zentrum für
Gastroenterologie und Hepatologie in Zürich. Ein bisschen zu frieren
schade keineswegs, im Gegenteil: «Eigentlich wäre es gesund, wenn wir
täglich vor Kälte zittern, denn dabei wird Fettgewebe abgebaut.»

Dass der eine bei 25 Grad fröstelt und der andere bei 20 Grad
schwitzt, liegt Vavricka zufolge an der unterschiedlichen
Thermogenese. Das ist die Fähigkeit, selbst Wärme zu produzieren. Sie
entsteht als Nebenprodukt von Stoffwechselprozessen, etwa bei der
Verdauung oder durch Muskelaktivität. In der Regel könnten dickere
Menschen leichter Wärme produzieren als dünne, sagt Vavricka. Daher
seien sie üblicherweise auch weniger kälteempfindlich.

Aber das Temperaturempfinden ist unterschiedlich, wie Leonard
Fraunberger von der Universität Erlangen-Nürnberg erklärt. Er ist
Facharzt für Innere Medizin und Vizepräsident des Bayerischen
Sportärzteverbandes. Was wie ein Klischee klingt, ist
wissenschaftlich bewiesen: Frauen frieren häufiger als Männer. Denn
ob einem kalt ist oder nicht, hängt vor allem von der Muskelmasse ab:
«Mehr Muskeln produzieren mehr Wärme.»

Der eine zieht auf dem Sofa die Decke über sich, der andere den
Pullover aus - das liegt Fraunberger zufolge auch an Faktoren, die
man selbst in der Hand hat. Einen großen Einfluss hat zum Beispiel,
ob man gut geschlafen, genug gegessen und sich ausreichend bewegt
hat. «Eine niedrigere Raumtemperatur wäre aus medizinischer Sicht für

viele Menschen gut», sagt Internist und Sportmediziner Fraunberger:
Es könnte die Menschen motivieren, sich mehr zu bewegen und sich
gesünder zu ernähren. «Damit schlagen Sie zwei Fliegen mit einer
Klappe: Sie tun was fürs Klima und für Ihr Immunsystem, denn
regelmäßige Bewegung stärkt die Abwehrkräfte.»

Die optimale Außentemperatur für sportliche Höchstleistungen des
Körpers liegt unter 20 Grad, wie der Sportmediziner erklärt. Wenn es
kühler ist, werden die Gefäße zu den Extremitäten enger, der Körp
er
gibt weniger Wärme ab. «Auf der anderen Seite laufen die Prozesse bei
Temperaturen von mehr als 30 Grad nicht mehr optimal.»

Dass wir wärmere Temperaturen trotzdem meist angenehmer finden,
halten Fraunberger und Vavricka vor allem für Gewohnheit. In Italien
gibt es kaum Heizungen, in England zieht es durch alle Ritzen - jedem
Reisenden fallen dazu Beispiele ein. Der individuelle
«Behaglichkeits-Korridor» könne bei Bedarf jederzeit nach oben oder
unten verschoben werden, sagt Fraunberger. Wer 25 Grad im Wohnzimmer
gewöhnt war, sollte allerdings nicht sofort auf 15 umsteigen, sondern
die Heizung schrittweise um jeweils ein Grad runterregulieren.

Der Deutsche Wetterdienst sagt nicht nur die Temperatur vorher,
sondern gibt auch die «gefühlte Temperatur» an. Sie wird unter
anderem beeinflusst von der Strahlung der Sonne, der Stärke des
Windes und der Feuchtigkeit der Luft, wie Andreas Matzarakis vom
Zentrum für Medizin-Meteorologische Forschung des DWD erklärt: «Es
gibt bis zu 70 Faktoren, die unser thermisches Empfinden
beeinflussen.» Neben Müdigkeit und Hunger gehörten zum Beispiel auch

Stress und Krankheit dazu, erklärt der Medizin-Meteorologe.

«26 Grad ist die Temperatur, bei der die Menschen die wenigste
Energie verbrauchen», sagt der Medizin-Meteorologe. Dennoch rät auch
der DWD zu kühleren Raumtemperaturen - auch aus Gründen des
Klimaschutzes. «Mit jedem Grad, um das ich die Raumtemperatur senke,
spare ich sechs Prozent Energie», rechnet Matzarakis vor. Der
Klimawandel führt dazu, dass wir im Sommer ein Problem mit dem Kühlen
von Wohnungen haben, die drohende Energiekrise beschert uns daheim
vielleicht kühlere Winter - «aber beides ist gekoppelt».

Mit einem Unterschied: Im Gegensatz zur Hitzebelastung im Sommer kann
man gegen Frieren im Winter leichter etwas tun. Sportmediziner
Fraunberger empfiehlt, «einfach mal um den Block zu laufen, dann
kommt einem die Wohnung gleich viel wärmer vor». Internist Vavricka
rät, «eine Lage mehr anzuziehen». Wer seiner Gesundheit etwas Gutes
tun möchte, kann auch vor dem Fernseher Liegestützen machen.