Tödliche Autofahrt in Berlin - Sind psychisch Kranke gewaltbereiter? Von Christine Schultze und Oliwia Nowakowska, dpa

Ein psychisch kranker Mann rast am Berliner Ku'damm in
Menschengruppen, eine Frau stirbt. Doch haben Menschen, die solche
Taten begehen, grundsätzlich psychische Probleme? Expertinnen haben
eine klare Antwort.

Berlin/Darmstadt (dpa) - Bei Taten wie der Todesfahrt in Berlin kann
die Vermutung naheliegen, dass sie von psychisch kranken Tätern
begangen werden - doch laut Experten sind es die wenigsten wirklich.
«Psychisch Kranke sind nicht gewaltbereiter als der Durchschnitt der
Bevölkerung, aber wenn es zu solchen spektakulären Fällen kommt, dann

sorgt das medial natürlich für Aufsehen», sagte die Direktorin der
Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie der
Charité Berlin, Isabella Heuser, der Deutschen Presse-Agentur.
Dadurch entstehe der Eindruck, nur psychisch Kranke seien zu solchen
Taten fähig.

Auch laut der Kriminalpsychologin Karoline Roshdi, die unter anderem
zum Umgang mit bedrohlichem Verhalten und zur Prävention schwerer
Gewalt und Amok berät, wird nur rund ein Drittel solcher Taten von
Menschen mit psychischen Störungen begangen.

Psychische Erkrankungen - von Angststörungen über Depression bis hin
zu Störungen durch beispielsweise Alkoholkonsum - sind in der
Bevölkerung ziemlich häufig: Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft
für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde
sind jedes Jahr knapp 28 Prozent der erwachsenen Bevölkerung von
einer psychischen Erkrankung betroffen. Das entspreche rund 17,8
Millionen Menschen.  

Der Todesfahrer von Berlin soll nach Einschätzung der
Staatsanwaltschaft in eine Psychiatrie kommen. Es gebe Anhaltspunkte
dafür, dass der 29-Jährige an einer paranoiden Schizophrenie leide,
hieß es. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung seien Medikamente
gefunden worden. Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD)
berichtete, der Mann sei in der Vergangenheit öfter der Polizei
aufgefallen, es habe Ermittlungen gegeben wegen Körperverletzung,
Hausfriedensbruchs und Beleidigung.

Am Mittwochvormittag raste der Mann nahe der Gedächtniskirche über
Gehwege des Ku'damms und der Tauentzienstraße. Nach jüngsten Angaben
wurden eine Lehrerin getötet und 32 Menschen verletzt, darunter viele
Schüler einer 10. Klasse aus Hessen.

Ein anderer Fall, bei dem ein psychisch erkrankter Mann eine
Amokfahrt begann, ereignete sich in Heidelberg im Februar 2017: Ein
35-Jähriger raste in eine Menschengruppe. Dabei starb ein 73 Jahre
alter Mann. Der Täter wurde in die Psychiatrie eingewiesen.

Ein Jahr später, im April 2018, ereignete sich ein ähnlicher Fall in
Münster. Wieder raste ein Mann in eine Gruppe von Menschen. Fünf
Menschen kamen dabei ums Leben und mehr als 20 wurden verletzt.
Daraufhin erschoss sich der Mann selbst. Die Ermittler gehen davon
aus, dass der Täter psychisch krank war.

Auch in Bottrop und Essen gab es eine Amokfahrt. Im Januar 2019
steuerte ein psychisch kranker Rechtsradikaler sein Auto an beiden
Orten in Feiernde, die er für Ausländer hielt. Dabei wurden 14
Menschen verletzt. Der Mann kam in die geschlossene Psychiatrie.

Trotz dieser Aufzählung betont die Klinik-Direktorin Heuser, dass es
sich um Einzelfälle handele. Die Frage, was solche Täter bewegt, kann
sie nicht abschließend beantworten. «Wenn bei dem Täter tatsächlich

eine psychische Störung vorliegt, dann sind die Ursachen sehr
unterschiedlich.» Sie reichten von Depressionen bis hin zu paranoiden
Psychosen.

Roshdi wird da etwas konkreter: Im aktuellen Fall sei zwar noch
vieles unklar, daher sei eine genaue Beurteilung schwierig. Häufig
liege in solchen Fällen aber eine Schizophrenie mit Verfolgungswahn
vor. In dem aktuellen Fall komme angesichts des besonderen Tatorts -
in der Nähe war 2016 der islamistische Anschlag - zudem eine
«Nachahmungsdynamik» in Betracht.

Zur Frage, wie vorhersehbar solche Taten sind, sagt die
Kriminalpsychologin, man könne zwar Risikoeinschätzungen vornehmen,
für die es auch solide Instrumente gebe - «aber das ist eine
Momentaufnahme fürs Hier und Jetzt». Gewaltfantasien und das Erleben
von Krisen könnten dazu beitragen, dass Menschen in solche
Ausnahmezustände geraten. «Was wir relativ häufig haben ist, dass
kurz vor so einer Tatbegehung irgendetwas passiert, was die Täter
moralisch sehr stark erschüttert», sagte Roshdi.

Das Problem bei der Prävention sei, dass Täter ihre Gewaltfantasien
oft nicht kundgeben, sagt Heuser. Manche von ihnen äußerten sich zwar
etwa auf sozialen Medien aggressiv oder düster. «Die traurige
Wahrheit ist aber, dass man das alles erst im Nachhinein erfährt.»

Wenn die Mitmenschen eines möglichen Täters solche aggressiven
Äußerungen mitbekommen, sollten sie mit ihm in erster Linie
kommunizieren. Außerdem gebe es beispielsweise auch
Gewaltpräventionsstellen, die man anrufen könne, meint Heuser.

Doch eine solche Tat ist insbesondere für die Opfer und ihre
Angehörigen erschütternd. Oftmals benötigen sie nach so einem
Erlebnis psychologische Unterstützung. Laut Heuser muss man ihnen
sofort einen Notfallseelsorger zur Verfügung stellen. Das habe jetzt
wohl auch gut geklappt, nachdem man die Lehren aus dem
terroristischen Anschlag vom Breitscheidplatz 2016 gezogen habe.
Sofort seien Notfallseelsorger vor Ort gewesen.

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