Neue Impfkampagne beginnt - was sie bezweckt und ob das hilft Von Anna Ringle, dpa

Es ist ein ernster Anlass, doch hat Deutschland jetzt auch wieder ein
Plauderthema für den Küchentisch: Wie findest du die neuen Plakate
der Regierungs-Impfkampagne? Ein Konfliktforscher fragt sich, warum
der Vorstoß erst jetzt kommt.

Berlin (dpa) - Früher oder später wird sie wohl jeder bemerken. Wenn
man durchs Fernsehen zappt, die Zeitung aufschlägt oder Radio hört.
Mit einer neuen Impfkampagne, die in dieser Woche anläuft, will die
rot-grün-gelbe Bundesregierung neue Impulse in die Bevölkerung geben,
um die Corona-Impfquote zu steigern. Ihr Slogan: «Impfen hilft.» Wird
das Leute überzeugen, die sich bislang nicht haben impfen lassen?

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) griff am Montag zu Plakattafeln und
hielt sie in Kameras. Auf einer steht: «Impfen hilft. Auch allen, die
es nicht mehr hören können.» Scholz sagte: «Wir versuchen auch, in

viele Zielgruppen hineinzukommen; Bürgerinnen und Bürger zu
erreichen, die bisher von den verschiedenen Informationsaktivitäten
nicht erreicht wurden.» Er wiederholt: «Impfen hilft.»

Der Plakat-Hintergrund ist hellblau und hellgrün gehalten, davor die
Schrift. Schlicht gestaltet, ohne Bilder. Auf Twitter laufen sich die
Kommentatoren schnell warm. Einige sehen sich an den Look von
50-Cent-Wertbons erinnert, die man an Tankraststätten beim
Toilettengang erhält.

Ein anderer postet ein Foto von Scholz mit Impfplakat und stellt als
Kontrast eine Impfkampagne der südfranzösischen Region
Provence-Alpes-Côte-d'Azur aus dem vergangenen Sommer daneben - auf
dem Bild umarmen sich zwei Menschen heiß und innig kurz vor einem
Kuss. Maximal emotional versus höchst nüchtern, was wohl mehr Erfolg
verspricht?

In Deutschland hatte es 2021 schon einmal eine Impfkampagne gegeben.
Promis ließen sich mit Pflaster am Oberarm ablichten. Da waren zum
Beispiel der US-Star David Hasselhoff («Knight Rider») und
TV-Moderator Günther Jauch dabei.

Die jetzige Info-Offensive wurde nach Angaben des
Bundesgesundheitsministeriums von den beiden Agenturen Scholz &
Friends und Cosmonaut&Kings erarbeitet. «Die Kampagne wird neben
Deutsch auch in den Sprachen Arabisch, Englisch, Russisch und
Türkisch ausgespielt», teilte das Ministerium am Dienstag auf Anfrage
der Deutschen Presse-Agentur mit.

In dieser Woche beginnt die Kampagne in sozialen Medien und Radio, in
der Woche darauf kommen Zeitungsanzeigen und Außenwerbung hinzu und
Mitte Februar soll es im Fernsehen losgehen. Das Budget für die
Monate Januar bis März beziffert das Ministerium auf 60 Millionen
Euro.

Aus Sicht des Konfliktforschers Ulrich Wagner von der
Philipps-Universität Marburg kommt die Idee der zweiten Kampagne
reichlich spät: «Warum ist das nicht längst geschehen? Bundes- und
Landesregierungen haben viel zu viel Zeit verstreichen lassen.» Diese
Unentschlossenheit und Tatenlosigkeit haben aus seiner Sicht auch zur
gegenwärtigen Lagerbildung beigetragen, in der Impfgegnerinnen und
-gegner ebenso überzeugten Befürwortern unversöhnlich
gegenüberstünden.

Als Experte für Sozialpsychologie lässt Wagner wenig Optimismus
erkennen: «In einer solch polarisierten Situation ist es inzwischen
sehr schwer, wenn nicht unmöglich, über den tiefen Graben zwischen
den Gruppen hinweg zu kommunizieren.» Zugleich sagt er: «Dennoch,
vielleicht ist es doch nicht ganz zu spät und die neue Kampagne
erreicht zumindest einige.» Eine Kampagne wie «Impfen hilft» könne

sinnvoll sein, wenn sie zielgruppenspezifisch angelegt ist.

Aus Sicht des Ministeriums zeigt der Slogan kurz und prägnant, dass
die Corona-Schutzimpfung in allen Bereichen des Lebens unter
Pandemie-Bedingungen nützlich sei. Auf die Frage, wie man Zielgruppen
erreichen wolle, die sich bislang nicht angesprochen fühlten, hieß
es: «Die Aussteuerung der Kampagne wird nicht nur über massenmediale
Medien erfolgen, sondern auch gezielt über Zugänge in Communities mit
impfvorsichtigen Menschen.» Die Kampagne sei auf Grundlage von
empirischen Daten und Empfehlungen von Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftlern entwickelt worden. Sie werde in den kommenden Wochen
fortlaufend ergänzt.

Das Ministerium verweist auch auf Erfahrungen mit der Impfkampagne
aus dem Vorjahr. Mit ihr sollten schrittweise die priorisierten
Gruppen und dann die Breite der Bevölkerung auf die Schutzimpfung
aufmerksam gemacht und die Impfbereitschaft erhöht werden - und das
mit Erfolg, wie die Behörde rückblickend erklärt: «Die Kampagne
«Deutschland krempelt die #ÄrmelHoch» hat reichweitenstark dazu
beigetragen und mit verschiedenen Services für eine transparente
Aufklärung gesorgt.»

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