«Einfach losgestochen» - Prozess um Mordversuch an Krankenschwester Von Britta Schultejans, dpa

20.09.2021 14:02

Ein Krankenhaus soll der Ort für Gesundheit und Heilung sein. Für
einige Pflegekräfte aber wird er inzwischen oft zum Gegenteil: Sie
erleben Gewalt am Arbeitsplatz - bis hin zum Mordversuch.

München (dpa) - «Dann ist er sofort ins Zimmer, hat die Türe
zugeschlagen und hat sofort angefangen. Er hat einfach losgestochen»,
sagt die 64 Jahre alte Krankenschwester am Montag vor dem Landgericht
München II. «Dann hab ich das Schreien angefangen, ganz laut»,
erinnert sie sie. «Ich weiß noch, dass ich gefragt habe: Warum machen

Sie das?» Angst habe sie in dem Moment wunderlicherweise gar nicht
empfunden - eher Erstaunen: «So stirbst Du also», habe sie gedacht.
«Du wirst erstochen, damit habe ich nicht gerechnet.»

Es war der 25. November vergangenen Jahres, mitten in der Nacht, als
der Patient in der Tür des Schwesternzimmers in einer psychiatrischen
Einrichtung im oberbayerischen Peiting stand und um Medikamente bat.
Als sie sich zum Medizinschrank umdrehte, stach er mit einer
Nagelschere auf sie ein, die er in seiner Faust versteckt hatte. Dies
wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor, die ihn des versuchten Mordes
beschuldigt, und so sagt es der Deutsche zum Prozessauftakt selbst.

18 Stiche vor allem in den Hals und ins Gesicht der Krankenschwester
waren es nach Angaben der Staatsanwaltschaft. Sie verfehlten die
Halsschlagader nur knapp. Erst als eine Kollegin dazukam, soll der
Mann von ihr abgelassen haben. Das Opfer kam in kritischem Zustand
ins Krankenhaus. Sie habe gedacht, die Tatwaffe sei ein Messer. «Ich
hab gedacht, jetzt ist alles zerfetzt.»

Eine Tötungsabsicht bestreitet der Beschuldigte vor Gericht. Er habe
die Frau lediglich schwer verletzen wollen, damit er danach ins
Gefängnis komme und so die psychiatrische Einrichtung, in der er sich
befand, verlassen könne. «Ich wollte, dass das ordentlich blutet»,
sagte er zu einer psychiatrischen Gutachterin.

Er habe Angst vor dem Chef der Einrichtung gehabt, so der 32-Jährige,
den Gericht und Staatsanwaltschaft für paranoid und schizophren
halten. Denn der Leiter habe die Fähigkeit besessen, die Psychen von
Patienten teilweise untereinander auszutauschen. Er habe Angst
gehabt, dass er «psychisch behindert aus diesem Heim rausgehe».

So schockierend das Ereignis - ein Einzelfall ist es bei weitem
nicht. Viele Pflegekräfte erleben laut Studien Gewalt in
Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen.

In einer 2018 veröffentlichten Studie des Universitätsklinikums
Hamburg-Eppendorf (UKE) im Auftrag der Berufsgenossenschaft für
Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) gaben 70 Prozent der
2000 befragten Pflegekräfte an, in den vergangenen zwölf Monaten im
Beruf körperliche Gewalt erfahren zu haben. Bei verbaler Gewalt waren
es sogar 94 Prozent. Die höchsten Werte zeigten sich laut einer
BGW-Sprecherin im Bereich Krankenhaus: Dort nannten 97 Prozent der
Befragungsteilnehmer verbale und 76 Prozent körperliche
Gewalterlebnisse.

Das Deutsche Krankenhausinstitut (DKI) listete für das Jahr 2018 im
Durchschnitt 5,7 Unfallmeldungen je Krankenhaus auf, die auf
körperliche Übergriffe zurückzuführen waren. Die Zahl der Übergri
ffe
ohne Unfallfolgen war deutlich höher. Ein Sprecher der Deutschen
Krankenhausgesellschaft (DKG) weist aber darauf hin, dass
möglicherweise eine hohe Dunkelziffer bestehe. «Ein Grund dafür kann

sein, dass Beschäftigte etwa verbale Übergriffe nicht als Gewalt
registrieren oder kleinere körperliche Übergriffe nicht melden.»

Dass Kliniken daher inzwischen Sicherheitsdienste einsetzen, sei kein
Einzelfall. Zahlen dazu, in wie vielen Krankenhäusern in Deutschland
das bisher der Fall ist, hat die DKG zwar nicht. «In vielen Kliniken
werden sie aber vor allem in den Notaufnahmen eingesetzt.»

Das Klinikum Nürnberg ist in Sachen Sicherheit ein Vorreiter. Dort
gibt es inzwischen auch eine Anlaufstelle für Mitarbeiter, die
im Dienst attackiert worden sind. Andreas Röttenbacher, Leiter der
Abteilung Sicherheit, berichtet von Vorfällen, die nicht auf
psychiatrischen Stationen oder in der Notaufnahme - die für
Gewalttaten gegen Ärzte und Pfleger schon länger bekannt seien -
stattfanden, sondern «auf ganz normalen Stationen», wie er sagt.

Im März dieses Jahres beispielsweise habe ein Patient versucht,
Pflegerinnen aus dem Schwesternzimmer auszuräuchern - und dazu mit
Franzbranntwein Feuer auf der Krankenhausstation gelegt. Im Juli sei
ein Patient auf den Sicherheitsdienst losgegangen, habe vor der
Klinik eine große Steinplatte auf den Mitarbeiter geworfen, der diese
gerade noch mit dem Arm abwehren konnte.

Nach Angaben von Kathrin Weidenfelder, Gewerkschaftssekretärin bei
Verdi Bayern für den Fachbereich Gesundheit, soziale Dienste,
Wohlfahrt und Kirchen, hat die Corona-Pandemie die Situation sogar
noch einmal verstärkt - beispielsweise, weil uneinsichtige Angehörige
handgreiflich wurden, wenn sie das Krankenhaus nicht betreten dürfen.
Sie sagt: «Mit Corona ist es noch einmal schlimmer geworden.»

Als die angegriffene Krankenschwester während ihrer Aussage vor dem
Landgericht München II eine Pause macht, ergreift ihr früherer
Patient das Wort: «Tut mir leid, dass ich das gemacht habe», sagt er.

Und sie: «Danke, das glaube ich Ihnen.»