Hessens Kurorte suchen Wege aus der Krise - Neue Marke und Angebote

16.09.2021 14:15

Die Corona-Pandemie hat Hessens Kurorte und Heilbäder härter
getroffen, als die Einschnitte durch die Gesundheitsreform in den
1990er-Jahren. Mit einem gemeinsamen Markenauftritt und neuen
Angeboten wollen sie sich für die Zukunft rüsten.

Bad Soden-Salmünster (dpa/lhe) - Nach herben Gäste- und
Einnahmeverlusten in der Corona-Pandemie suchen die hessischen
Heilbäder und Kurorte Wege aus der Krise. Eine genauere
Zielgruppenansprache, die gemeinsame Nutzung der Marke «Die Kur» und
die Bündelung personeller und finanzieller Ressourcen sollen dabei
helfen, wieder mehr Gäste anzuziehen, wie Hessens Wirtschaftsminister
Tarek Al-Wazir (Grüne) am Donnerstag beim Hessischen Kurtag in Bad
Soden-Salmünster (Main-Kinzig-Kreis) sagte. «Die Heilbäder und
Kurorte sind ein wichtiger Faktor für den Tourismus, die
Gesundheitswirtschaft und die Lebensqualität der Bevölkerung.» Sie
machten alleine rund ein Viertel bis ein Drittel aller Übernachtungen
im Bundesland aus.

Bei dem Kurtag loteten Vertreter von 31 Mitgliedskommunen im
Hessischen Heilbäderverband Zukunftsperspektiven aus. Grundlage dafür
war auch eine Studie des Deutschen Wirtschaftswissenschaftlichen
Instituts für Fremdenverkehr an der Universität München (dwif).
Demnach schrumpften die Bruttoumsätze aller Kurorte und Heilbäder im
Bundesland von rund 2,37 Milliarden Euro im Jahr 2019 auf 1,47
Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Die Bruttoumsätze ergeben sich
laut Studie aus der Zahl der Tagesreisen und Übernachtungen sowie den
durchschnittlichen Tagesausgaben pro Person. Nur noch 6,6 Millionen
Übernachtungen wurden in den Heilbädern und Kurorten 2020 gezählt -
nach 10,2 Millionen im Vorjahr. Die Zahl der Arbeitsplätze sank
zugleich von rund 38 000 im Jahr 2019 auf 23 500 im vergangenen Jahr.
Al-Wazir sprach von einem dramatischen Einbruch, der - anders als die
Einschnitte durch die Gesundheitsreform zu Beginn und im Laufe der
1990er Jahre - «ohne jegliche Vorwarnung» gekommen sei.

Während zahlreiche Gäste ausblieben, hätten viele der betroffenen
Kommunen in der Pandemie mit hohen laufenden Kosten zu kämpfen
gehabt, sagte die Geschäftsführerin des Hessischen Heilbäderverbands,

Almut Boller. So bezifferte der Kurdirektor von Bad Soden-Salmünster,
Stefan Ziegler, alleine die täglichen Verluste der von der Stadt
betriebenen Spessarttherme, die coronabedingt monatelang geschlossen
war, auf 7500 Euro. Verschärft würden die Probleme durch eine
Abwanderung von Fachkräften, sagte Boller. Neben Ärztinnen und Ärzten

finden auch Krankenpfleger, Physiotherapeuten und anderes
medizinisches Personal, Gärtnerinnen und Gärtnern, die Kurparks und
-anlagen pflegen, Mitarbeiter in Tourist-Informationen, Hotels und
Pensionen in den oft in ländlicher Umgebung gelegenen Kurorten und
Heilbädern ihre Arbeitsplätze. «Wenn wir erst einmal die Strukturen
abbauen, dann werden sie so schnell nicht mehr aufgebaut», sagte
Boller.

Bei allen problematischen Auswirkungen biete die Pandemie den
Heilbädern und Kurorten Hessens aber auch Chancen, ist Boller
überzeugt. So gerieten touristische Ziele in Deutschland durch die
coronabedingten Reisebeschränkungen wieder stärker in den Blick und
der Inlandstourismus boome. Auch von neuen Angeboten und
Behandlungsansätzen im Zusammenhang mit Covid-19 könnten die Kurorte
und Heilbäder profitieren: Der heilklimatische Kurort Willingen in
Nordhessen beispielsweise bietet Patienten mit einem
Post-Covid-Syndrom die Möglichkeit, Therapie und Urlaub im Rahmen
einer ambulanten Kur zu vereinbaren. Angebote hat der vor allem für
seinen Skibetrieb bekannte Ort im Landkreis Waldeck-Frankenberg aber
beispielsweise auch für pflegende Angehörige, die hier gemeinsam mit
dem Pflegebedürftigen einen Aufenthalt verbringen können.