Karl Lauterbach will nach Berlin und dann vielleicht noch mehr Von Christoph Driessen, dpa

10.09.2021 09:20

Corona-Mahner Karl Lauterbach kann nur noch mit Personenschutz
Wahlkampf machen. Dennoch ist er oft auf der Straße unterwegs, denn
er will unbedingt ein Direktmandat gewinnen. Und dann hat er wohl
große Pläne.

Köln (dpa) - «Tüt! Tüt!» Hinter Karl Lauterbach steht eine Frau m
it
Rollator. Der SPD-Politiker tritt zur Seite. «Jetzt hätten Sie mich
fast überfahren», sagt er. In seiner Stimme liegt ein vorwurfsvoller
Unterton. Vermutlich ist es ironisch gemeint, aber hundertprozentig
weiß man es nicht. Die Frau geht ungerührt an ihm vorbei. Dann sagt
sie: «Vielleicht hätte ich das gern gemacht.»

Einen solchen Wahlkampf wie diesmal hat Karl Lauterbach (58) noch nie
erlebt. Einerseits ist der Corona-Mahner jetzt mega-prominent. Jeder
erkennt ihn - sogar mit Mundschutz. «Mensch, jetzt seh ich den mal in
echt», sagt eine mit Taschen bepackte Frau, als er sie auf der
Hauptstraße von Köln-Dellbrück passiert. Ein Genosse fragt «den
Karl», ob er nicht Blöckchen mit SPD-Aufdruck verteilen will. Aber
nein, das will der Karl nicht. Der Karl verteilt gar nichts. Er hält
auch keine Reden. Er geht einfach die Dellbrücker Hauptstraße
hinunter. Das allein erzeugt einen kleineren Menschenauflauf.

Soweit, so gut. Die Schattenseite ist, dass ihm auf Schritt und Tritt
zwei Personenschützer folgen. Bodyguards, wie man früher sagte. «Es
gab mehrfach Situationen, die ich ohne Unterstützung durch das
Bundeskriminalamt nicht hätte meistern können», erzählt Lauterbach.

«Wenn ich keinen Personenschutz hätte, könnte ich den Wahlkampf so
nicht führen. Ich habe auch sehr viel mit Bedrohungen durch rechte
Gruppen zu tun. Ich muss da vorsichtig sein.»

Seine nahezu ununterbrochenen Mahnungen auf allen Kanälen haben ihn
zum Feindbild aller Corona-Skeptiker werden lassen. Unbekannte
verübten nahe seiner Kölner Wohnung einen Farbanschlag auf sein Auto,
mehrmals wurde er selbst aggressiv angegangen. Er ist allerdings
überzeugt, dass diejenigen, die ihn seiner Corona-Politik wegen
hassen, nur eine kleine Minderheit sind. Deshalb brauche er auch
keinen besseren Platz auf der Landesliste. Er steht in NRW auf
Position 23 - eigentlich ziemlich weit unten, wenn man bedenkt, wie
bekannt er ist. «Der Listenplatz interessiert mich nicht», sagt er
dazu. «Ich werde direkt gewinnen, und das ist das Wichtigste.»

Die CDU tritt in seinem Wahlkreis Leverkusen/Köln IV allerdings auch
mit einem politischen Schwergewicht an: Von zahllosen Plakaten blickt
Serap Güler herunter, Armin Laschets NRW-Staatssekretärin für
Integration. Die 41-Jährige ist die Tochter türkischer «Gastarbeiter
»
und könnte schon von daher eine ansprechende Wahl etwa für
Kleinunternehmer mit ausländischen Wurzeln im Multikulti-Stadtteil
Köln-Mülheim sein.

«Im Gegensatz zu Herrn Lauterbach lebe ich in diesem Wahlkreis», sagt
sie. «Ich kenne die Probleme der Menschen, gerade derjenigen, die
sehr unter dem Lockdown gelitten haben, den Herr Lauterbach immer
vehement gefordert hat. Seine Lebenswirklichkeit geht komplett vorbei
an der der Menschen, die in diesem Wahlkreis leben und weit weg von
Harvard sind.» An der US-Elite-Universität ist Lauterbach Adjunct
Professur. Auch diese Nacht habe er wieder eine Harvard-Studie
gelesen, erzählt er beim Rundgang.

Auf dem Marktplatz von Dellbrück stehen auch die Grünen, die hier mit
Nyke Slawik antreten. Sie könnte die erste transgeschlechtliche Frau
im Bundestag werden. «Für uns ist aktuell alles drin», sagt die
27-Jährige. «Ich schätze Herrn Lauterbach sehr, was seine Positionen

angeht, aber ich glaube doch, dass viele Leute von der SPD in
Klimaschutzfragen enttäuscht sind.»

Lauterbach geht zu ihr hin und begrüßt sie freundschaftlich. «Ich
finde die Spitzenkandidatin der Grünen ausgesprochen kompetent und
sympathisch», versichert er. Die beiden duzen sich. «Wünsch' euch
alles Liebe, alles Gute», sagt er am Ende. Die Grünen haben insofern
einen schweren Stand gegen ihn, als seine Klimaforderungen deutlich
über die der SPD hinausgehen. Deshalb wird er auch von
Kampagnen-Organisator Campact unterstützt. Die Bewegung versucht, die
Wiederwahl mehrerer CDU-Abgeordneter zu verhindern, die von ihr als
Blockierer beim Klimaschutz oder als rechtslastig empfunden werden -
unter ihnen ist der frühere Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen.

Prominente Unterstützung bei der Erststimmen-Mobilisierung für
Lauterbach erhält Campact von Star-Pianist Igor Levit,
Undercover-Reporter Günter Wallraff und BAP-Sänger Wolfgang
Niedecken. Sie alle werben in kurzen Videos für ihn. Serap Güler
wundert sich darüber, da diese Leute doch sonst gern die Vielfalt
repräsentiert sehen wollten: «Und jetzt ziehen sie gegen diese
Vielfalt, die ich als junge Frau mit Migrationsgeschichte
repräsentiere, ins Feld.»

Jemand will Lauterbach noch sprechen, aber er hat nicht mehr viel
Zeit. Er muss noch in die Fußgängerzone nach Leverkusen und dann
schnell zum Bahnhof: Er ist mal wieder Gast in einer Talkshow,
diesmal «Maybrit Illner». Thema ist natürlich Corona. Über eine Sac
he
spricht Lauterbach übrigens nicht so gern. Das ist die Frage, was er
nach der Bundestagswahl machen will. «Ich möchte es nicht so wie
Christian Lindner machen, dass ich schon spekuliere, welches Amt ich
innehaben möchte.» Aber wenn man ihm anbieten würde, die Nachfolge
von Jens Spahn anzutreten? Er als Bundesgesundheitsminister? Er
windet sich etwas. «Ich würde das Amt nicht ablehnen.» Also doch.