) Mehr Corona-Intensiv-Patienten: Kliniken verschieben planbare OPs

07.04.2021 18:50

Die dritte Welle der Corona-Infektionen ist bei den Kliniken im
Südwesten voll angekommen. Erste Häuser verschieben erneut planbare
Operationen. Bei den Intensivmedizinern macht sich Frustration breit.

Ludwigsburg/Ulm (dpa/lsw) - Weil die Zahl der Corona-Patienten auf
den Intensivstationen im Land stark steigt, bereiten sich Kliniken im
Südwesten zunehmend auf eine dritte Welle vor. Erste Krankenhäuser
verschieben wegen der Zunahme auf den Intensivstationen bereits
geplante Operationen, sagte der Koordinator der intensivmedizinischen
Versorgung von Corona-Patienten in Baden-Württemberg, Götz Geldner,
am Mittwoch.

Das Klinikum Mittelbaden habe an seinen drei Standorten in Rastatt,
Baden-Baden und Bühl alle verschiebbaren Operationen abgesagt, um die
Kapazitäten zu bündeln, teilte eine Sprecherin mit. Ausgenommen davon
seien Notfälle und dringliche Fälle wie Tumor-Operationen. «Die
dritte Welle übertrifft an Heftigkeit leider alle bisherigen
Corona-Wellen», sagte der medizinische Geschäftsführer, Thomas Iber.

Die Zahlen am Klinikum Mittelbaden liegen über denen von Ende
Dezember, wie es hieß.

Auch am Uniklinikum Ulm würden bereits seit vergangenem Dienstag gut
planbare Operationen wieder verschoben, da die Belastung durch
Corona-Patienten so stark zugenommen habe, sagte eine Sprecherin der
Klinik. Die Zahl der Covid-19-Patienten sei innerhalb einer Woche um
rund ein Drittel gestiegen.

Am Klinikum Stuttgart sind die Einschränkungen durch Corona-Patienten
nach Angaben des medizinischen Vorstand Jan Steffen Jürgensen noch
überschaubar. Das Problem könne jedoch in den kommenden Tagen
wachsen, teilte er mit. In 23 der 115 regulären Intensivbetten lägen
derzeit Covid-19-Patienten.

Beim Blick aufs Bundesland zeigt sich laut Geldner, dass die Zahl der
Corona-Patienten im Vergleich zur Vorwoche um 20 Prozent gestiegen
ist. Landesweit sei bereits ein Drittel der Intensivbetten mit
Corona-Patienten belegt, so der Ärztliche Direktor der Ludwigsburger
RKH-Kliniken. «Wenn die Zahl der Intensivpatienten weiter steigt,
haben wir in ein bis zwei Wochen ein Problem», sagte Geldner. Sobald
die Belegung in Richtung der 40 Prozent gehe, müssten in größerem
Maße Operationen verschoben werden.

Seit Mitte März steigt die Zahl der Corona-Patienten in
Intensivbehandlung im Südwesten stark an. Lag sie am 10. März noch
bei 236, wurden am Mittwoch (Stand: 16.00 Uhr) bereits 468 Menschen
wegen einer Covid-19-Erkrankung intensivmedizinisch behandelt, wie
aus den Daten des Divi-Intensivregisters hervorgeht. Von den rund
2400 betreibbaren Intensivbetten im Land sind rund 88 Prozent belegt.
Seit wenigen Tagen übersteigt zudem die Zahl der Kliniken, die ihren
Betrieb als eingeschränkt bezeichnen, die der Kliniken mit regulärem
Betrieb.

Die Krankenhäuser im Land sind in sechs sogenannte Cluster
eingeteilt. In diesen Regionen helfen sich die Kliniken etwa bei
Überlastung mit Patienten gegenseitig aus. Insbesondere das Cluster
Stuttgart-Ludwigsburg sei derzeit sehr belastet, sagte Geldner, der
die Cluster koordiniert. In der Region um Tübingen sei dagegen
derzeit noch etwas Luft.

Seine Prognosen gingen aktuell noch von einer sinkenden Zahl der
Intensivpatienten aus, sagte Geldner. Doch das liege allein an den
geringen gemeldeten Fallzahlen über Ostern. Weil auch nach einem Jahr
Pandemie noch Meldelücken bestünden, seien die Zahlen nicht
aussagekräftig. Mit Blick auf mögliche Maßnahmen zeigte sich der
Intensivmediziner resigniert. «Was soll anders sein als in der Welle
davor? Jeder weiß, was jetzt passiert.» Politiker und Bürger trügen

nun gleichermaßen Verantwortung. Es fehle weiter ein Konzept, um der
Pandemie Herr zu werden. Das jetzige Vorgehen nannte Geldner ziel-
und planlos.

Ein wichtiger Weg aus der Krise ist für den Intensivmediziner das
Impfen. Doch für den jetzigen starken Anstieg der Corona-Fallzahlen
verspricht er sich davon keine Hilfe. Die Beschäftigten auf den
Intensivstationen hätten seit der zweiten Welle nicht mehr durchatmen
können, die Arbeit sei für sie sehr belastend. «Wir versuchen, das
Beste daraus zu machen», sagte Geldner.