Freiheiten auf Widerruf - Saarland startet Corona-Modellprojekt

06.04.2021 12:11

Erstmals geht ein ganzes Bundesland als Corona-Modellprojekt an den
Start. In Zeiten steigender Inzidenz-Zahlen fährt das Saarland das
öffentliche Leben ein Stück weit hoch. Kann das Projekt gelingen?

Saarbrücken (dpa/lrs) - Trotz gestiegener Infektionszahlen hat das
Saarland als erstes komplettes Bundesland in einem Modellversuch
einige Corona-Regeln wieder gelockert. Zahlreiche Einrichtungen und
Häuser durften am Dienstag vorerst öffnen, dazu zählten neben der
Außengastronomie etwa auch Fitnessstudios und Theater. Wer das
Angebot nutzen möchte, braucht in der Regel einen negativen
Corona-Schnelltest, der nicht älter sein darf als 24 Stunden. Zudem
dürfen sich im Freien bis zu zehn Menschen treffen, wenn sie negativ
getestet worden sind. Mit dem sogenannten Saarland-Modell will die
Landesregierung den Bürgern wieder mehr Freiheiten ermöglichen.

Öffnungen von Gastronomie, Kinos und Sportstätten wie im Saarland
sind aus Sicht des SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach aber ein
falsches Signal angesichts der weiter stark grassierenden Pandemie.
Nötig sei vielmehr ein «harter Lockdown» mit verschärften staatlich
en
Beschränkungen, sagte er im RTL/ntv-«Frühstart». «Ein Lockdown, d
er
jetzt beginnt, ist nicht vermittelbar, wenn gleichzeitig in
Modellprojekten gelockert wird.» Zu einem harten Lockdown gehören aus
seiner Sicht Ausgangsbeschränkungen, aber auch eine Homeoffice- und
Testpflicht in den Betrieben. Lauterbach hält Lockerungen erst für
möglich, wenn die Zahlen nachweislich sinken.

In Saarbrücken ließen sich am Dienstagmorgen zahlreiche Menschen
«freitesten». Die 29 Jahre alte Marie Groß, die vor einem Testzentrum

der Landeshauptstadt wartete, nannte es «menschlich nachvollziehbar,
dass die Leute ungeduldig werden». Sie rechne aber mit erneuten
Schließungen und sei für einen kurzen, konsequenten Lockdown, sagte
die Psychologin der Deutschen Presse-Agentur.

Unklar war, wie viele Restaurants und Kneipen tatsächlich öffnen
werden - zumal das kühle Wetter für die Außengastronomie nicht sehr
geeignet schien. «Es ist ein kleiner Schritt in die richtige
Richtung, aber für viele Betriebe wohl unwirtschaftlich», sagte
Monika Müller von der Wirtschaft «Glühwürmchen» in Saarbrücken.


Der Wirtschaftsrat im Saarland hatte mitgeteilt, er unterstütze das
Projekt. Nach mehr als einem Jahr der Pandemie müssten die
verantwortbaren Öffnungsschritte unter den beschlossenen Auflagen
möglich gemacht werden, damit auch die Saarländerinnen und Saarländer

ein Stück weit ihre Lebensqualität zurückerlangten und damit die
regionale Wirtschaft eine Perspektive habe, hatte der Rat mitgeteilt.

«Es muss uns nach einem Jahr Pandemie mehr einfallen als nur zu
schließen und zu beschränken», hatte auch Ministerpräsident Tobias

Hans (CDU) gesagt. Für die stellvertretende Ministerpräsidentin Anke
Rehlinger (SPD) ist das Saarland-Modell «ein klares, verlässliches
System», das auf die Verantwortung der Bürger setze. «Mit Vorsicht
schaffen wir mehr Freiheiten. Ob sie halten, liegt an uns allen.»

Die Öffnungen sind nach dem Beschluss der Regierung in dieser Form
nur erlaubt, solange die Sieben-Tage-Inzidenz, also die Zahl der
Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern binnen einer Woche, stabil
unter 100 liegt. Steigt die Inzidenz an 3 Tagen über 100, greift ein
Ampelsystem - mit einer dann ausgeweiteten Testpflicht (gelb) unter
anderem für den Einzelhandel. Wenn eine Überlastung des
Gesundheitswesens droht, soll die Notbremse (rot) gezogen werden: Die
Öffnungen werden kassiert, es folgt ein Lockdown.

Am Ostermontag war im Saarland eine Inzidenz von 91,3 gemeldet
worden. Vor zwei Wochen (23. März) lag sie noch bei 65,6. Dass das
Saarland das Projekt in einer Zeit steigender Infektionszahlen
startet, war bundesweit bei Politik und Wissenschaft auch auf Kritik
gestoßen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bezeichnete die
Ankündigung als «sehr gewagt». Der nordrhein-westfälische
Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hatte am Wochenende einen
«Brücken-Lockdown» in Deutschland gefordert. Damit solle die Zeit
überbrückt werden, bis viele Menschen geimpft seien.