Corona-Lockdown gefährlich für Suchtkranke in Niedersachsen

04.04.2021 07:30

Jobangst, Überforderung oder Einsamkeit - die Belastung im Lockdown
ist für viele Menschen groß. Besonders Suchtkranke haben dabei zu
kämpfen.

Hannover (dpa/lni) - Für suchtkranke Menschen in Niedersachsen stellt
der Lockdown in der Corona-Krise ein ernsthaftes Problem dar.
«Jobängste oder die neue Situation Home-Office mit gleichzeitiger
Kinderbetreuung sind für viele Menschen eine hohe Belastung»,
sagt Tobias Trillmich von der Niedersächsische Landesstelle für
Suchtfragen in Hannover. Suchtmittel wie beispielsweise Alkohol seien
für viele eine Hilfe beim Umgang mit Depressionen und
Einsamkeit. «Gerade für süchtige Menschen ist außerdem ein gere
gelter
Tagesablauf und Ablenkung wichtig. Wenn Sport oder Hobbys wegfallen,
fehlen oft die Alternativen», sagte Trillmich.

Zwar würden Gelegenheitstrinker seit dem Lockdown seltener zur
Flasche greifen, weil es so gut wie keine Feste, Feiern oder
Veranstaltungen gibt. Für bereits alkoholkranke Menschen mache es
aber keinen großen Unterschied. Getränke sind in Supermärkten und
Getränkemärkten immer verfügbar. «Wer vorher viel getrunken hat,
macht das auch im Lockdown weiter», sagte Trillmich. 

Alkoholismus sei weit verbreitet, aber nicht die gefährlichste Droge,
sagte der Experte. Auf Platz eins der Todesfälle durch Drogen
stehe weiterhin der Konsum von Tabak. Illegalen Drogen wie Heroin und
Kokain haben ein sehr hohes Abhängigkeitsrisiko. Die Preise dafür 
auf dem Markt hatten sich laut Trillmich kaum verändert, der illegale
Handel sei vom Lockdown kaum betroffen und laufe wie vorher weiter.

Wie viele Menschen in Niedersachsen wirklich suchtkrank sind, lasse
sich nur sehr schwer sagen, da auch nur eine geschätzt kleine Anzahl
von ihnen überhaupt den Kontakt zu einer Beratungsstelle sucht. Im
Jahr 2019 hatten laut der letzten Erhebung der Niedersächsischen
Landesstelle für Suchtfragen rund 50 000 Niedersachsen Kontakt
mit einer ihrer Beratungsstellen. Dort habe man seit dem Lockdown
gemerkt, dass sich vermehrt Angehörige von Süchtigen meldeten.

«Wenn man mehr Zuhause ist und vielleicht auf engsten Raum
miteinander wohnt, fällt der Konsum natürlich eher auf»,
sagte Trillmich. Schwierig sei vor allem auch die Beratung. Einzel-
und Gruppenberatungen waren im ersten Lockdown nicht möglich. Vieles
musste per Telefon gemacht werden. Dabei sei besonders
eine «Face-to-Face-Beratung» wichtig. Mittlerweile können sich
kleinere Gruppen wieder treffen. Andere Beratungsangebote wurden in
Online-Konferenzen verlegt. In Niedersachsen gibt es 75 vom Land
geförderte Suchtberatungsstellen.