Selbsttests und Impfung: Wie sicher ist der Osterbesuch bei Omi? Von Marc Fleischmann, dpa

31.03.2021 14:43

Das zweite Ostern mit dem Coronavirus: Doch diesmal sollen uns
Impfungen und Selbsttests schützen. Reichen diese Maßnahmen, um das
Fest mit der Familie zu retten?

Berlin (dpa) - Ostern steht erneut im Zeichen des Coronavirus. Neben
Abstands- und Hygieneregeln sind zwei Dinge im Vergleich zum Vorjahr
anders: Impfungen und Selbsttests sollen helfen, die dominierende
Virusvariante B.1.1.7 von der Familie fernzuhalten. Was man vor
Ostern darüber wissen sollte:

Selbsttests vor der Familienfeier: Wie viel Sicherheit bietet das?

Das Osterfest trifft auf rasant steigende Infektionszahlen. Die Zahl
der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen
(7-Tage-Inzidenz) hat sich im Vergleich zu Ende Februar mehr als
verdoppelt. Das Robert Koch-Institut (RKI) macht dafür vor allem die
Ausbreitung der ansteckenderen und wohl auch häufiger tödlich
endenden Virusvariante B.1.1.7 verantwortlich.

Um das Coronavirus in Schach zu halten, setzen Politik und
Wissenschaft auf Schnell- und Selbsttests. Diese sogenannten
Antigentests, die in Abstrich-Proben Proteine aus der Virushülle
(Antigene) nachweisen, könnten vor einem Familienbesuch zum Einsatz
kommen. Aber wieviel Sicherheit bieten diese tatsächlich? Das ist
im Einzelfall gar nicht so leicht zu beantworten.

Welcher Profi-Schnelltest, der in Arztpraxen, Apotheken oder
Testzentren gemacht werden kann, überhaupt zum Laien-Selbsttest für
zuhause taugt, entscheidet das Bundesinstitut für Arzneimittel und
Medizinprodukte (BfArM). Nach dem Antrag des Herstellers gehe es in
einer Prüfung darum, ob der Laie den Test anwenden könne, erklärt
BfArM-Sprecher Maik Pommer. Beim Selbsttest etwa solle der Abstrich
im Vergleich nicht zu tief in der Nase notwendig sein.

Bevor ein Selbsttest ohne professionelle Hilfe verwendet werden kann,
ist dieser bereits als Schnelltest im Einsatz. Dabei sollten
bestimmte Mindestkriterien erfüllt sein - etwa eine Sensitivität von
mindestens 80 Prozent. Das heißt: Bei vier Fünftel aller Infizierten
mit Symptomen muss das Ergebnis auch beim Schnelltest positiv
ausfallen. Diese Untersuchungen finden laut PEI ausschließlich unter
Laborbedingungen statt.

Einer der beim BfArM aufgelisteten Selbsttests kommt in einer
klinischen Studie des Herstellers beispielsweise auf eine
Sensitivität von 82,5 Prozent. Bei Proben mit hoher Viruslast beträgt
sie demnach sogar 91,2 Prozent.

Für die Hamburger Biometrikerin Antonia Zapf sind das Werte, die nur
mit einer hohen Viruslast erreicht werden können: «Je höher diese
ist, desto besser funktionieren die Tests.» Die stellvertretende
Direktorin des Instituts für Medizinische Biometrie und Epidemiologie
am Universitätsklinikum Eppendorf verweist exemplarisch auf eine
klinische Studie, in der der gleiche Test je nach Viruslast
verschiedene Sensitivitäten erreichte. Bei hoher Viruslast kam er auf
97 bis 100 Prozent, bei niedriger aber nur auf 12 bis 18 Prozent.

Das bedeutet, dass Menschen, die stark ansteckend sind, eher erkannt
werden. Im Mittel erreichte der Test der Studie zufolge eine
Sensitivität von 72,5 Prozent. Für Zapf heißt das: «Bis zu 30 Proze
nt
der Infizierten fallen nicht auf.»

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam jüngst auch ein internationales
Wissenschaftsteam. Schnelltests liefern demnach bei Menschen mit
Covid-Symptomen genauere Ergebnisse als bei Infizierten ohne
Krankheitsanzeichen. Dazu werteten die Forscher Studien von
Coronatests aus, die von geschultem Personal durchgeführt werden -
also keine Laien-Selbsttests.

Bei zwei untersuchten Schnelltest-Kits fanden die Forscher heraus,
dass von den Covid-Patienten mit Symptomen im Schnitt 72 Prozent
korrekt erkannt wurden, bei denen ohne Krankheitszeichen waren es 58
Prozent. Das BfArm listet insgesamt mehr als 250 Schnelltest-Produkte
auf.

Oma ist geimpft: Wer ist jetzt wie geschützt?

Deutschland kommt langsam mit dem Impfen vorwärts. Über zehn Prozent
der Bevölkerung haben die erste von zwei Dosen erhalten. Vorrangig
wurden zunächst Hochbetagte und Schwerstkranke geimpft. Ist das ein
Freifahrtschein für ein Treffen mit den Großeltern?

In Deutschland sind über die EU vier Impfstoffe zugelassen, wovon
derzeit drei im Einsatz sind. Die Wirksamkeit wird bei Astrazeneca
laut einer neueren Studie mit größerem Abstand zwischen den Dosen mit
82 Prozent angegeben, bei den Vakzinen von Biontech/Pfizer und
Moderna mit über 90 Prozent.

Diese Angaben zum Impfschutz beziehen sich dabei zunächst auf das
Verhindern von Krankheiten - und nicht auf das Verhindern
symptomloser Infektionen. Analysiert wurde der Impfschutz nach sieben
(Biontech) bis 14 Tagen (Moderna, Astrazeneca) nach Gabe der zweiten
Dosis. Das heißt: Entscheidend für den Besuch bei den Großeltern ist

auch, wann diese geimpft wurden. Wenn die erste Dosis etwa erst eine
Woche her ist, kann der Impfschutz noch nicht vollständig sein.

Der Immunologe Carsten Watzl vergleicht das mit einem Regenschirm,
der erst nach der zweiten Dosis voll aufgespannt wird. Oma und Opa
seien dadurch geschützt, erklärt der Generalsekretär der Deutschen
Gesellschaft für Immunologie, aber «durch die steigende Inzidenz kann
der Regen mal in einen Sturm übergehen». Der Experte warnt: «Je nach

Viruslast können sich auch Geimpfte noch anstecken.»

Auch Jürgen Bauer, Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft
für Geriatrie, sieht noch keine große Entspannung: «Wir sind in einer

schwierigen Phase der Pandemie.» Als Beispiel nennt er positive Tests
bei bereits Geimpften: «Es besteht ein Restrisiko von 10 bis 20
Prozent.» Das könne im Fall der Oma symptomlos verlaufen, sich aber
auch als leichte, selten als schwerere Erkrankung äußern. Bauers
Ratschlag für die Festtage: ein Osterspaziergang. «Gehen Sie nach
draußen!»

Neben der Gesundheit der Großeltern bleibt die Frage, inwieweit die
Geimpften das Virus trotzdem in sich tragen und weiterverbreiten
können. Das ist nach RKI-Angaben zwar «zurzeit noch unsicher», doch
Hoffnungen machen derweil neue Untersuchungen.

In Studien aus Israel und Großbritannien konnte gezeigt werden, dass
das Infektionsrisiko unter Biontech-Geimpften rund 90 beziehungsweise
85 Prozent kleiner war als bei Nicht-Geimpften. «Geimpfte sind
sicherlich deutlich weniger ansteckend, aber halt auch nicht komplett
geschützt», sagt Immunologe Watzl. Auch für Astrazeneca gibt es
positive Studienergebnisse in diese Richtung.

Der Besuch bei den Großeltern wird nach Watzls Ansicht dann wie vor
der Pandemie, «wenn wir die Herdenimmunität erreicht haben». Dann
werde es «nur noch hin und wieder leicht regnen und die meisten durch
ihren Impfregenschirm trocken bleiben», so der Immunologe.