1800 Quadratmeter Hoffnung Von Michael Bauer und Boris Roessler , dpa

31.03.2021 00:01

Im Wettrennen zwischen dem Coronavirus und den Impfungen richtet sich
die Hoffnung vieler Menschen auf ein unscheinbares Gebäude in Hessen.
Im Inneren geschieht Spannendes: Hier rollt die Produktion des
Biontech-Impfstoffs an.

Marburg (dpa) - 250 Millionen Impfdosen bis Ende Juni. Weitere 500
Millionen bis zum Jahresende. Und schließlich eine Milliarde Dosen
pro Jahr, wenn alles einmal wie am Schnürchen läuft. Das neue
Biontech-Werk in Marburg wird zum Dreh- und Angelpunkt in der
Versorgung mit dem begehrten Corona-Impfstoff. Und zu einer der
größten Fertigungsstätten dieser Art weltweit.

Rund zwei Monate nach dem Produktionsbeginn sollen in diesen Tagen
die ersten Lieferungen das Werksgelände in der mittelhessischen Stadt
verlassen und dann zum sterilen Abfüllen und Etikettieren ins Werk
des Biontech-Partners Pfizer im belgischen Puurs gebracht werden. In
der zweiten Aprilhälfte werden, nach abschließenden Prüfungen, die
ersten Vakzine aus Marburg in den Impfzentren landen - von vielen
Menschen sehnlichst erwartet.

Damit hält Biontech den ehrgeizigen Zeitplan ein, den das Unternehmen
beim Beginn der Herstellung Anfang Februar verkündet hatte. «Die
Produktion ist tatsächlich wundervoll angelaufen, gerade unter dem
Zeitdruck, unter dem man ja steht», freut sich Produktionsleiterin
Valeska Schilling. «Wenn man sich vorstellt, dass man normalerweise
für diese Transferprojekte, für neue Produkte sehr viel länger
bräuchte in der pharmazeutischen Industrie, ist das tatsächlich ein
Unikum.»

Biontech hat das Marburger Werk im vergangenen Herbst vom Schweizer
Pharmariesen Novartis übernommen - noch bevor sich die Mainzer
überhaupt sicher sein konnten, dass ihr Impfstoff, der damals noch in
der klinischen Testphase war, einmal in der EU, den USA oder anderswo
zugelassen wird. Diese selbstbewusste Zuversicht des Unternehmens hat
sich ausgezahlt, denn nach der Genehmigung gehört der
Biontech-Impfstoff zu den begehrtesten Produkten, die es derzeit
weltweit gibt.

Übernommen hat Biontech von Novartis nicht nur das Werk, sondern auch
die Mitarbeiter. Sie stehen nun an einer wichtigen Stelle im Kampf
gegen die Pandemie. Von allen Seiten werde man auf die Arbeit bei
Biontech und die Herstellung des Impfstoffs angesprochen, berichtet
Schilling. «Es ist auch verständlich, dass einen jetzt jeder fragt,
weil jeder wissen möchte, wann sich die Situation endlich ändert»,
sagt sie. «Das Gefühl, genau diesen Impfstoff jetzt herzustellen, ist
natürlich Wahnsinn.» Jeder der knapp 400 Beschäftigten in Marburg sei

sich der besonderen Situation bewusst und arbeite mit dem Ziel, «dass
das Maximale erreicht werden kann».

Drei von vier Arbeitsschritten bei der Produktion des Impfstoffs
geschehen in Marburg. Am Anfang steht die Herstellung des
Botenmoleküls mRNA. Diese Grundlage wird in weiteren Schritten
gereinigt, konzentriert und schließlich in eine Hülle aus Lipiden
gebracht.

Die Zutaten auf dem Weg zum fertigen Präparat erinnern dabei fast an
ein Backrezept: Man füge Salz(e), Fett(e) und etwas Zucker hinzu.
Doch da endet schon die Gemeinsamkeit, denn es handelt sich um
spezielle Salze und «Fetttröpfchen», die dafür sorgen, dass der
pH-Wert stabilisiert und der Wirkstoff in einer Schutzhülle verpackt
wird. So kann die empfindliche mRNA besser in die Zellen gelangen und
dort ihre Wirkung entfalten. Der Zucker (Saccharose) hilft, dass die
Fetttröpfchen bei den kalten Lagertemperaturen nicht klebrig werden.

Schließlich muss der hergestellte Impfstoff noch abgefüllt,
etikettiert und fertiggestellt werden - dies geschieht aber nicht
mehr in Marburg. Insgesamt 50 000 Arbeitsschritte sind nötig von der
Herstellung der mRNA bis zum fertigen Impfstoff. Begleitet wird die
Produktion von ständigen Qualitätskontrollen, strengen Regeln und
Sicherheitsvorkehrungen, damit keine Verunreinigungen die
Wirkstoffqualität beeinträchtigt. Über 2600 Dokumente begleiten den
akribisch zertifizierten Prozess.

Die hohen Ansprüche an die Sauberkeit gelten schon bei der
«Geburtsstunde» des Impfstoffs: der Herstellung der mRNA in einem
Bioreaktor. Unter Reinraumbedingungen wird dort der eigentliche
Wirkstoff erzeugt. Die Mitarbeiter dort sehen in ihren Schutzanzügen
fast wie Astronauten aus. Gut 20 Minuten brauchen selbst geübte
Profis, bis sie ihre Arbeitskleidung angelegt haben. Sogar spezielle
Unterwäsche, die kaum Fasern freisetzt, gehört dazu.

Das sehe schlimmer aus, als es tatsächlich sei, sagt eine Laborantin
über ihr futuristisch anmutendes Outfit. Biontech hatte an diesem Tag
Besucher in das neue Werk geführt und dabei auch die Arbeiten im
Reinraum in einer Simulation vorgestellt. Schnelle Bewegungen sind
hier verboten, schließlich will man Verwirbelungen vermeiden, auch
wenn die Luft mehrfach gefiltert wird. Nach 3,5 Stunden gibt es eine
Pause außerhalb der Sterilität des Reinraums.

Mit einer einzigen mRNA-Charge können rund acht Millionen Impfdosen
hergestellt werden. Bis die Charge fertig ist, dauert es etwa zwei
Tage. Aufbewahrt wird die kostbare Flüssigkeit in einem speziellen,
durchsichtigen Gefäß. Dieser lapidar als «Bag» (Tasche) bezeichnete

Behälter fasst 35 Liter. Darin sind gerade einmal 350 Gramm mRNA.

Von den insgesamt rund 400 Mitarbeitern sind 200 direkt am
Produktionsprozess beteiligt, nicht nur bei der mRNA-Herstellung,
sondern auch bei den folgenden Schritten, die genauso wichtig sind,
damit das Endprodukt schließlich die geforderte Qualität hat. Sie
arbeiten im Schichtbetrieb - rund um die Uhr und an sieben Tagen in
der Woche.

Der Zeitdruck, der wegen der Pandemie herrscht, sei sicherlich eine
der großen Herausforderungen gewesen, um die Herstellung ins Rollen
zu bringen, erklärt Schilling. Schließlich mussten alle Mitarbeiter
auf die neuen Produktionsprozesse umgeschult werden. Glücklicherweise
hätten auch die Zulieferfirmen und Partner in dieser kritischen
Anlaufphase «fantastisch mitgearbeitet».

Und nach diesen aufregenden Wochen freut sich das Marburger
Biontech-Team, dass die hier produzierten Impfstoffe bald zur
endgültigen Fertigstellung das insgesamt 1800 Quadratmeter große Werk
verlassen und danach zu den Impfzentren gebracht werden. «Die erste
Charge ist immer so ein bisschen das Sahnehäubchen auf den ganzen
Bemühungen, die man da monatelang hatte», erklärt die
Produktionsleiterin.