Söder: Raus aus starrer Impfempfehlung - Astrazeneca «wer sich traut»

30.03.2021 20:33

Impfen gilt vielen weiter als die einzige wirksame Strategie gegen
die Corona-Pandemie - doch die Probleme mit der Logistik und vor
allem die Furcht vor Nebenwirkungen bleiben. Bayern will nun die
Impfreihenfolge ändern, um schneller und effizienter zu sein.

München (dpa/lby) - Der Freistaat Bayern will ungeachtet der
Unwägbarkeiten um den Impfstoff von Astrazeneca das Impfen gegen das
Coronavirus erheblich beschleunigen. Dafür soll auch die
Impfreihenfolge schrittweise geändert werden, kündigte
Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Dienstag nach einer
Videokonferenz mit Vertretern von Ärzteschaft und Wirtschaft in
München an. Es sei wichtig «aus der starren Impfempfehlung
herauszukommen», sagte Söder am Dienstag. Die Regelungen müssten auch

«entkriminalisiert» und die Dokumentationspflichten entstaubt werden.

Hinsichtlich des Astrazeneca-Medikaments beschlossen die
Gesundheitsminister am Abend, einer Empfehlung der Ständigen
Impfkommission beim Paul-Ehrlich-Institut zu folgen und die Impfung
für Personen unter 60 Jahren weitgehend auszusetzen. Die Länder
können aber Menschen zwischen 60 und 69 Jahren - ohne einer weiteren
Priorisierung zu folgen - den Astrazeneca-Impfstoff verabreichen. Das
gilt auch für Jüngere der Risikogruppen 1 und 2.

«Besonders toll ist die ganze Sache nicht», sagte Söder zu der
Entwicklung um Astrazeneca in der Sendung «Rundschau» des Bayerischen
Rundfunks. Dennoch bleibe auch dies ein Impfstoff für große Teile der
Bevölkerung. Wichtig sei, ihn bei den Hausärzten zu verimpfen, weil
die die beste Einschätzung hätten, ob er beim jeweiligen Patienten
Gefahren hervorrufen könne. Gesundheitsminister Klaus Holetschek
(CSU) sagte: «Wir müssen jetzt eine klare Linie vorgeben, um den
Impfstoff von Astrazeneca weiter verwenden zu können.» Für
diejenigen, die Astrazeneca bekommen wollen, müsse dies auch möglich
sein. Er forderte die Ständige Impfkommission auf, schnellstmöglich
mehr Klarheit für diejenigen zu schaffen, die bereits eine
Erstimpfung mit Astrazeneca erhalten haben.

Söder hatte bereits vor Bekanntwerden des teilweise Impfstopps
erklärt: «Irgendwann wird man bei Astrazeneca speziell mit sehr viel

Freiheit operieren müssen und sagen müssen: Wer will und wer es sich
traut quasi, der soll auch die Möglichkeit haben», sagte der
CSU-Chef. Astrazeneca funktioniere nicht so, wie die meisten gehofft
hätten, sagte Söder. «Bei Astrazeneca ist ja jeden Tag irgendein
neues Problem zu erwarten. Und das spürt man auch ehrlicherweise in
der Wahrnehmung draußen», betonte er.

Trotz der Turbulenzen soll das Impftempo in Bayern erhöht werden, mit
deutlich höherer Flexibilität bei der Handhabung der Priorisierungen.
Bereits jetzt werde erfolgreich entlang der tschechischen Grenze in
sogenannten Ring- und Riegelimpfungen ein Ausbreiten der Pandemie
bekämpft - in Teilen außerhalb der vom Bund vorgegebenen
Impfreihenfolge. Die Impfverordnung erlaubt Abweichungen, «wenn dies
für eine effiziente Organisation der Schutzimpfungen (...) notwendig
ist.»

Ab April sollen in rund zehn Modellprojekten Reihenimpfungen in
Betrieben hinzukommen, sagte Söder. Verschiedene Betriebe, darunter
die Sportartikelhersteller Adidas und Puma, hatten angeboten, ihre
Beschäftigten durch die Betriebsärzte selbst zu impfen. Auch hier
würde die Impfreihenfolge außer Kraft gesetzt werden müssen. «Da ge
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es dann nicht nach Alter, sondern der gesamte Betrieb wird
durchgeimpft.» Nach den Betriebsärzten sollen Impfstraßen in Kliniken

eingerichtet werden, um eine maximale Verbreitung zu erreichen.

Außerdem soll der maximal von den Herstellern mögliche Zeitabstand
zwischen Erst- und Zweitimpfung ausgenutzt werden, um möglichst
vielen Menschen schnell die Erstimpfung zu ermöglichen. Auch die
Notreserven sollen weitgehend aufgelöst werden. «Es gibt keine
Osterruhe fürs Impfen», sagte Söder. Vom Bund verlangte er eine
verbindliche Aussage darüber, ob Impfen auch mehr Freiheiten nach
sich ziehen kann, etwa beim Besuch von Großeltern.

«Das Impfsystem ist in den Hotspots viel flexibler. Es ist die
Vorstufe, es dort zu erproben und es dann ganz auszurollen», sagte
Söder. Es könne beispielsweise nach Gefährdungslage geimpft werden.
Es gebe derzeit 180 000 zusätzliche Impfstoffdosen für die
Hotspot-Regionen. Bald werde die Frage der Impfung von
Saisonarbeitern aufkommen.

Sobald genügend Impfstoff bereitstehe, sollen nach den bereits zum
Teil geimpften Grundschullehrerinnen und -lehrern auch Lehrkräfte
weiterführender Schulen an die Reihe kommen. Bayern habe bisher 2,7
Millionen Dosen Impfstoff erhalten, davon seien 2,2 Millionen Dosen
bereits verabreicht. Bis 2. Mai sollen weitere zwei Millionen
dazukommen. Gesundheitsminister Holetschek sprach von «pragmatischen
Lösungen» die in der Pandemiebekämpfung nötig seien. Der Kampf gege
n
Corona dürfe nicht an bürokratischen Hürden scheitern.

Bis Anfang Mai sollen nach Angaben von Ministerpräsident Markus Söder
(CSU) 20 Prozent der bayerischen Bevölkerung eine Erstimpfung gegen
das Coronavirus erhalten haben. Derzeit würden täglich rund 40 000
Impfdosen im Freistaat verabreicht. Gleichzeitig müsse aber das
Infektionsgeschehen niedrig gehalten werden, um die Wirkung des
Impfens auf die Pandemie nicht zu verwässern.

Neben den Impfzentren, wo bis zu 70 000 Impfungen täglich möglich
seien, würden von Mittwoch an auch die niedergelassenen Ärzte
mitimpfen, sagte Söder am Dienstag in München nach einer Videoschalte
unter anderem mit Vertretern von Hausärzten und Kommunen zur weiteren
Impfstrategie. Begonnen werde zunächst mit 1635 Praxen und 33 000
Dosen. Nach Ostern sollen alle 8000 Hausarztpraxen einsteigen. Diese
könnten auch besser als in den Impfzentren Nachsorge betreiben und
Patienten beratend zur Seite stehen, etwa bei der Frage des
Astrazeneca-Impfstoffes.

Bisher seien rund 70 Prozent der über 80-Jährigen in Bayern geimpft.
80 Prozent der Bewohner von Alten- und Pflegeheimen hätten bereits
Erst- und Zweitimpfung verabreicht bekommen. Auch über 60 Prozent des
Personals in den Heimen sei geimpft, sagte Söder. «Die Alten- und
Pflegeheime sind nicht komplett aber weitgehend immunisiert», sagte
Söder.