Experte gegen Öffnungen im Saarland zum jetzigen Zeitpunkt

30.03.2021 13:59

Im Saarland könnte die Inzidenz in der nächsten Woche bei 100 liegen,
bundesweit bei 200. Ein Experte für Corona-Prognosen warnt daher vor
dem jetzigen Start von Öffnungsmodellen wie im Saarland - und fordert
bundesweit rasches Handeln, um die dritte Welle zu brechen.

Saarbrücken (dpa/lrs) - Vom Start des geplanten Öffnungsmodells im
Saarland zum Zeitpunkt ab dem 6. April hat der Saarbrücker
Pharmazie-Professor Thorsten Lehr abgeraten. «Ich halte das momentan
für das falsche Signal, in Zeiten des Wachstums, auf massive
Öffnungen zu setzen», sagte der Experte für Corona-Prognosen am
Dienstag der Deutschen Presse-Agentur in Saarbrücken. Auch wenn die
Zahlen im Saarland im bundesweiten Vergleich niedriger seien: «Wir
sehen auch hier einen kontinuierlichen Anstieg.»

Nach seinen Berechnungen erwartet er, «dass wir im Saarland Anfang
April, rund um den geplanten Starttermin, die Inzidenz von 100
erreichen könnten.» Er halte «Lockerungen und Pilotprojekte, wenn sie

auf einer solch hohen Flughöhe starten, für sehr schwierig». Vor dem

Start des Modellprojekts im Saarland, das auf Lockerungen durch
massenhaftes Testen setzt, müsse man das Infektionsgeschehen «erst
einmal wieder besser in den Griff bekommen».

Derzeit liege die Sieben-Tage-Inzidenz in dem Land mit knapp einer
Million Einwohnern bei knapp über 80. Tendenz steigend. «Das ist
einfach zu hoch. Da würden wir den guten Gedanken des Modells
riskieren.» Von daher wäre es sinnvoller: «Jetzt zu warten.» Seiner

Ansicht nach seien solche Modellprojekte ab einer stabilen Inzidenz
von knapp über 50 richtig. Der R-Wert dürfe maximal 1,0 sein.

Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) hatte vergangenen
Donnerstag den Start des «Saarland-Modells» ab dem 6. April
angekündigt - sofern die 7-Tage-Inzidenz stabil bei unter 100
Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern liegt. Am Montagabend teilte er
über Twitter mit, dass sich der Starttermin «wegen exponentiellem
Wachstum einer 3. Welle» verschieben könnte. Das Modell werde aber
auf jeden Fall kommen.

Das Saarland will bislang vom 6. April an Kinos, Theater,
Fitnessstudios und die Außengastronomie wieder öffnen. Voraussetzung
für Gäste und Nutzer ist ein tagesaktueller negativer Schnelltest.
Zudem dürfen dann im Freien maximal zehn Personen zusammenkommen,
wenn sie negativ getestet worden sind.

Lehr sagte, wenn man das Projekt zum 6. April starte, sei es
wahrscheinlich, dass es dann «relativ schnell» wieder angehalten
werden müsse. «Ich glaube, der Zeitraum, den das Projekt unbeschwert
laufen könnte, könnte relativ kurz sein.»

Er sieht zudem die Größe des «Saarland-Modells» kritisch: «Ich
finde
ein ganzes Bundesland als Modellprojekt sehr umfangreich.» Zudem
plädiere er bei den Projekten für ein deutschlandweit koordiniertes
Aufmachen von jeweils wenigen Bereichen: «Dass nicht alle das Gleiche
machen und man daraus lernen kann.»

Der Trend der Neuinfektionen gehe derzeit in allen Bundesländern
«relativ steil nach oben», sagte Lehr nach Analyse der jüngsten
Zahlen des «Covid-Simulators» an der Universität des Saarlandes.
Bundesweit rechne er im Laufe der nächsten Woche mit einer
Sieben-Tage-Inzidenz von 200. Mitte bis Ende April könne der Wert
dann bei 300 liegen - falls es keine Maßnahmen gebe.

Mit Sorge betrachte er den Anstieg der Zahlen auf den
Intensivstationen in den deutschen Krankenhäusern. «Wenn jetzt nichts
passieren wird, dann wären wir Mitte April bei 6000 belegten Betten.
Das ist das, was wir in Peak-Zeiten hatten.»

Angesichts der Zahlen ging Lehr davon aus, dass es einen erneuten
Lockdown geben wird. «Die Politik wird einschreiten. Niemand wird
letztlich die Inzidenz so frei laufen lassen.» Es müsse aber «flott
»
etwas passieren. «Selbst wenn ich sofort einen Lockdown mache, dann
dauert es zwei bis vier Wochen, bis er in der Klinik ankommt.»

Der Professor für Klinische Pharmazie an der Uni des Saarlandes hat
mit seinem Forscherteam einen «Covid-Simulator» entwickelt, der das
Infektionsgeschehen in Deutschland berechnet und Prognosen liefert:
für ganz Deutschland, die einzelnen Bundesländer bis hin auf
Landkreisebene. Er kann auch online genutzt werden.