Häusliche Gewalt: «Der zweite Lockdown haut so richtig rein» Von Peter Zschunke, dpa

26.03.2021 07:00

Die Corona-Einschränkungen belasten Partnerschaften und Familien. Es
kommt vermehrt zu Angst- und Panikattacken. Beratungsstellen sind
besorgt. Die Pandemie schränkt auch ihre Arbeit ein.

Mainz (dpa/lrs) - Kein Stadtbummel, kein Kneipenbesuch, keine Treffen
mit Freunden und kein Urlaub - die Einschränkungen der
Corona-Situation haben nach Einschätzung von Beratungsstellen in
Rheinland-Pfalz seit Herbst zu einer spürbaren Zunahme von häuslicher
Gewalt geführt. «Der zweite Lockdown haut so richtig rein - leider im
wahrsten Sinne des Wortes», sagt Julia Reinhardt vom
Koordinationsbüro «Contra häusliche Gewalt» in Koblenz. «Wenn in

einer engen häuslichen Situation Kinder schulisch betreut werden
müssen, sehen manche keine Chance mehr, sich aus dem Weg zu gehen»,
sagt auch der Landesvorsitzende der Opferschutzorganisation Weißer
Ring, Werner Keggenhoff.

Beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020 habe es keine Zunahme von
Beratungsgesprächen zu Fällen häuslicher Gewalt gegeben, sagt
Keggenhoff. «Im Herbst ist das nach oben gegangen.» Die Zahl der
Fälle, in denen nach einer Beratung finanzielle Hilfen geleistet
wurden, stieg im vergangenen Jahr in Rheinland-Pfalz um 9,3 Prozent
auf 129. «Das Dunkelfeld ist deutlich größer anzunehmen.»

In den Frauenhäusern sei es in den ersten Wochen dieses Jahres zu
keiner erhöhten Nachfrage im Vergleich zum Vorjahr gekommen, teilte
das Familienministerium mit. Eine abschließende Bewertung zur Frage
der Zunahme von häuslicher Gewalt gegen Frauen sei aber erst nach dem
Ende der Corona-Krise möglich. Die Erfahrungen aus dem ersten
Lockdown hätten gezeigt, «dass Frauen häufig erst mit Lockerungen
Anzeige gegen die Täter erstatten».

Die 19 über das Land verteilten Interventionsstellen zu häuslicher
Gewalt zählten bereits 2019 rund 3800 Fälle - meist war da auch schon
die Polizei eingeschaltet. Im vergangenen Jahr sei die Zahl weiter
gestiegen, sagt die Sozialpädagogin Christine Grundmann, die die
Arbeit der Interventionsstellen koordiniert. Dabei lasse sich
letztlich nicht sagen, inwieweit der Anstieg auf die Corona-Situation
zurückzuführen sei. So meldeten sich tendenziell mehr Frauen, weil es
inzwischen kein großes Tabu mehr sei, von Gewalt in der Partnerschaft
zu sprechen. Allerdings habe es die Corona-Situation schwieriger
gemacht, sich sozialen, finanziellen oder juristischen Beistand zu
holen.

«Viele Frauen kommen in die Beratung und fragen: «Was kann ich
machen, damit mein Mann mit der Gewalt aufhört?»», sagt Grundmann im

Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Frauen suchten zuerst die
Schuld bei ihrem eigenen Verhalten und seien bereit, alles zu tun, um
die Beziehung zu retten.

Aus der Beratungsarbeit mit den Tätern sagt Julia Reinhardt von der
Initiative «Contra Häusliche Gewalt»: «Der zweite Corona-Lockdown
spielt eine große Rolle.» Aufgrund der Einschränkungen gebe es mehr
Stressfaktoren. Hinzu kämen vielfältige Befürchtungen bis hin zu
Existenzangst aufgrund von Kurzarbeit oder Jobverlust. «Dass unsere
Klienten oder ihre Partnerinnen überproportional viele Angst- und
Panikattacken bekommen, war früher nicht so oft Thema, aber jetzt
nimmt das sehr zu.»

In den Beratungsstellen der Täterarbeit wird versucht, den zu Gewalt
neigenden Menschen, meistens sind es Männer, zunächst einen
Notfallplan in die Hand zu geben - damit in potenziell
gewaltträchtigen Situationen andere Wege offen stehen. Für eine
dauerhafte Abkehr von der gewaltsamen Eskalation führen die
Beraterinnen eingehende Einzelgespräche und organisieren
Gruppensitzungen für den gemeinsamen Austausch. Ziel ist, die
verhärteten Konfliktlösungsstrategien ebenso zu verändern wie
eingeschränkte Rollenbilder von Mann und Frau. Vor allem dieser
Austausch habe den Männern wegen der Corona-Einschränkungen sehr
gefehlt, sagt Reinhardt.

«Fast alle gewalttätigen Männer haben gewaltsame Kindheitserfahrungen

erlebt.» Dazu gehöre nicht nur die am eigenen Körper erfahrene
Gewalt, sondern auch das Miterleben von Gewalt bei den eigenen
Eltern. «Wir übernehmen so viel von unseren Eltern, wir lernen vom
Modell, auch das Bild von Beziehung und Zusammenleben.»

In der Täterarbeit werde deutlich, dass Gewalt für die Männer nicht
das Problem, sondern ein Weg zur Lösung eines Problems sei, etwa für
einen aus Sicht der Täter drohenden Kontrollverlust. Daher, so
erklärt Julia Reinhardt, gehe es darum, im Blick auf Kindheit und
vermeintliche Ohnmachtserfahrungen deutlich zu machen, dass die
Gewaltausübung das eigentliche Problem sei.

Neben direkter körperlicher Gewalt gebe es auch strukturelle Gewalt
in sozialen Beziehungen, die sich etwa in der Kontrolle von
«Haushaltsgeld» oder in der Kontrolle von persönlichen Kontakten des

Partners äußern könne. «Diese weniger sichtbaren und leiseren Forme
n
von Gewalt haben viele Frauen nicht auf dem Schirm», sagt Reinhardt.

Als Beispiel für die durch die Pandemie erschwerte Arbeit nennt die
Erziehungswissenschaftlerin und Kriminalsoziologin den Fall eines
Paares in einer Kleinstadt, in der es Ende Januar eine coronabedingte
Ausgangsbeschränkung ab 21 Uhr gab. Der damals im Einzelkontakt von
ihr beratene Mann sei erneut gewalttätig geworden und habe sie dann
angerufen, berichtet Reinhardt. «Er wollte alles richtig machen, was
wir besprochen haben und die sich eskalierende Situation verlassen.»
Dazu gehörte nach dem besprochenen Notfallplan, nicht nur aus dem
Zimmer, sondern aus der Wohnung zu gehen. «Es war aber 21.15 Uhr und
er wusste nicht, was er machen soll.» Sie habe ihm dann gesagt, er
solle trotz der Kälte in den Keller gehen. «Das hat er dann auch
gemacht.»