Berliner Test-Zentren halbleer - Impfstoff Astrazeneca wenig begehrt

25.03.2021 23:03

Die Berliner bleiben misstrauisch gegenüber dem Impfstoff von
Astrazeneca. Die Schnelltestzentren sind nicht gerade voll. Das alles
kann der Pandemie in die Hände spielen.

Berlin (dpa/bb) - Die Berliner lassen bisher viele Möglichkeiten für
kostenlose Schnelltests ungenutzt. Dazu gebe es gegenüber dem
Impfstoff des Herstellers Astrazeneca eine gewisse Zurückhaltung, wie
Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) am Donnerstag
im Abgeordnetenhaus einräumte. Berlin habe bisher 163 000 Dosen davon
bekommen. 54 000 seien an Krankenhäuser und 34 000 an Arztpraxen
gegangen. 47 000 seien in Impfzentren verwendet worden.

Zugleich wies der Regierungs-Chef Vorwürfe zurück, es würden
Impfdosen gegen das Virus ungenutzt lagern: «Es stimmt einfach nicht,
dass Impfstoff zur Verfügung steht, der rumliegt», sagte Müller in
der Fernsehsendung «rbb Spezial: Der Talk» am Donnerstag. Er
reagierte damit auf Kritik des FDP-Fraktionsvorsitzenden Sebastian
Czaja, der ein schnelleres Impftempo anmahnte.

Wer mit einer Impfberechtigung einen Termin online buchen will,
bekommt ihn für Astrazeneca bereits mit wenigen Clicks ein paar Tage
später. Auf einen Biontech-Piks müssen Impfwillige in den Zentren
dagegen meist bis Mai oder noch länger warten.

Im Impfzentrum in Tegel kommt ab der Woche nach Ostern der Impfstoff
von Biontech-Pfizer zum Einsatz. Termine dafür lassen sich bereits
buchen, wie der Präsident des Landesverbands vom Deutschen Roten
Kreuz (DRK), Mario Czaja, am Donnerstag auf Twitter mitteilte.
Impfungen damit sollen ab Mittwoch (7. April) möglich sein. Die
Nachfrage sei bereits erkennbar groß, sagte Czaja der Deutschen
Presse-Agentur. Zunächst wird im Terminal C des ehemaligen Flughafens
Tegel wie bisher der Impfstoff des schwedisch-britischen Herstellers
Astrazeneca verwendet.

Anschließend soll er nur noch im Impfzentrum im Hangar 4 auf dem
ehemaligen Flughafen Tempelhof genutzt werden. «Das hat vor allem
damit zu tun, dass Astrazeneca jetzt viel stärker in die Arztpraxen
geht als in die Impfzentren und zusätzlicher Biontech-Impfstoff da
ist, für den die Impfzentren gut geeignet sind», sagte Czaja.

Im Impfzentrum Tegel kam es am Donnerstag Czaja zufolge zu einer
mehrere hundert Meter langen Schlange. «Das haben wir noch nie
gehabt», sagte der DRK-Präsident. Es habe allein für Tegel gut 3000
Anmeldungen gegeben. Gerade die Berufstätigen buchten Termine sehr
kurzfristig, oft nur zwei, drei Stunden im Voraus. «Das hat heute
kurzfristig zu einem Ärztemangel geführt», sagte Czaja.

Die Nachfrage nach dem Astrazeneca-Impfstoff sei damit deutlich
gestiegen. Am vergangenen Freitag habe es in den Impfzentren in Tegel
und Tempelhof zusammen rund 1300 Impfungen gegeben, am Samstag 3250,
am Sonntag 2550. Montag bis Mittwoch seien es jeweils etwa 1700
gewesen, am Donnerstag dann 5600.

Die Impfungen mit Astrazeneca waren in Deutschland und mehreren
anderen Staaten Mitte März kurz ausgesetzt worden, weil mehrere Fälle
mit Thrombosen (Blutgerinnseln) in den Hirnvenen in zeitlichem
Zusammenhang zur Impfung gemeldet wurden. Mittlerweile wird
Astrazeneca wieder gespritzt. Der Impfstoff ist aus Sicht der
Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) sicher.

Hinter vorgehaltener Hand ist aber zu hören, dass zum Beispiel viele
Lehrer lieber auf Biontech warten, auch wenn das dauert. Unterdessen
steigen die registrierten Infektionszahlen bei Kindern und
Jugendlichen nach Angaben des Robert Koch-Instituts besonders stark
an. Von ihnen gingen auch zunehmend Übertragungen und
Ausbruchsgeschehen aus. Impfungen sind für Kinder und Jugendliche
noch nicht zugelassen.

Nach Angaben der Bildungsverwaltung sollen 50 000 Impf-Einladungen
für das Dienstpersonal an den weiterführenden Schulen ab Freitag
verschickt werden. Zuvor hätten bereits über 6000 Beschäftigte an
Förderschulen und etwa 40 000 Beschäftigte an Grund- und
Gemeinschaftsschulen Impf-Einladungen erhalten. Bisher habe es sehr
viel Zustimmung für die Einladungen gegeben, versicherte ein
Sprecher.

Als weiterer Weg aus der Pandemie gilt häufiges Testen. Die neuen
Berliner Schnelltest-Zentren melden im Schnitt im Moment aber nur 60
Prozent Auslastung, die Test-To-Go-Stellen durchschnittlich 20
Prozent. Ein Anstieg der Nachfrage werde erwartet, teilte die
Senatsverwaltung für Gesundheit am Donnerstag mit. In Discountern
sind Selbsttests nach Lieferungen dagegen häufig schnell ausverkauft.

Seit dem 8. März haben alle Berlinerinnen und Berliner die
Möglichkeit, sich kostenfrei in Zentren auf den Erreger Sars-CoV-2
testen zu lassen. Zurzeit gibt es nach Angaben der
Gesundheitsverwaltung 21 Testzentren und 171 zertifizierte Test-To-Go
Stationen. Das entspreche einer Testkapazität von 512 890 Tests pro
Woche.

Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) appellierte an die
Hauptstädter, die Testmöglichkeiten zu nutzen. «Ein Schnelltest kann

helfen, eine unerkannte Infektionen zu entdecken. Mit Quarantäne und
PCR-Nachtestung können weitere Ansteckungen vermieden werden.» Auch
ein PCR-Test ist dann kostenlos.

Unterdessen wurde der Kreis der Impfberechtigten in Berlin weiter
ausgeweitet. Auch Angehörige, die sich zu Hause ohne Pflegedienst um
hilfsbedürftige ältere Menschen oder Kinder und Jugendliche kümmern,

haben nun einen Anspruch auf eine Impfung. Sie können sich per Mail
bei den Pflegestützpunkten melden.

Mittes Amtsarzt Nicolai Savaskan htte bereits vergangene Woche
gefordert, die starre Impfverordnung für alle Interessierten zu
öffnen, falls Astrazeneca ein Ladenhüter bleibe. Das ist allerdings
Sache des Bundes.