Sputnik V: Wie gut ist der Corona-Impfstoff aus Russland? Von Marc Fleischmann und Ulf Mauder, dpa

25.03.2021 07:00

Für Russlands Präsidenten Wladimir Putin ist der in seinem Land
entwickelte Corona-Impfstoff der beste. Sputnik V ist in 56 Ländern
zugelassen und wird auch von der EU-Arzneimittelbehörde geprüft. Kann
er halten, was Putin verspricht?

Moskau/Berlin (dpa) - Nach Diskussionen um Astrazeneca gibt es mit
Sputnik V wieder einen Impfstoff, der spalten könnte. Er wurde in
Russland bereits vor wichtigen Studien zugelassen. Fragen und
Antworten zum Impfstoff, den die Europäische Arzneimittel-Agentur
(EMA) gerade prüft:

Welche politischen Bedenken gibt es?

Russland gab bereits Mitte August 2020 mit Sputnik V den weltweit
ersten Corona-Impfstoff für eine breite Anwendung in der Bevölkerung
frei. «Impfen ist immer auch Politik, es geht nie nur um medizinische
Fragen», sagt Historiker Malte Thießen, der sich mit der Geschichte
der Immunisierung seit der ersten Pocken-Impfung beschäftigt. Er
spricht von Vorbehalten im westlichen Teil der EU. Die Vergiftung von
Kremlkritiker Alexej Nawalny dürfte für manchen Bürger zudem ein
Grund sein, sich kein Produkt aus Russland injizieren lassen zu
wollen. Den Namen Sputnik für einen Impfstoff zu wählen, sei bereits
eine «Propaganda erster Klasse», so Thießen. Sputnik 1 hieß der
weltweit erste gestartete Satellit, mit dem die Sowjetunion 1957 die
westliche Welt schockierte.

Welche Zweifel haben Wissenschaftler?

Für den ersten Platz bei der Impfstoff-Freigabe hagelte es für
Russland international Kritik. Wissenschaftler beklagten vor allem
das Fehlen schlüssiger Daten. Grund ist, dass die Zulassung vor dem
Vorliegen der Ergebnisse sogenannter Phase-III-Studien stattfand. Das
widerspricht dem üblichen Ablauf. Denn in der Prüfung mit mehreren
Tausend Probanden könnten seltene Nebenwirkungen erkannt werden,
heißt es beim Paul-Ehrlich-Institut.

Erste Details zu Sputnik V veröffentlichten die Forscher Anfang
September 2020 in der Fachzeitschrift «The Lancet». Demnach regt der
Impfstoff eine Immunantwort an. Bei insgesamt 76 Teilnehmern konnten
in der Testphase I/II Antikörper gegen das Virus nachgewiesen werden.
Es folgte wieder Kritik am Vorgehen Russlands, aber auch Aufatmen:
Das nun vorliegende Ergebnis sei eindeutig. Das wissenschaftliche
Prinzip der Impfung sei aufgezeigt worden, sagte Forscherin Polly Roy
von der London School of Hygiene & Tropical Medicine dem Fachblatt
«The Lancet».

Wie funktioniert der Impfstoff?

Das vom staatlichen Gamaleja-Forschungszentrum für Epidemiologie und
Mikrobiologie in Moskau entwickelte Vakzin ist ein sogenannter
Vektorimpfstoff und damit dem Impfstoff von Astrazeneca ähnlich. Um
die Informationen in den Körper zu schleusen, nutzen beide
abgeschwächte, harmlose Viren. Ziel ist es, das Immunsystem dazu zu
bringen, Abwehrreaktionen gegen Sars-CoV-2 hervorzurufen. Bei Kontakt
mit dem Coronavirus ist der Körper dann vorbereitet und kann die
Infektion besser eindämmen.

Verabreicht wird der russische Impfstoff in zwei Dosen im Abstand von
21 Tagen. Zu den Nebenwirkungen zählen Schmerzen an der
Einstichstelle, Kopf- und Gliederschmerzen, Abgeschlagenheit und
teils grippeähnlichen Symptome. Zudem gibt es Berichte über Fieber
und Schüttelfrost.

Wie gut ist Sputnik V?

In einer «Zwischen-Analyse» der wichtigen Testphase III mit rund
20 000 Freiwilligen kamen russische Forscher auf eine Wirksamkeit von
91,6 Prozent. Die Ergebnisse wurden Anfang Februar 2021 ebenfalls im
medizinischen Fachblatt «The Lancet» publiziert. Sie decken sich mit
früheren Angaben.

Eine Wirksamkeit von 91,6 Prozent bedeutet, dass in der geimpften
Gruppe 91,6 Prozent weniger Erkrankungen auftraten als in der
Kontrollgruppe. Damit hat Sputnik V demnach eine in etwa gleiche
Wirksamkeit wie die Impfstoffe von Moderna und Biontech/Pfizer und
eine deutlich höhere als das Mittel von Astrazeneca. Nach Darstellung
der Moskauer Behörden funktioniert Sputnik V auch bei der
ansteckenderen Variante B.1.1.7. Der Impfschutz war 21 Tage nach der
zweiten Impfung aufgebaut.

Wie viel verkauft Russland davon und an wen?

Weltweit 56 Länder hätten Sputnik V zugelassen, wie der staatliche
Direktinvestmentfonds RDIF mitteilt (Stand 24.3.). Dieser ist an der
Finanzierung von Sputnik V beteiligt und kümmert sich um die
Vermarktung des Impfstoffs.

In der EU ist das Präparat auch ohne Zulassung schon in Ungarn und in
der Slowakei im Einsatz, Tschechien und Österreich haben Interesse
signalisiert - zur Sorge der EMA: Eine Vertreterin der
EU-Arzneimittelbehörde warnte EU-Staaten, noch vor der EMA-Prüfung
den russischen Impfstoff einzusetzen. Entscheidende Daten von
Geimpften lägen nicht vor, sagte Christa Wirthumer-Hoche im ORF.

Etwa ab Mitte des Jahres könnten in der EU 50 Millionen Menschen mit
Sputnik V versorgt werden, wenn die EMA ihre Zustimmung gebe,
erklärte RDIF-Chef Kirill Dmitrijew in Moskau. Dabei soll der
russische Impfstoff für die EU auch gleich hier produziert werden.
Dazu wurden laut Dmitrijew Produktionsvereinbarungen mit Firmen in
Deutschland und anderen europäischen Ländern wie Frankreich, Italien
und Spanien geschlossen. Der RDIF nennt weder die Namen dieser
Unternehmen noch macht er klare Angaben zu den verkauften Mengen und
den Vertragsbedingungen in den einzelnen Ländern.

Ausgehend von dem Preis, den der RDIF für die Impfdosen auf dem
internationalen Markt genannt hat, beläuft sich der mögliche
Gesamtumsatz auf schätzungsweise 24 Milliarden US-Dollar, wie die
Moskauer Zeitung «Nesawissimaja Gaseta» ausgerechnet hat. Der Preis
für eine Dosis wurde zuletzt mit unter 10 US-Dollar (etwa 8,40 Euro)
angegeben. Der Handel mit Sputnik V, das ist die Hoffnung der
russischen Führung, kann mehr einbringen als der Export von Waffen.

Wie ist in Russland der Stand beim Impfen?

Der Regierung in Moskau zufolge sind bislang erst fünf Millionen
Russen geimpft, gerade einmal 3,4 Prozent der Gesamtbevölkerung. Das
ist im Vergleich zu vielen anderen Staaten sehr wenig - vor allem
angesichts dessen, dass Russland neben Sputnik V noch zwei weitere
Corona-Impfstoffe entwickelt hat. Zuletzt hatte Russlands
Gesundheitsminister Michail Muraschko eine Herdenimmunität in der
russischen Bevölkerung bis Ende Juli angekündigt. Wie das gelingen
soll, ist unklar. In der russischen Hauptstadt, wo sogar in der Oper
oder im Einkaufszentrum geimpft wird, gibt es an jeder Ecke Appelle,
sich doch endlich den Piks zu holen.

Wieso impft Russland nicht zuerst die eigenen Leute?

Das russische Gesundheitsministerium hat stets deutlich gemacht, dass
zuerst die eigene Bevölkerung versorgt werden solle, bevor Sputnik V
in den Export geht. Trotzdem berichten Staatsmedien in Moskau fast
täglich über neue Länder als Abnehmer. Russland will damit sein Image

in anderen Staaten verbessern. Viele Menschen im flächenmäßig grö
ßten
Land der Erde ärgern sich, weil Sputnik V zwar ins Ausland, aber
nicht zu ihnen in entlegene Regionen gelangt.

Zudem zögern auch viele Russen. Hauptproblem ist Umfragen zufolge
eine massiv verbreitete Impf-Skepsis in der russischen Bevölkerung.
Nur 30 Prozent sind derzeit bereit, sich das russische Präparat
Sputnik V spritzen zu lassen, wie eine kürzlich veröffentlichte
Befragung des Meinungsforschungszentrums Lewada ergab. Als
Hauptgründe wurden Angst vor Nebenwirkungen und nicht vollständig
abgeschlossene klinische Studien genannt.

Die Impfung von Wladimir Putin ist in Russland großes Thema. Mehr als
ein halbes Jahr ließ der Präsident seit der Sputnik-Zulassung
vergehen. Am 23. März 2021 bekam er nach Kremlangaben die erste von
zwei Dosen. Dabei zeigte sich Putin kamerascheu, Aufnahmen gibt es
keine. Unklar ist zudem, mit welchem der drei von russischen
Forschern entwickelten Präparate er sich impfen ließ.

Hat Deutschland Erfahrungen mit russischen Impfstoffen?

Russland habe eine «ausgezeichnete Tradition» bei der Herstellung und
Anwendung von Impfstoffen, lobt die Weltgesundheitsorganisation
(WHO). Zur Anwendung kamen diese auch in der DDR. Die Bürger mussten
bis zur Volljährigkeit insgesamt 17 Pflichtimpfungen absolvieren,
erklärt Historiker Malte Thießen. Ab den 1950er-Jahren seien die
Impfstoffe zunächst von der Sowjetunion gekauft worden, später habe
die DDR selber produziert - «allerdings nach sowjetischer Vorlage».

Eine Erfolgsgeschichte wurde mit dem Einsatz des Polio-Impfstoffs
gegen Kinderlähmung geschrieben. «Bei dem Wettrennen war die DDR dem
Westen Deutschlands einen Schritt voraus», so Thießen. Dank der
Impfung ging die Zahl der Erkrankten im Osten ab den 1960er-Jahren
stark zurück. Daran erinnerte auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident
Reiner Haseloff (CDU), als er jüngst für den russischen
Corona-Impfstoff warb.