Heiße Luft? Wie es um die Energiebilanz von Heizpilzen steht Von David Hutzler, dpa

18.10.2020 04:33

Um im Corona-Winter wenigstens noch ein bisschen Umsatz mitnehmen zu
können, setzen Gastronomen auch auf beheizte Außenbereiche. Das
Problem: Heizpilze gelten als Klimakiller und sind vielerorts
verboten. Zu Recht? Ein Blick auf die Zahlen.

Berlin (dpa) - Der Verein zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur
will ihn. Und der Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) sowieso.
Aber dass ihn selbst Teile der Grünen und das Umweltbundesamt für
vertretbar halten, ist neu. Die Rede ist vom Heizpilz - lange verpönt
als «Energiefresser» und «Klimasünder», aber nun Hoffnungsträge
r
vieler Gastronomen im Corona-Winter.

Mit Heizpilz lässt es sich auch bei Kälte draußen vor der Kneipe oder

dem Restaurant aushalten. In Pandemie-Zeiten eröffnet er eine
Alternative zu Innenräumen, in denen das Ansteckungsrisiko als höher
gilt. Zudem schaffen beheizte Außenbereiche zusätzlichen Platz für
Wirte. Am Samstag berichtete das «Handelsblatt», dass die Heizpilze
sogar vom Bund gefördert werden sollen. Doch wie steht es um die
Energie- und Treibhausgasbilanz der Strahler? Und was bedeutet es,
wenn nun vermehrt Kommunen ihr Heizpilz-Verbot kippen?

Da sind zunächst die Zahlen: Ein beispielhafter handelsüblicher
Propangas-Heizpilz mit acht Kilowatt Heizleistung bläst rund 2,2
Kilogramm CO2-Äquivalente pro Stunde in die Luft, wie aus
Berechnungen des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) für die
dpa hervorgeht. Darin enthalten sind auch Emissionswerte für die
Herstellung von Propangas und der Transport der Gasflaschen zu den
Gastronomen.

Was heißt das nun hochgerechnet auf eine Stadt? In Berlin gab es
Anfang 2019 rund 20 000 gastronomische Betriebe. Zwar lässt sich laut
DEHOGA nicht bestimmen, wie viele davon tatsächlich zur Außenheizung

greifen würden. Doch nimmt man beispielsweise an, dass jeder zehnte
davon für 20 Winterwochen zwei gasbetriebene Heizpilze aufstellt und
diese 20 Stunden pro Woche laufen lässt, so käme man mit den
KIT-Zahlen auf einen Ausstoß von rund 3520 Tonnen CO2-Äquivalente -
in die auch andere Treibhausgase wie Methan und Lachgas verrechnet
sind - für einen Winter.

Mehrere Tausend Tonnen Treibhausgase klingen nach viel. Im Vergleich
zur Energiebilanz einer Großstadt wie Berlin erscheint der Wert aber
wiederum gering. Allein der Straßenverkehr bläst hier täglich mehrere

Tausend Tonnen CO2 in die Luft. In der Hauptstadt wird schon darüber
diskutiert, ob man den Einsatz von Heizpilzen einfach durch einen
autofreien Sonntag kompensieren könnte.

Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Energieverbrauch: Um zehn Prozent
des Endenergieverbrauchs der Stadt zu erreichen, müssten mehrere
Hunderttausend Heizpilze rund 20 Stunden die Woche ganzjährig laufen,
wie aus den KIT-Zahlen hervorgeht.

Ist die Debatte um die Pilze also vor allem eines: Heiße Luft? «Egal
ob bei der Rechnung jetzt 1000, 2000 oder 5000 Tonnen rauskommen -
das klingt im Vergleich natürlich erst mal ziemlich wenig», sagt Jens
Schuberth, der die Heizpilz-Studie des Umweltbundesamts mit verfasst
hatte.

Aber nehme man das Ziel von Null CO2-Emissionen bis zum Jahr 2050
ernst, so verursachten Heizpilze an anderer Stelle wieder zusätzliche
Arbeit, so Schuberth weiter. Auch wenn gerade im Winter nicht damit
zu rechnen sei, dass sogenannte «Hitzeinseln» entstehen und die
Strahler die Luft in den Städten direkt aufheizen: «Die Außenfläche
n
zu beheizen bleibt eine augenfällige Energieverschwendung.»

So augenfällig, dass etliche Kommunen die Pilze vor rund zehn Jahren
von ihren Straßen verbannt hatten. Nun ist aber Corona - und der
Heizpilz gilt auf einmal als Hoffnungsträger der Gastronomen, die
dadurch auch in der kalten Jahreszeit ihre Außenflächen bewirten
könnten. Städte wie Hamburg und Stuttgart haben ihr Heizpilzverbot
für den Winter bereits ausgesetzt. Auch Grünen-Politiker wie Anton
Hofreiter sowie UBA-Chef Dirk Messner halten den Einsatz
übergangsweise für vertretbar.

Oft wird in solchen Diskussionen auf die vermeintlich effizientere
Alternative zum Gas-Heizpilz verwiesen: Den Elektroheizer, der
weniger die Umgebungsluft erwärmt und dafür mehr direkte
Infrarot-Strahlungsenergie erzeugt. Auch beim Ausstoß von
CO2-Äquivalenten stehen Elektrostrahler auf den ersten Blick besser
da: 1,4 Kilogramm pro Stunde werden mit dem deutschen Strommix 2019
laut KIT-Berechnung von einem beispielhaften 3000-Watt-Gerät
emittiert.

Allerdings, gibt KIT-Experte Jens Buchgeister zu bedenken, sei ein
direkter Vergleich zwischen Gas und Elektro schwierig: Zum einen sei
bei den Infrarot-Strahlern zu berücksichtigen, dass die Strahlung nur
Menschen erreiche, die nicht von anderen verdeckt werden. Und zum
anderen sei die Lebensdauer der betrachteten Elektrogeräte niedriger
als bei den Gasheizgeräten, sodass bei einem Vergleich der Aufwand
der Herstellung eines zusätzlichen Elektrogeräts hinzugerechnet
werden müsste.

UBA-Experte Schuberth hatte bereits in der 2009 erschienen
Heizpilz-Studie die beheizbaren Flächen von Elektro- und Gasstrahlern
verglichen. Das Ergebnis: «Bezüglich der Emissionen macht es keinen
großen Unterschied, ob man die Außenflächen mit Elektro oder Gas
heizt.» Der CO2-Ausstoß pro Quadratmeter zu beheizender Fläche sei
bei beiden Technologien etwa gleich. Er sagt aber auch: «Im Vergleich
zu 2009 ist der Strommix heute etwas besser. Das heißt, die
Elektrostrahler rutschen etwas runter. Aber immer noch nicht so, dass
sie sich signifikant absetzen würden.»

Und auch wenn die Strahler nur mit Ökostrom betrieben würden, seien
sie klimapolitisch schwer zu rechtfertigen: «Da muss man sich schon
die Frage stellen, ob man mit dem Ökostrom, der ja auch nur begrenzt
zur Verfügung steht, nicht auch Sinnvolleres machen kann.» Doch trotz
all der Vorbehalte meint Schuberth: «Ich habe durchaus Verständnis
dafür, wenn Gastronomen für diesen Winter Heizstrahler anschaffen
wollen. Wichtig ist, dass die Heizpilze nach der Corona-Krise dann
nicht mehr zum Einsatz kommen.»