Mit Streeck auf Gang durch Gangelt: Sie nennen ihn «Der Professor» Von Jonas-Erik Schmidt, dpa

16.10.2020 15:09

Bis vor Kurzem kannte kaum jemand jenseits des Virologen-Kosmos
Hendrik Streeck. Heute erklärt er den Deutschen fast täglich die
Corona-Pandemie. Will man verstehen, wie er tickt, trifft man ihn am
besten zum Spaziergang - da, wo alles begann.

Gangelt (dpa) - Hendrik Streeck hat gerade einen Satz gesagt, den so
auch ein Bundespräsident sagen könnte: «Wir werden nicht mit
pauschalen Verboten durch diese Pandemie kommen, sondern damit, dass
wir es schaffen, dass die Leute auf sich selber und andere
achtgeben.» Es sind Worte, die die großen Linien andeuten. Und
irgendwie klingen sie optimistisch. Während Streeck noch spricht,
tauchen in seinem Blickfeld zwei Frauen im gesetzten Alter auf dem
Gehsteig auf. Sie stehen an einem Haarstudio. «Hallo», grüßt sie de
r
Virologe. «Hallo!», entgegnen die beiden Frauen. Kurze Pause. Dann:
«Der Professor.»

Es wird an diesem Tag nicht das letzte Mal gewesen sein, dass jemand
Streeck so anspricht. Nicht ehrfurchtsvoll wie einen
Bundespräsidenten - sondern feststellend. So, wie man auch «Ah, der
Postbote» sagen würde. Die Leute in Gangelt, auf dessen Straßen
Streeck heute unterwegs ist, kennen ihn. Er hat viel Zeit in dem
kleinen Ort ganz im Westen der Republik verbracht, um zu forschen.
Und geht man mit ihm durch Gangelt, versteht man ein bisschen besser,
wie er tickt. Vor allem auch im Bezug auf die großen Linien.

Das Örtchen im Kreis Heinsberg war Anfang des Jahres nach einer
Karnevalssitzung zu einem der ersten deutschen Corona-Hotspots
geworden. So richtig wusste das Land damals allerdings noch nicht,
was das bedeutet: Pandemie. Nicht wenige glaubten, man könne einfach
weitermachen wie bisher - sofern man sich von Gangelt fernhält.
Streeck, der am etwa 120 Kilometer entfernten Uniklinikum Bonn das
Virologie-Institut leitet, machte das Gegenteil. Er kam zunächst nach
Gangelt, um schlicht das neue Virus zu erforschen.

«Als wir hier reingefahren sind, sind gefühlt alle anderen
rausgefahren. Das ist es aber, was für mich Arzt sein bedeutet», sagt
er. Damals habe er in einer Woche 100 Infizierte gesehen und mit
ihnen sprechen können. «Da kapiert man einfach viel besser. Der
Anfang war sehr wichtig für mich, um das Virus einschätzen zu
können», sagt er. «Und es ist gut einschätzbar, dieses Virus.»

Bis heute verfolgt Streeck die Linie, dass man Corona nicht
bagatellisieren dürfe - überdramatisieren solle man es aber auch
nicht. Bei den Zuschauern der vielen Talkshows, in denen er seitdem
zu Gast war, hat ihn das ungemein beliebt gemacht. Streeck trägt
seine Einschätzungen ohne jede Düsternis vor, im Gegensatz zu manch
anderen Experten. Noch dazu sieht er dabei jünger aus als 43, was er
eigentlich ist. Ein oft gehörter Satz ist daher: Den Streeck hör' ich

am liebsten, dann kann ich besser schlafen.

«Ich glaube, wenn ich nicht lächle, bin ich wirklich krank. Das ist
mein Naturell, ich bin ein positiver Mensch», sagt er. «Das hat auch
nichts mit Eitelkeit zu tun.» Offenkundig weiß er recht genau, wie
seine Art auch gedeutet werden kann, wenn man eher anderen Virologen
vertraut. Zu den Seltsamkeiten der Pandemie gehört, dass die
Vertreter seines Fachs aus der Nische in die totale Öffentlichkeit
gespült wurden, mit allen Begleiterscheinungen. Sie werden schon mal
verehrt, ihr Tun aber auch komplett ausgeleuchtet.

Auch Streeck war zeitweise Gegenstand der Berichterstattung, als es
Kritik an der Methodik seiner sogenannten «Heinsberg-Studie» und der
Begleitung durch eine PR-Agentur gab. Er hat daraus seine Schlüsse
gezogen. «Ich fühle mich heute sehr verbunden mit Heinsberg», sagt er

an einer Stelle auf dem Weg durch Gangelt. «Die Menschen hier sind
durch viele schwere und auch aggressive Zeiten gegangen. Und ich habe
das Gefühl, dass man einige Teile dieses Weges zusammen gegangen
ist.»

Der Weg führt vom Rathaus zu einer Schule, in der Streeck und seine
Leute ihre Untersuchungsräume eingerichtet hatten. Er kennt den Weg
ganz genau. Gepflegte Vorgärten, schnell ist man zwischen Feldern
angekommen. Ein Traktor knattert vorbei. «Ich bin auch auf dem Dorf
aufgewachsen» sagt er, in Herberhausen das zu Göttingen gehört. «Da

gab es zwei Bauern, eine Dorfschenke, ein Restaurant ein
Schützenfest, das das Highlight des Jahres war.» Alles sehr ähnlich
zu Gangelt.

Ursprünglich wollte er mal Filmkomponist werden, er spielt Saxofon
und Cello. Aber: «Das konnte man damals, 1997, noch nicht studieren.»
Also schlug Streeck, Sohn zweier Akademiker, einen anderen Weg ein.
Virologe wurde er, weil er den Film «Outbreak» mit Dustin Hoffman
toll fand.

Als ihn dieser Weg 2020 schließlich nach Gangelt führte, ging Streeck
erstmal von Haustür zu Haustür, um zu fragen, ob sich die Bewohner
untersuchen lassen wollen. Zuvor war die Frage aufgekommen, ob man
sich dafür nicht besser Ganzkörperanzüge überstreifen sollte. Stree
ck
entschied sich aber für Jackett, Handschuhe und Mundschutz. «So als
Marsmensch anzukommen, das fand ich nicht richtig.» Er klingelte und
stellte sich vor. Das wäre heute unnötig. Man kennt den Professor.