Experte enttäuscht über neue Corona-Maßnahmen: «Es geht um die Wurs t»

15.10.2020 22:57

Berlin (dpa) - Der Leiter der Abteilung System Immunologie am
Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig hat sich
enttäuscht über die Ergebnisse der Bund-Länder-Runde im Kampf gegen
Corona geäußert. «Wir haben Zeichen, dass das Virus sich gerade
unkontrolliert ausbreitet», sagte Professor Michael Meyer-Hermann am
Donnerstagabend im ZDF-«heute-journal». Er habe deshalb am Mittwoch
bei der Ministerpräsidentenkonferenz im Kanzleramt eine «große
Warnung» ausgesprochen. «Die Maßnahmen, die erfolgt sind, sind nicht

die, die ich mir erhofft hatte», bedauerte Meyer-Hermann.

Die Nachverfolgung der Infektionen könne vielerorts nicht mehr
gewährleistet werden. «Die Bevölkerung muss einfach verstehen, dass
es jetzt um die Wurst geht», sagte der Experte. Die Menschen müssten
Feste viel stärker einschränken und auf Reisen - wenn möglich -
verzichten und konsequent Maske tragen. Der Professor zeigte kein
Verständnis für Maskenmuffel. «Das ist doch eine kleine Mühe.» Di
e
Alternative sei ein Lockdown, den viele kleine Unternehmen nicht
überleben würden. Viel besser wäre es, wenn die Menschen einfach
immer eine Maske aufsetzten, wenn sie aus dem Haus gingen, sagte
Meyer-Hermann in den ARD-«Tagesthemen».

Von einem Reiseverbot für Menschen aus sogenannten Hotspots würde der
Infektionsforscher indes absehen. «Ich glaube, das ist ein
Menschenrechtseingriff, der sehr radikal ist», sagte Meyer-Hermann.
Ein solcher Schritt müsse sehr gut überlegt sein. Er setze
stattdessen auf Einsicht bei der Bevölkerung.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten
hatten sich am Mittwochabend auf einheitliche Regeln für Städte und
Regionen mit hohen Infektionszahlen geeinigt. Dazu gehören eine
Ausweitung der Maskenpflicht, eine Begrenzung der Gästezahl bei
privaten Feiern, Kontaktbeschränkungen im öffentlichen Raum und eine
Sperrstunde für die Gastronomie. Merkel hatte sich angesichts der
massiv steigenden Corona-Zahlen allerdings strengere Maßnahmen
gewünscht.