«Puzzlearbeit»: Junge Menschen und ihre Pläne in der Pandemie Von Corinna Schwanhold, dpa

15.10.2020 09:30

Die Schule geschafft, ab ins Ausland? Die Pläne vieler Schulabgänger
fallen in diesem Jahr coronabedingt ins Wasser.

Berlin (dpa) - Au-pair, Freiwilligendienst oder Reisen: Nach dem
Schulabschluss zieht es viele junge Menschen ins Ausland - auch Timo
Geiger. «Es war für mich schon nach meinem Realschulabschluss klar,
dass ich nach der Fachoberschule mindestens ein Jahr ins Ausland
gehen will», sagt der 20-Jährige. Der Traum, ein Jahr als Au-pair in
Neuseeland zu arbeiten, platzte jedoch wegen des Coronavirus. Damit
geht es Geiger wie vielen jungen Absolventinnen und Absolventen in
der Pandemie - sie müssen sich einen Plan B überlegen, der sich trotz

Hygienevorschriften und geschlossener Grenzen realisieren lässt.

Wie viele junge Menschen in normalen Jahren ins Ausland gehen, lässt
sich nicht verlässlich beantworten. Eine Registrierungspflicht für
Deutsche im Ausland gibt es nicht. Au-pair-Agenturen bekommen die
geschlossenen Grenzen in beliebten Reiseländern jedoch deutlich zu
spüren. «Es ist desaströs, was da im Moment passiert», sagt Cordula

Walter-Bolhöfer von der Gütegemeinschaft Au pair, unter deren Dach
sich aktuell 30 Agenturen versammeln. Chile, Australien oder
Neuseeland etwa hätten die Grenzen «komplett dicht gemacht».

Timo Geiger entschied sich nach langem Überlegen zu einem Jahr in
Spanien und ist mittlerweile bei einer Gastfamilie in der Provinz
Murcia im Südosten des Landes. «Allerdings habe ich auch hier bis zum
tatsächlichen Abflug am Airport Nürnberg gebangt, ob von der
spanischen Regierung nicht doch noch ein Einreiseverbot verhängt
wird», sagt er. Diesen Weg wollen nicht alle interessierten Au-pairs
gehen. Die Vermittlungszahlen seien auch nach Europa gesunken, sagt
Walter-Bolhöfer. «Viele blieben in den ersten Monaten der Pandemie
aus Angst zuhause und haben ihre Auslandspläne aufgegeben.»

Auch Emma Rönz ist immer noch in Deutschland, obwohl sie eigentlich
seit Ende Juli in New York sein sollte. Die Münchner Au-pair-Agentur
Active Abroad hatte ihr bereits eine Gastfamilie vermittelt. «Dann
hieß es jedoch, dass es mit dem Visum kritisch wird», sagt die
18-Jährige. Erst sollte die Einreise ab August oder September möglich
sein, die nächste Prognose lautete Januar. «Ich habe mir dann
gesagt: So viel Zeit zu verschwenden, lohnt sich nicht. Lieber fange
ich ein Studium an.»

Die Vermutung liegt nahe, dass Freiwilligendienste im Inland von den
geschlossenen Grenzen profitieren könnten. Wie hoch die Zahlen in
diesem Jahr sein werden, lässt sich laut Bundesfamilienministerium
erst in einigen Wochen verlässlich sagen. Bislang hätten die Träger
in den neuen Bundesländern höhere Besetzungszahlen als in den
vergangenen Jahren verzeichnet, sagt Jaana Eichhorn, Sprecherin des
Bundesarbeitskreises Freiwilliges Soziales Jahr (BAK FSJ).
«Wahrscheinlich auch, weil dort coronabedingt Ausbildungsplätze
weggefallen sind», vermutet sie.

Deutschlandweit rechnet Eichhorn jedoch mit einem leichten Minus.
Gerade am Anfang habe große Unsicherheit auf beiden Seiten
geherrscht: Einrichtungen seien sich nicht sicher gewesen, ob sie
Freiwillige etwa in Schulen oder Kitas einsetzen dürften. Manche
Einsatzstellen - etwa Theater oder Sportvereine - seien über Monate
geschlossen gewesen.

Vom Bundesfamilienministerium heißt es ebenfalls, dass die Zahl der
Freiwilligen in diesem Jahr vermutlich etwas niedriger liegen werde.
Nach vorsichtigen Schätzungen der Träger im FSJ werde derzeit mit nur
leichten Einbrüchen der Freiwilligenzahlen gerechnet, schätzungsweise
von unter zehn Prozent, sagt eine Sprecherin. Die aktuellen
Auswirkungen der Pandemie auf Schülerinnen und Schüler beschäftigt an

diesem Donnerstag auch die Kultusministerkonferenz (KMK).

Beim FSJ komme in diesem Jahr hinzu, dass die Zahl der Einsatzmonate
wahrscheinlich schrumpfe, sagt Eichhorn vom BAK FSJ. «Wenn die
Freiwilligen beispielsweise nicht zum 1. Juli angefangen haben,
sondern zum 1. Oktober, hören sie wahrscheinlich doch Ende Juni 2021
auf.» Es sei in diesem Jahr auf alle Fälle «Puzzlearbeit»,
Freiwillige und Einsatzstellen zusammenzubringen.

Antonia Arnoldi gehört zu den jungen Menschen, die von ihren
Auslandsplänen Abstand nehmen mussten und jetzt als Freiwillige im
Inland arbeiten. Sie hatte einen Freiwilligendienst in Thailand
geplant und wollte dort an einer Schule für Kinder und Jugendliche
mit Sehbehinderung arbeiten. «Als das dann aber zum Sommer hin immer
noch unsicher war, wollte ich nach Alternativen suchen, die
inhaltlich zu meinen ungefähren Vorstellungen vom anstehenden Studium
passen», sagt die 19-Jährige.

Sie leistet aktuell einen Bundesfreiwilligendienst in der
Denkmalpflege in der Außenstelle Titz des LVR-Verbands für
Bodendenkmalpflege im Rheinland ab. Den Auslandsplan will sie aber
noch nicht aufgeben. «Immerhin habe ich die Möglichkeit, den Dienst
in ein bis drei Jahren nachzuholen, insofern die Lage dort sowohl
wirtschaftlich als auch politisch stabil ist.»