Erhebliche Lücken in Corona-Nachverfolgung - Ämter am Limit Von Göran Gehlen, dpa

14.10.2020 12:17

Gesundheitsämter geraten bei der Nachverfolgung von
Corona-Infektionsketten an ihre Grenzen. Ein erheblicher Anteil der
Ansteckungen lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Ist die Strategie
noch richtig?

Darmstadt/Wiesbaden/Offenbach/Frankfurt (dpa/lhe) - Angesichts der
hohen Belastung der Gesundheitsämter in Hessen stellt der Verband der
Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes die
Strategie der Nachverfolgung von Corona-Infektionsketten infrage.
Letzten Endes jagen Politiker noch der Idee nach, alle symptomlosen
Träger aufspüren zu können», sagt Landesvorstand Jürgen Krahn. Da
bei
sei die Frage: «Ist es sinnvoll, allen Verdachtsfällen nachzujagen
oder wenden wir uns den kranken Leuten zu? Verbrennen wir weiter
Laborkapazitäten oder schalten wir langsam in den Modus medizinischer
Vernunft um und kümmern uns um die Infizierten/Kranken und
Schutzbedürftigen?»

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht im Umgang mit Pandemien
drei Phasen vor: Eindämmung (Containment), bei zunehmender
Verbreitung die zweite Phase Schutz (Protection) von Risikogruppen
und als letztes Folgeminderung (Mitigation). «Solange die Politik
aufrechterhält, dass wir uns immer noch in der ersten Phase befinden,
ist das intensive Ermitteln aller Kontaktpersonen in Bezug auf Covid
19 alternativlos», erklärt Krahn. Doch diese Phase hätte man seit
«drei bis vier Monaten» verlassen können.

Hessens Gesundheitsämter kommen angesichts deutlich steigender
Infektionszahlen an ihre Grenzen. Bei größeren Ausbrüchen -
beispielsweise auf privaten Feiern - lassen sich Infektionsketten
noch nachvollziehen, bei vielen Einzelfällen dagegen kaum. «Viele der
Infektionen sind auf das familiäre Umfeld oder den Freundeskreis
zurückzuführen», sagt ein Sprecher der Stadt Wiesbaden. Bei der
Mehrheit der Fälle sei der Ort oder Anlass der Infektion nicht
nachvollziehbar. Seit Ende September betreffe das 76 Prozent der
gemeldeten Fälle. Allerdings werde in einigen noch ermittelt. Die
Corona-Warn-App könne helfen, werde jedoch nicht ausreichend genutzt.

«Wenn die an Covid-19 Erkrankten von uns zu möglichen
Infektionsquellen befragt werden, sind die Angaben oft vage», erklärt
ein Sprecher der Stadt Frankfurt. Auch verliefen Infektionen nicht
selten ohne Symptome, was die Identifikation von Infektionsquellen
erschwere. Abseits größerer Infektionsherde sei es in Frankfurt im
Allgemeinen «in weniger als 50 Prozent der gemeldeten Fälle möglich,

eine Person oder Situation zu definieren, von der die Infektion
ausging». Gut nachvollziehbar seien Erkrankungen bei Personen, die
fünf bis sieben Tage nach dem Kontakt zur Erkrankten getestet würden.

Vergleichsweise gut steht Hessens größter Hotspot, die Stadt
Offenbach, da: Nur bei 29,4 Prozent der Infektionen sei die
Ansteckung nicht mehr nachvollziehbar. «Mittlerweile stellt sich bei
positiv Getesteten häufig heraus, dass sie in der vorangegangenen
Zeit, in der sie vermutlich ansteckend außerhalb der Quarantäne
unterwegs waren, sehr viele Kontakte hatten», sagt ein Sprecher. Die
Ermittlungsquote sei zudem abhängig von der Bereitschaft, genaue
Auskünfte zu geben und vom Erinnerungsvermögen.

Der Landkreis Marburg-Biedenkopf erklärt, dass bei bestätigten
Covid-19-Infektionen in den vergangenen 14 Tagen in rund 36 Prozent
der Fälle kein Kontext ermittelbar war. «Allerdings liegen hier
insbesondere wegen der hohen Fallzahlen der zurückliegenden Tage noch
keine abschließenden Erkenntnisse vor», sagte ein Sprecher. Der Kreis
Groß-Gerau nennt keine Zahlen, sondern erklärt, dass man bei einem
«großen Teil» der Fälle, die sich außerhalb eines Haushalts
infizierten, keine Quelle ermitteln könne.

Ob es angesichts dieser Situation Sinn macht, die Kapazitäten der
Gesundheitsämter zu verwenden, Kontaktpersonen zu ermitteln und zu
testen, ist umstritten. «Die Lösung ist nicht: Testen bis zum
Anschlag», sagt Jürgen Krahn. Denn auch das Land habe nur begrenzte
Mittel. Das Geschehen in den Gesundheitsämtern sei bei der Bekämpfung
der Pandemie entscheidend.

Die Landesärztekammer Hessen registriert ebenfalls, dass durch
ansteigende Infektionszahlen viele Kontaktketten nicht mehr
nachverfolgbar sind. «Die Nachverfolgung sollte deshalb aber nicht
generell verlassen werden», sagte eine Sprecherin. Vielmehr solle
sich die bisherige Strategie auf die besonderen, problematischen
Fälle fokussieren. Dies seien insbesondere die Kontakte von
Indexpatienten - Personen, von denen sich eine Krankheit ausbreitet -
zu vorerkrankten und älteren Menschen. «Solche Infektionsketten
müssen vordringlich aufgearbeitet werden.»

«Aufgrund der pandemischen Lage seit Beginn des Jahres und aktuell
steigender Infektionszahlen sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
der Gesundheitsämter dauerhaft stark belastet», sagt eine Sprecherin
des Sozialministeriums in Wiesbaden. Die Nachverfolgung von
Kontaktpersonen durch die Gesundheitsämter habe Priorität. Dafür
würden andere Aufgaben zurückgestellt und Personal aus anderen
Bereichen der Verwaltung hinzugezogen. In Frankfurt und Offenbach
erhielten die Ämter derzeit bei der Nachverfolgung Unterstützung
durch die Bundeswehr.