Harte Regeln und ein Appell an die Vernunft: Laschet im Corona-Kampf

11.10.2020 18:01

Die Corona-Neuinfektionen in NRW steigen immer weiter - vor allem in
den großen Städten. Ministerpräsident Laschet will deshalb private
Feiern einschränken. Und er nimmt jeden einzelnen Bürger in die
Verantwortung.

Düsseldorf (dpa/lnw) - Nach einem starken Anstieg bei den
Corona-Neuinfektionen hat NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU)
eindringlich an die Vernunft der Menschen appelliert. «Wenn wir jetzt
alles richtig machen, wird es keinen zweiten Lockdown geben», sagte
Laschet am Sonntag. Die Menschen müssten bei Urlaubsreisen und
privaten Feiern Opfer bringen, damit Schulen und Kitas geöffnet
bleiben könnten und das öffentliche Leben nicht erneut zum Erliegen
komme. Für Feiern kündigte er schärfere Vorschriften an. Die aktuelle

Entwicklung sei «besorgniserregend», sagte Laschet. Unter anderem
gelten Köln und Essen seit dem Wochenende als Risikogebiete.

«Viele sind zu leichtfertig geworden», kritisierte Laschet nach einer
eilig einberufenen Sondersitzung des Landeskabinetts. NRW hat seit
Tagen die höchsten Ansteckungsraten aller deutschen Flächenländer.
Landesweit steckten sich nach offiziellen Zahlen vom Sonntag 34,1
Menschen pro 100 000 Einwohner in sieben Tagen mit dem Virus an.

«Jeder, der im Moment etwas zu feiern hat, sollte dieses in diesen
Zeiten unterlassen. Wir müssen alle jetzt vorsichtig sein», mahnte
Laschet. NRW werde deshalb private Feiern in Gaststätten mit mehr als
50 Gästen verbieten - egal, ob die Feier in einer besonders vom
Coronavirus betroffenen Region stattfindet oder nicht. Für Feiern zu
Hause seien solche staatliche Vorschriften nicht umsetzbar.

An die Adresse von Urlaubern richtete er den Appell, «Reisen generell
jetzt in den Herbstferien zu unterlassen und auch innerhalb
Deutschlands möglichst zu Hause zu bleiben». Das in vielen
Urlaubsregionen geltende Beherbergungsverbot für Gäste aus
Risikoregionen bewertete er hingegen kritisch. «Wenn ganz viele Orte
in Deutschland Risikogebiete sind, ist die Frage, wer darf von wo
nach wo reisen, eigentlich eine zweitrangige.»

Besonders in die Verantwortung nahm der Ministerpräsident junge
Menschen, denn in der Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen gibt es in
NRW im Moment besonders viele Corona-Fälle. «Es ist eine solidarische
Pflicht auch der Jungen, nicht nur an sich zu denken», mahnte
Laschet. Denn leicht könnten sie ihre Eltern und Großeltern
anstecken, die mit den Folgen einer Covid-19-Erkrankung meist viel
stärker zu kämpfen hätten als die Jungen selbst.

Tatsächlich waren es nach Angaben der Behörden häufig Party-Hotspots,

die den wichtigen Wert der Corona-Neunansteckungen pro 100 000
Einwohner in sieben Tagen in die Höhe getrieben haben. Neun Kreise
und kreisfreie Städte in Nordrhein-Westfalen lagen am Sonntag über
der wichtigen Corona-Warnstufe von 50 und gelten somit als
Risikogebiet. Spitzenreiter war Herne mit 86,3 Neuansteckungen pro
100 000 Einwohner in sieben Tagen. Auch Hagen (71,0), Wuppertal
(60,5) und Köln (59,7) lagen weit oberhalb der wichtigen 50er-Grenze.
Betroffen sind außerdem Hamm, Essen, der Kreis Recklinghausen, der
Kreis Unna und die Stadt Solingen. Einige Großstädte wie Düsseldorf,

Duisburg und Dortmund blieben noch knapp unter der Warnstufe.
Landesweit seien im Moment 50 000 Menschen in Quarantäne.

Regionen mit mehr als 50 Neuansteckungen pro 100 000 Einwohner in
sieben Tagen sind verpflichtet, weitergehende Einschränkungen für das
öffentliche Leben zu erlassen. So darf in Köln auf Straßen und
Plätzen ab 22.00 Uhr nun kein Alkohol mehr konsumiert werden, an
Party-Hotspots gilt an Wochenenden ein Alkohol-Verkaufsverbot. In
Fußgängerzonen müssen die Menschen Masken tragen. Essen verschärfte

unter anderem die Vorschriften für Beerdigungen.

Um den Flickenteppich aus regionalen Vorschriften zu beenden, will
die Landesregierung nun einheitlich vorgeben, welche Einschränkungen
des öffentlichen Lebens in Corona-Hotspots gelten. Sobald ein Kreis
oder eine kreisfreie Stadt in NRW die Grenze von 50 Neuansteckungen
pro 100 000 Einwohner in sieben Tagen überschreite, sollen sich dort
nur noch bis zu fünf Personen aus verschiedenen Haushalten in der
Öffentlichkeit treffen dürfen. Außerdem sollen in diesem Fall
Öffnungszeiten von Kneipen und Restaurants eingeschränkt werden.

Landesweit soll es außerdem mehr Tests in Alten- und Pflegeheimen
geben. Gibt es in einer Kommune mehr als 35 Neuinfektionen pro
100 000 Einwohner binnen sieben Tagen, würden alle Bewohner sowie das
Personal der Alten- und Pflegeheime dort einmalig auf das Virus
getestet.

Oppositionsführer Thomas Kutschaty warf Laschet vor, zu spät und
nicht entschlossen genug zu handeln. «Es ist höchste Zeit für einen
wirklichen Plan zur Vermeidung eines zweiten Lockdowns», sagte der
SPD-Fraktionschef. Unter anderem forderte er mehr Corona-Tests in
Kitas und Schulen sowie verstärkte Masken-Kontrollen im ÖPNV.