Experte sieht Großbritannien am «Scheideweg» von Corona-Pandemie

11.10.2020 11:23

London (dpa) - Großbritannien steht nach Ansicht von Wissenschaftlern
an einem «Scheideweg» in der Corona-Krise. Dem Land stünden schwere
Zeiten bevor, erklärte der Epidemiologe Jonathan Van-Tam am Sonntag.
«Leider wird in den kommenden Wochen, genau wie die Nacht auf den Tag
folgt, die Zahl der Todesfälle zunehmen.» Er forderte die Briten auf,
ihre sozialen Kontakte einzuschränken. Van-Tam gehört zu den Beratern
der Regierung von Premierminister Boris Johnson. Großbritannien mit
seinen knapp 67 Millionen Einwohnern ist von der Pandemie besonders
betroffen. Der Statistikbehörde zufolge gibt es etwa 58 000
Todesfälle, bei denen Covid-19 auf dem Totenschein erwähnt wurde.

Van-Tam schätzt das mögliche Ausmaß der zweiten Welle dramatischer
ein als das Ausmaß der ersten, da nun der Winter bevorsteht. «Die
Jahreszeiten sind gegen uns», sagte der Experte. Am Samstag hatten
die Behörden mehr als 15 000 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden
gemeldet - etwa 1300 mehr als am Vortag. Es wird mit einer hohen
Dunkelziffer gerechnet, da es nicht genug Tests im Land gibt.

Das Risiko neuer Corona-Infektionen steigt nach Angaben der
Weltgesundheitsorganisation (WHO), wenn es kühler wird und sich mehr
Menschen in geschlossenen Räumen aufhalten. Britische Experten
fürchten außerdem, dass der chronisch unterfinanzierte und marode
Gesundheitsdienst National Health Service (NHS) durch zusätzliche
Grippefälle im Winter kollabieren könnte. Experten riefen daher zu
Impfungen auf, doch zeichnet sich auch hier ein Mangel ab.

Besonders stark betroffen sind der Norden Englands, Schottland,
Nordirland und Teile von Wales. Jeder Landesteil in Großbritannien
entscheidet über seine eigenen Maßnahmen im Kampf gegen das Virus.
Kritiker bemängeln, dass es innerhalb Englands so viele
unterschiedliche Regelungen gibt, dass Wirrwarr entstanden sei.
Johnson will Berichten zufolge daher am Montag im Parlament ein neues
dreistufiges System von Maßnahmen vorstellen. Es könnte dazu führen,

dass in großen Teilen Nordenglands Pubs und Restaurants geschlossen
und Kontakte verschiedener Haushalte verboten werden.