Sperrstunde in Berlin - Kritik und Verständnis auf der Straße

10.10.2020 15:16

Berlin greift im Kampf gegen das Coronavirus härter durch und lässt
Bars und Kneipen nachts schließen. Die Gastronomie wird damit erneut
ausgebremst. Doch die Hauptstadt ist nicht allein mit dem Problem.

Berlin (dpa) - Wegen steigender Infektionszahlen in Berlin gilt in
der Hauptstadt seit diesem Wochenende eine Sperrstunde. Das
weltberühmte Nachtleben der Stadt pausiert nun erstmal von 23.00 Uhr
bis 06.00 Uhr. Restaurants, Kneipen und die meisten Geschäfte müssen
in dieser Zeit schließen. Auch andere Städte in Deutschland haben
ihre Regeln verschärft.

In der ersten Nacht mit der neuen Regelung in Berlin veranlassten
Polizisten die Schließung mehrerer Betriebe. Das sagte eine
Polizeisprecherin am Samstag. Eine Bilanz mit Zahlen sollte demnach
aber erst in der kommenden Woche vorliegen. Wie die Sprecherin
erläuterte, rücken die Beamten nicht zu gesonderten Einsätzen aus,
sondern kontrollierten die Sperrstunde im Rahmen ihrer üblichen
Dienste. Für die nächste Zeit wolle man prüfen, ob sich Schwerpunkte

bilden, an denen dann gegebenenfalls verstärkt kontrolliert wird.

Mehrere Medien berichteten von Verstößen. Manche Imbisse, Kneipen und

Spätis seien trotz Sperrstunde offen geblieben, laut «Berliner
Morgenpost» etwa auf der beliebten Ausgehmeile Simon-Dach-Straße in
Friedrichshain. Wie der «Berliner Kurier» (Online) schrieb, soll es
teils zu Diskussionen zwischen Betreibern und Polizisten gekommen
sein. Beide Zeitungen berichten, dass in einem Restaurant am
Kreuzberger Oranienplatz mehr als 80 Teilnehmer einer Feier nicht auf
Anweisungen der Polizei reagiert haben sollen.

Fragt man die Leute auf der Straße, was sie davon halten, fallen die
Meinungen unterschiedlich aus. «Ich bin froh, dass das jetzt so
kommt», sagte ein Mann in der Nacht auf Samstag. «Es ist ja
offensichtlich, dass die Leute sich nicht unter Kontrolle haben.»
Anders sieht das eine junge Frau. Sie halte das nicht für förderlich,
weil sich die Partys einfach ins Private verlagerten.

Nach Meinung der Soziologin Talja Blokland unterschätzt die Politik
mitunter, wie wichtig Kneipen für die Gesellschaft sind. Die
Sperrstunde in Berlin sieht sie kritisch. «Es kommt rüber, als wäre
n
Bars und Cafés zum Feiern da und nichts Notwendiges», sagte die
Professorin am Georg-Simmel-Zentrum für Metropolenforschung an der
Humboldt-Universität Berlin.

Auch die Berliner Gastronomie kritisierte die Sperrstunde heftig.
Mehrere Gastronomen gehen auch mit einem Eilantrag beim
Verwaltungsgericht dagegen vor. Mit einer Entscheidung ist nach
Angaben des Gerichts wohl in der kommenden Woche zu rechnen.

In immer mehr Großstädten steigt die Zahl neuer Infektionen. Mehrere
Städte zählten in einer Woche zuletzt mehr als 50 Neuinfektionen pro
100 000 Einwohner. Bremen beschloss ebenfalls die Verhängung einer
allgemeinen Sperrstunde und ein Alkoholverkaufsverbot von 23.00 Uhr
bis 6.00 Uhr.

In Köln darf auf Straßen und Plätzen abends ab 22.00 Uhr kein Alkohol

mehr konsumiert werden. An den Wochenenden gilt an Party-Hotspots ein
Verkaufsverbot für Alkohol. Außerdem dürfen sich nur noch bis zu fü
nf
Personen aus verschiedenen Haushalten in der Öffentlichkeit treffen -
bisher waren es zehn. In Fußgängerzonen müssen die Menschen Masken
tragen. Eine Sperrstunde gibt es aber derzeit nicht.