Offenbach nähert sich neuer Corona-Stufe - Sperrstunde in Frankfurt

09.10.2020 17:16

Die Corona-Infektionen steigen - und die Gesundheitsämter sind kaum
noch in der Lage, Infektionsketten nachzuverfolgen. Neue
Einschränkungen und Aufrufe zu Solidarität sollen die Pandemie
bremsen.

Frankfurt/Wiesbaden (dpa/lhe) - Angesichts weiter steigender Zahlen
nachgewiesener Corona-Infektionen ist die Stadt Offenbach nicht mehr
weit von der höchsten Warnstufe des Landes Hessen entfernt. Das
hessische Sozialministerium sprach am Freitag von einem Wert von 65,8
Fällen pro 100 000 Einwohner an sieben aufeinanderfolgenden Tagen,
die Stadt bezifferte den Wert bereits mit 70,6. Die von der Stadt
veröffentlichten Zahlen liegen häufig über denen des Landes. Einer

der Gründe dafür sind nach früheren Angaben eines Sprechers die
unterschiedlichen Übermittlungszeiten an das Robert Koch-Institut
(RKI), wodurch es zu Verzögerungen kommen kann.

Mit einem Wert von 55,9 lag auch Frankfurt über dem Wert der
Warnstufe «Rot» des Landes. In Hessen gab es am Freitag nach Angaben
des Sozialministeriums (Stand 14.00 Uhr) 21 092 bestätigte
Corona-Infektionen. Das waren 430 Fälle mehr als am Vortag. Die Zahl
der Menschen, die in Verbindung mit dem Virus gestorben sind, lag
unverändert bei 557.

In Nordhessen ist nach einem Corona-Ausbruch ein Großteil der
Bevölkerung eines Mini-Dorfs unter Quarantäne gestellt worden.
Hübenthal ist ein Stadtteil der Stadt Witzenhausen
(Werra-Meißner-Kreis) und hat rund 90 Einwohner. Die meisten lebten
dort auf zwei Höfen und seien nun in Quarantäne, sagte Bürgermeister

Daniel Herz (parteilos). Die vermutete Ursache der Infektionen: «Es
muss dort eine private Feier auf dem größeren der Höfe stattgefunden

haben.» Zuvor hatten verschiedene Medien darüber berichtet.

Aktuell gibt es laut dem Werra-Meißner-Kreis 33 akute
Covid-19-Infektionen in Witzenhausen, 30 davon in Hübenthal. Durch
die Quarantäne stellt sich nun die Frage, wer dort Lebensmittel
besorgt. Man arbeite daran, sagte Herz. Angedacht sei, dies über eine
Art Nachbarschaftshilfe zu organisieren.

Besonders drastisch ist der Anstieg der Infektionszahlen allerdings
in den Ballungszentren. In Frankfurt trat am Freitag eine
Allgemeinverfügung mit verschärften Regeln gegen die Pandemie in
Kraft, unter anderem mit einer Sperrstunde in Restaurants und Bars ab
23.00 Uhr, Alkoholverbot an zahlreichen öffentlichen Plätzen und
Straßen sowie einer verpflichtenden Mund-Nase-Bedeckung in mehreren
Einkaufsstraßen und Plätzen. Allerdings waren am Freitag in diesen
Straßen immer wieder Menschen zu sehen, die entweder keine Maske
trugen oder etwa die Nase unbedeckt ließen.

Ungeachtet der Verschärfung der Corona-Regeln eröffnete der
Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) am Freitag eine
Herbstkirmes als die wohl «sicherste, die es jemals gab» - verteilt
über mehrere Plätze, damit Abstandsregeln eingehalten werden konnten.
«Wir kämpfen dafür, dass ein Stück regulären Lebens erhalten blei
bt»,
sagte er.

Vor der Videoschalte von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den
Oberbürgermeistern der elf größten Städte hatte Feldmann das
Krisenmanagement auch als Gemeinschaftsaufgabe über die kommunalen
Grenzen hinaus bezeichnet. «Ich werde in dem zweiten Gespräch mit der
Kanzlerin dafür werben, dass sich die Metropolen bei ihren
Corona-Maßnahmen noch besser koordinieren. Das schafft
Verlässlichkeit und Vertrauen», sagte Feldmann der Deutschen
Presse-Agentur.

Bundes- und Landesregierung seien gefordert, die Ballungsräume
besonders im Kampf gegen Corona zu unterstützen, sagte der
Offenbacher Oberbürgermeister Felix Schwenke (SPD). «Wir brauchen
Personal von RKI, Bundeswehr und Co., wenn Fallzahlen besonders hoch
sind. Dies funktioniert überwiegend. Wir brauchen Testkapazitäten
dort, wo die Fallzahlen hoch sind. Dies ist häufiger problematisch.
Und wir müssen die wirtschaftlichen Auswirkungen vor Ort in den Blick
nehmen.»

Schwenke verwies beim Kampf gegen die Pandemie auf die Unterschiede
zwischen ländlichem Raum und Ballungszentren: «In Rhein-Main ist die
Mobilität der Menschen sehr hoch, die Wege sind kurz. Es macht zum
Beispiel wenig Sinn, dass an einem Ort eine Sperrstunde für die
Gastronomie eingeführt wird, wenn die Menschen dann nur wenige
Minuten mit der S-Bahn in der Nachbarstadt feiern gehen können.»
Deswegen müsse das Krisenmanagement die gesamte Region im Blick
behalten.

Kritisch äußerte sich Schwenke über Einschränkungen für Menschen
aus
als Risikogebieten eingestuften Regionen beim innerdeutschen Urlaub:
«Wir sind ein Deutschland und sollten solidarisch zusammenstehen»,
sagte er. Bürger aus Offenbach und vier weiteren deutschen Städten
müssen nach derzeitigem Stand einen aktuellen negativen Corona-Test
vorweisen, wenn sie von Freitag an als Touristen in
Schleswig-Holstein übernachten wollen. Auch in Bayern dürfen Menschen
aus Offenbach und Frankfurt von Samstag an nicht in Hotels beherbergt
werden, da die Städte als innerdeutsche Risikogebiete eingestuft
wurden.

Eine solidarische Gemeinschaft sei auch in den von Corona betroffenen
Kommunen gefragt, sagte Schwenke: «Ich will jetzt nicht einfach die
alten Menschen wegsperren und die jungen Menschen feiern lassen. Ich
will, dass wir zusammenhalten.»

Der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamtes, René Gottschalk,
bezeichnete das Beherbergungsverbot für Menschen aus Orten mit sehr
hohen Corona-Infektionszahlen in mehreren Bundesländern als nicht
nachvollziehbar und infektiologisch nicht vernünftig. Angesichts der
Inkubationszeit des Virus von 14 Tagen sage ein negativer Test im
Prinzip gar nichts aus, sagte Gottschalk dem Sender hr-iNFO am
Freitag.

Künftig sollen die Kommunen spätestens ab 35 Neuinfektionen pro 100
000 Einwohner binnen sieben Tagen Unterstützung durch Experten der
Bundeswehr zur Beratung und Koordinierung erhalten können. Das ist
eine der Vereinbarungen nach der Videoschalte von Bundeskanzlerin
Merkel mit den Oberbürgermeistern der zehn größten Städte am Freita
g.

Die Sperrstunden-Verfügung, die ab diesem Freitag jeweils um 23.00
Uhr in Frankfurter Gaststätten gilt, sei hingegen richtig, sagte
Gottschalk. Dort würden nicht zulässige Kinn-Nasen-Schutzbedeckungen
getragen oder teils gar keine Masken. «Dies ist sicherlich einer der
Gründe, warum insbesondere in der jungen Bevölkerung sich das Virus
wieder ausbreiten kann.»

Die Mitarbeiter des Gesundheitsamts seien derzeit kaum mehr in der
Lage, jede Infektionskette bis ins Detail nachverfolgen zu können.
Bislang hätten sie auch darauf geachtet, ob Menschen aus
Risikogruppen betroffen sein könnten. Wenn dies nicht mehr gelinge,
drohten Engpässe in den Krankenhäusern.

Großstädte und Ballungszentren bedeuteten kein besonderes
Infektionsrisiko, wenn die Regeln eingehalten würden, sagte der
Frankfurter Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) der Deutschen
Presse-Agentur. «Spezifisch an den Städten sind die Vielzahl an
ungeregelten Freizeitaktivitäten, die ohne das jetzt erforderliche
Verantwortungsbewusstsein beziehungsweise die Solidarität mit den
besonders gefährdeten Menschen eine gefährliche Eigendynamik bekommen
können», sagte er. Die in den Großstädten konzentrierten
Arbeitsplätze oder die vielen Einkaufsmöglichkeiten und öffentlichen

Verkehrsmittel seien hingegen meistens stark reguliert und damit kein
Risikofaktor - wenn die Regeln eingehalten würden.

Der hessische Verwaltungsgerichtshof lehnte unterdessen in einer am
Freitag veröffentlichten Entscheidung den Eilantrag eines Schülers
ab, der sich gegen eine von seiner Schule ausgesprochene dringende
Empfehlung einer Mund-Nases-Maske im Unterricht gewehrt hatte. Diese
stelle eine Meinungsäußerung dar, die der Adressat zwar
berücksichtigen solle, die aber seine Entscheidungsfreiheit unberührt
lasse, so das Gericht. Der Schüler werde somit in seinen Grundrechten
nicht verletzt. Diese Entscheidung ist rechtskräftig.(Aktenzeichen: 7
B 2192/20)